Viele emotionale Gegensätze müssen die Gebärdendolmetscherinnen am Sonntag transportieren.
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Viele emotionale Gegensätze müssen die Gebärdendolmetscherinnen am Sonntag transportieren.

Hanau

Märchen in Gebärden

  • Gregor Haschnik
    vonGregor Haschnik
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Dolmetscherinnen übersetzen den "Teufel mit den drei goldenen Haaren".

Das Zeichen für „Teufel“ ist so schön schlicht wie treffend: Ein Zeigefinger links am Kopf, der andere rechts – fertig sind zwei Hörnchen. Für „Gold“ braucht man einen abgespreizten Daumen und kleinen Finger, ähnlich wie beim Surfergruß. Und für „Haare“ werden diese einfach kurz angefasst. Doch die Zeichen sind bei weitem nicht alles: Darüber hinaus gilt es, „die Emotionen und die unterschiedlichen Charaktere rüberzubringen und dem Rhythmus von Gesang und Musik zu folgen“, sagt Yvonne Barilaro. „Das ist eine besondere Herausforderung.“

Die Gebärdendolmetscherin wird bei den Brüder-Grimm-Festspielen am Sonntag zusammen mit ihrer Kollegin Kathrin Enders den „Teufel mit den drei goldenen Haaren“ für Gehörlose übersetzen – eine Premiere. Nach den Worten von Intendant Frank-Lorenz Engel ist Hanau die erste Festspielstadt in Hessen, die Theater auch für Gehörlose anbietet, sie übernehme damit „eine Vorreiterrolle“. Mit dem Angebot, das ausgeweitet werden könnte, will Engel eine „kommunikative Barriere“ aufheben.

„Menschenkette für Vielfalt“

Entstanden ist die Idee während des Modellprojekts Inklusion der Stadt Hanau, an dem sich auch Menschen mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen beteiligen. Um für Inklusion zu werben, bildeten Bürger 2016 eine „Menschenkette für Vielfalt“.

Das Festspielensemble engagierte sich, ebenso der Gehörlosenverein Hanau und Umgebung. Dessen Mitglieder waren sehr daran interessiert, eine der Märchenaufführungen zu besuchen. Also suchten Intendant Engel und sein Ensemble nach Wegen, ihnen die Teilhabe zu ermöglichen. Jan Radermacher, der beim „Teufel mit den drei goldenen Haaren“ Regie führt, sei gleich bereit gewesen, das Projekt zu wagen.

Enders und Barilaro werden rechts vor der Bühne stehen und abwechselnd simultan übersetzen. In den ersten fünf Reihen haben gehörlose Besucher auf reservierten Plätzen eine gute Sicht. In dem zweistündigen Stück gibt es viele, ganz unterschiedliche Rollen. Da seien neben einer intensiven Vorbereitung viel Ausdauer und Konzentration gefragt, sagt Barilaro.

Alleine ist so etwas nicht machbar, deshalb wechselt sich die 36-Jährige mit ihrer Partnerin ab. Damit die Zuschauer erkennen, wen sie gerade übersetzen, nehmen die beiden teilweise die Körperhaltung der Figuren an und haben sich für diese spezielle Gesten ausgedacht. Die Dolmetscherinnen stehen auch nicht wie angewurzelt da, sondern bewegen sich relativ viel.

Barilaro ist in drei Kulturen zuHause: Die Frankfurterin hat italienische und deutsche Wurzeln. Gleichzeitig ist sie mit der Gehörlosenkultur vertraut, denn ihre Eltern sind gehörlos. Sie fühlt sich in allen drei Kulturen gleich heimisch, sagt Barilaro. An der Gebärdensprache schätzt sie besonders, dass „man Abstraktes sehr schön mit Bildern darstellen“ und „etwas auch dann gut ausdrücken kann, wenn einem die Worte fehlen“.

Barilaro ist eine erfahrene Profi-Dolmetscherin. Sie startete nach der Schule und übersetzt bei den unterschiedlichsten Veranstaltungen, etwa bei Mitarbeiterversammlungen oder der Musikshow The Dome. Die Art ihres Einsatzes am Wochenende ist neu für Barilaro, auch deshalb freut sie sich darauf. Vor allem aber, weil sie diese Barrierefreiheit für wichtig und beispielhaft hält: „Wir müssen allen Teilhabe ermöglichen. Gehörlosenkultur und Gebärdensprache sollten ein selbstverständlicher Teil unserer Gesellschaft sein.“

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