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Hanauer Geschichte

Lebensspuren aus der NS-Zeit

Fünf Lokalhistorikerinnen haben die Biografien von 236 Frauen aus Hanau zusammengetragen, die während der NS-Zeit verfolgt worden sind. Daraus soll jetzt eine Publikation entstehen.

Von Ute Vetter

Die Gestapo verhaftet die Hanauerin Greta Krieg am 10. Februar 1945 in ihrer Wohnung im Salisweg 34. Begründung: Die Jüdin lebe in einer verbotenen „Mischehe“ mit einem Deutschen. Obwohl das Konzentrationslager Auschwitz am 27. Januar 1945 befreit worden war, sperrte die Gestapo Greta Krieg und 16 weitere Hanauer Juden aus „Mischehen“ noch am besagten 10. Februar ins Gefängnis im Fronhof. Nach drei Tagen brachte man sie alle nach Frankfurt und pferchte sie mit weiteren Juden in einen Viehwaggon am Güterbahnhof Ost – bei eisiger Kälte, ohne Stroh, Decken, Wasser oder Essen. Ziel des grausigen Zuges: das Konzentrationslager Theresienstadt. Greta Krieg hatte Glück und überlebte. Sie wurde am 8. Mai 1945 befreit. Mit ihrem Mann und beiden Töchtern lebte sie noch bis 1951 in Hanau, dann wanderte die Familie über Argentinien in die USA aus.

Solche und 235 weitere Biografien Hanauer Frauen, die während der NS-Diktatur aus verschiedenen Gründen verfolgt wurden, hat die Projektgruppe „Lebensspuren“ zusammengetragen. „Alle wurden verfolgt, weil sie Jüdinnen, Roma oder Sinti waren, das NS-Regime politisch bekämpften, sich den Zumutungen der sogenannten Volksgemeinschaft widersetzten, ihrem Glauben treu blieben oder nicht für den Krieg arbeiten wollten“, erklärt die Hanauer Historikerin Ursula Krause-Schmitt.

Geschichte nahebringen

Sie gründete im Herbst 2009 mit vier gleichgesinnten Hanauer Frauen – Renate Beck, Gabriele Lüdecke-Eisenberg, Ingrid Müller und Helga Wilkening – die Gruppe „Lebensspuren“. Anlass war die in 2010 vom Frauenbüro im Stadtladen gezeigte Wanderausstellung „Frauen im Konzentrationslager 1933-1945. Moringen-Lichtenburg-Ravensbrück“ des „Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945“ (Frankfurt). Diese Schau hatte Krause-Schmitt inhaltlich und künstlerisch mitgestaltet, arbeitete sie doch bis zu ihrem Ruhestand in 2005 über 30 Jahre lang für den Studienkreis. „Wir wollten nach der Ausstellung das Thema auf lokaler Ebene vertiefen“, erklärt sie. Sie will das Gedenken an die Opfer der NS-Diktatur „auf unser Leben hier beziehen können“. Die große Klammer bei der Suche nach Frauen-Biografien in Archiven und Entschädigungsakten war schnell klar: „Alle sollten aus Hanau stammen.“ Denn nur so komme „Geschichte nahe“.

Alle fünf Aktivistinnen sind im Rentenalter. Und definieren ihre Lebenswege und Ambitionen als adäquat mit den Zielen der Frauen-, Friedens- und Gewerkschaftsbewegung. Auch die kleine Gruppengröße ist gewollt. „Wir sind kein Schwätzclub, sondern arbeiten“, sagt Renate Beck. Sie arbeitete bis zur Pensionierung in gewerkschaftlichen Bildungsstätten für die IG Metall und will „den NS-Opfern einen Namen geben“.

Helga Wilkening kämpft gegen das Vergessen. Sie will erinnern, dass die zweitgrößte Opfergruppe der Nazis nach den Juden die Sinti und Roma waren. „Nur die wenigsten überlebten, viele starben an den Folgen der Internierung im KZ auch nach ihrer Befreiung“, sagt sie beim Gespräch mit der Frankfurter Rundschau in ihrer Wohnung. Ihr Buchregal zeugt von profunden Kenntnissen von Themen wie „Verbrannte Bücher“, „Nazis sind Pop“ oder „Mein Leben im KZ Sachsenhausen“. Die Gruppe „Lebensspuren“ schließt ihre Arbeit demnächst ab, „obwohl das Thema nie abgeschlossen ist“, so Krause-Schmitt.

Ein etwa 100 Seiten starker Reader ist geplant, der das Projekt ausführlich dokumentiert. Allein die Biografien der 236 Hanauer Frauen, die jahrelang unter dem NS-Regime und seinen Demütigungen leiden mussten, umfasst 55 Seiten. Die Publikation soll andere, vielleicht auch jüngere Frauen anregen, am Thema dranzubleiben. „Denn wir sind ehrenamtliche Laien – da gibt es einfach Grenzen“, sagt Renate Beck.

Die Matinee „Lebensspuren – Verfolgung und Widerstand von Hanauer Frauen in der NS-Zeit“ mit Lesung und Musik am Sonntag, 30. Januar, beginnt um 11 Uhr in der Remisengalerie von Schloss Philippsruhe. Veranstalter sind der Hanauer Kulturverein und das städtische Frauenbüro. Der Eintritt ist frei.

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