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Die Daimlerstraße in einem relativ sauberen Zustand. Normalerweise liegt hier haufenweise Sperrmüll.
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Die Daimlerstraße in einem relativ sauberen Zustand. Normalerweise liegt hier haufenweise Sperrmüll.

Zuwanderer Hanau

Leben und Leiden in der Daimler

  • Gregor Haschnik
    VonGregor Haschnik
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Wie Einheimische und Armutszuwanderer den Brennpunkt am Hanauer Bahnhof wahrnehmen: ein Ort zum Weglaufen. Die Stadt versucht, Integrationswillige aus der Gegend herauszuholen

Segen und Fluch – das ist die Daimlerstraße für Gheorge Stefanescu genauso wie für Marco Bertoli (Namen von der Redaktion geändert). Sie leben fast Tür an Tür, haben sich aber noch nie unterhalten. Stefanescus Familie floh im vergangenen Mai vor der Armut in Rumänien und landete über Umwege in Hanau. Bertolis Vater kam vor mehr als 30 Jahren als Gastarbeiter und holte kurz darauf seine Familie nach, um mit ihr in Hanau heimisch zu werden. Sie zogen gleich in die Häuser in der Nähe des Hauptbahnhofes. Sowohl die Stefanescus als auch die Bertolis waren mal glücklich, in der Daimlerstraße ein Zuhause gefunden zu haben, doch nun wollen sie weg: „Wir wollen so schnell wie möglich eine neue Wohnung finden“, sagen sie.

Mehr als 400 Armutszuwanderer aus Rumänien sind mittlerweile in der weiß-grauen Häuserzeile gemeldet, mitunter leben mehr als zehn in einer Wohnung. Die Daimlersraße hat sich zu einem Brennpunkt entwickelt. Vermüllung, Kriminalität, Konflikte zwischen Nachbarn, Ausbeutung der Zuwanderer auf dem Bau oder in Lagerhallen sind Alltag. Eine Task-Force der Stadt soll für Ordnung sorgen und die integrationswilligen Zuwanderer unterstützen. Für die Verweigerer hingegen soll die Stadt „unattraktiver“ werden, wie es in der Arbeitsgruppe heißt, zum Beispiel durch intensive Kontrollen der vielen Gewerbe in der Daimlerstraße oder größere Strenge bei Sozialleistungen.

Rauch und Urin

Der Weg zu den Wohnungen der Stefanescus und Bertolis führt vorbei an Essensresten und Sperrmüllhaufen, die vor den Häusern liegen: alte Matratzen, Schränke, Bildschirme, Lumpen und und und. Die Sonne scheint, im Hof spritzen sich Kinder gegenseitig mit Wasserpistolen voll. Durch das Treppenhaus, wo es nach Rauch und Urin stinkt, führen Stromkabel. Jemand konnte seine Rechnung nicht mehr bezahlen und hat den Strom eines anderen angezapft. Die Briefkästen stehen offen, die Klingeln an den Wohnungstüren sind abmontiert, Drähte gucken raus.

Die aufgeräumten Zimmer der Stefanescus passen nicht in dieses Haus. Gheorge Stefanescu zeigt stolz auf die braune Couch in der Stube, die Kommode, auf der eine Vase mit Plastikblumen steht, die Nachttische im Zimmer der Söhne, wo Poster von Popstars hängen. „Wir haben alle Möbel im Müll gefunden“, sagt der 59-Jährige mit Stolz in der Stimme. „Gott segne unseren Vermieter. Ohne ihn wären wir obdachlos geworden.“ Sonst wollte ihm niemand eine Wohnung geben, obwohl er es oft versuchte. Die K.O.-Kriterien: Stefanescu ist Roma, hat fünf Kinder und keinen festen Job. Als Rumäne ist seine Freizügigkeit auf dem Arbeitsmarkt eingeschränkt, er darf nicht ohne weiteres einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nachgehen. Deshalb begehrte er auch nicht auf, als seine Heizung im Winter nicht ging, seine Familie fror und der Eigentümer des Hauses sich nicht darum gekümmert habe. Irgendwann besorgte er einen elektrischen Heizlüfter, jetzt hat er mehrere hundert Euro Schulden bei den Stadtwerken.

"An unserer Stelle..."

„In Rumänien hatten wir nichts. Bekamen keine Arbeit, hungerten, die Kinder konnten nicht zur Schule“, sagt Stefanescu. Die Deutschen sollten den Zuwanderer nicht böse sein: „An unserer Stelle wären sie auch hergekommen.“ Sein Ziel: „Ich möchte, dass meine Kinder eine gute Ausbildung und später eine sichere Stelle bekommen. Sie gehen gern zur Schule, lernen fleißig.“ Stefanescu sammelt Sperrmüll, außerdem lebt die Familie von Spenden und Sozialhilfe. „Ich bin sehr dankbar dafür“, sagt er. Was ihm schlaflose Nächte bereitet, sind die Verhältnisse in der Daimlerstraße. Er klagt über den Müll und Krach. Dann ruft er einen Sohn und zeigt auf ein Hämatom über seinem Auge. „Es ist gefährlich hier. Zu viele Menschen, zu viele Konflikte.“ Der Sohn sei eines Abends blutüberströmt nach Hause gekommen, nachdem er mit irgendetwas beworfen worden sei. Er prügele sich ständig, sei nervös, die Nachbarjungs hätten einen schlechten Einfluss auf ihn. Ein Arzt hat ihm ein Mittel gegen ADHS verschrieben. „Wir können nicht länger hierbleiben“, sagt Stefanescu.

Die Wohnung der Bertolis passt ebenso wenig in dieses Haus. Gemütlich eingerichtet mit tiefen Sesseln, einem großen Esstisch und unzähligen Familienfotos an den Wänden. Es gibt frischen Espresso und Cantuccini. „Was hier passiert, ist eine Katastrophe“, sagt Marco Bertoli, der sich wie einst sein Vater bei Goodyear Dunlop hochgearbeitet hat. „Ich habe mal liebend gern in der Daimlerstraße gewohnt.“ Doch wenn er jetzt im Morgengrauen zur Arbeit geht, laufen Ratten an ihm vorbei. Wenn er nach Hause kommt, betteln ihn Kinder um Geld und Zigaretten an. Als der Rollator seiner Mutter im Treppenhaus stand, hat jemand versucht, ihn zu klauen. „Meine Mutter traut sich kaum noch vor die Tür.“ Er könne die neuen Zuwanderer verstehen: „Das Leben in ihrer Heimat ist die Hölle. Aber einige von ihnen machen uns jetzt das Leben sehr schwer. Sie müssen unsere Regeln annehmen.“ Bertolis Schwester Antonella ist mit ihrer Tochter bereits ausgezogen, weil die Kleine bedrängt worden sein soll. Auf die Stadt und die Polizei habe sie nicht mehr gehofft, sagt sie: „Es gab viele Runde Tische, doch geändert hat sich nichts.“ Ihr Bruder will sofort weg, doch es wird ihm schwerfallen: „Ich habe noch nie woanders gewohnt. Wir hatten hier eine schöne, unbeschwerte Kindheit und Jugend.“

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