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Rosa Mauro (links) und Claire Selby sind selbst Schmuckkünstlerinnen und wirken bei den Mobiles mit. Präzision ist entscheidend.

Hanau

Schwebende Kunstwerke

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In einer kleinen Hanauer Manufaktur fertigt Silberschmied Wilfrid Kreutz Mobiles, die weltweit gefragt sind.

Der Poliermotor rattert und rotiert. Wilfrid Kreutz hat Paste auf die schwarze Bürste gestrichen und lässt sie über eine aus Messingblech geschnittene runde Fläche wandern. Immer und immer wieder. Eine schmierig-staubige, wichtige Arbeit: „Es muss perfekt sein. Makellos“, sagt Kreutz. Dann verbindet der Silberschmied das leuchtende Blech mit einem langen Draht. Er legt sie aneinander, entfacht die Flamme, lässt etwas Lot schmelzen, ganz vorsichtig auf die beiden Teile tropfen, und schon sind sie eins.

Der gebürtige Pforzheimer fertigt Mobiles – freihängende, dekorative Kunstobjekte aus Draht und Messing- oder Kupferblechscheiben. Ein Luftzug versetzt sie in sanfte Bewegung. Kreutz stellt die abstrakt anmutenden, bis zu vier Meter großen Werke her, seine Ehefrau Rivka Baake ist für das Marketing verantwortlich und verkauft sie über die Firma „Lappalainen“ – weltweit. „Wir ergänzen uns einfach gut.“ Die Kunden kommen zum Beispiel aus England und den USA. Kürzlich waren Chinesen da, die riesige Mobiles für ihre gehobene Konditoreikette haben wollen.

Silberschmied Kreutz wurde an der Staatlichen Zeichenakademie in Hanau, dessen Ruf als Goldschmiedestadt einst niederländische und wallonische Glaubensflüchtlinge begründeten, ausgebildet. Danach bildete er sich weiter, zum Kunstschmied. Inspirieren ließ er sich auch vom US-amerikanischen Bildhauer Alexander Calder, der mit seiner kinetischen Kunst als Erfinder des Mobiles gilt. „Wer sich damit beschäftigt, kommt an Calder nicht vorbei.“ Die Hanauer Mobiles sind nicht so leicht beweglich, dafür entfalten gerade die größeren in der Fläche eine starke Wirkung.

Lappalainen bietet beispielsweise auch Kerzenständer und Lampen an, und Kreutz verwendete lange einen größeren Teil seiner Arbeitszeit fürs Restaurieren von Objekten. Doch seit gut drei Jahren konzentriert er sich „zu rund 80 Prozent“ auf die Mobiles, hat seine Serien erweitert und verkauft ungefähr 300 bis 400 Stück pro Jahr. Die Produktion ist aufwendig, denn: „Alles ist Handarbeit.“ Kreutz ist in den vergangenen Jahren viel herumgekommen, lebte auch in Finnland, sein badischer Zungenschlag ist kaum noch zu hören. Er spricht ruhig und bedacht, scheint genauso im Gleichgewicht zu sein wie seine Objekte.

An einem Tisch zeichnet Rosa Mauro gerade mit einer Anreißnadel und einer Schablone Blechscheiben vor, um sie danach auszuschneiden. Währenddessen schmiedet Claire Selby mit einem Hammer Drähte zurecht. Auch hier ist Präzision gefragt, sonst fehlt dem Mobile die Balance. Selby und Mauro haben ihr Handwerk ebenfalls an der Zeichenakademie gelernt, sind Teil der Ateliergemeinschaft „Made in Hanau“ und unterstützen Kreutz. Alleine könnte er die Nachfrage kaum noch bedienen.

Bei dem Raumschmuck „haben uns die sozialen Netzwerke geholfen, bekannt zu werden“, erzählt Kreutz. Den Instagram-Account von Lappalainen, auf dem die Werke in Szene gesetzt werden, haben mittlerweile mehr als 8500 Leute abonniert. Am Anfang hat Rivka Baake die sogenannten Influencer, die hier eine große Rolle spielen, kontaktiert und ihnen die Produkte empfohlen. Mittlerweile kommen viele Anfragen von selbst. Londoner Innenarchitekten bestellen die dekorativen Stücke für ihre vermögenden Kunden. Die New Yorker Website Remodelista, Leitmedium in Sachen Einrichtung und Design, ist angetan vom Stil von Lappalainen, genau wie Architectural Digest.

Der Name des Unternehmens stammt aus einer Zeit, in der Baake vor allem mit Retro-Bettwäsche handelte. Ein Freund des Paares, ein Kunstschmied aus Helsinki, heißt mit Nachnamen Lappalainen. Da das in Zusammenhang mit Wäsche ein Wortspiel ergibt“, sagt Kreutz, erhielt die Firma diesen Namen und heißt nach wie vor so. Auch, weil der weiche Klang zu den Mobiles passt.

Ist ein Objekt erst mal zusammengebaut, ist es noch lange nicht fertig. Kreutz steigt mit den bis zu 50 Kilo schweren Teilen dann auf eine Leiter, hängt sie auf und prüft immer wieder, ob Optik und Gleichgewicht stimmen. Wenn nicht, wird optimiert, etwa Fläche oder Draht weggenommen. Bis wirklich alles passt und ausbalanciert ist.

Wieso die Mobiles so gut ankommen? Eine eindeutige Erklärung hat Kreutz nicht. Ein Teil des Geheimnisses liegt wohl in dem von Baake und Kreutz umgestalteten Backsteinbau in der Kastanienallee, in dem die Mobiles entstehen: Er verdient die Bezeichnung Manufaktur mit all seinen Werkbänken, Schubladen, Holztischen, mit den unzähligen Silberschmied-Werkzeugen, mit den Scheren, Zangen, Pinzetten, Punzen, Ziselier- und Polierhämmern, denen man ansieht, dass sie intensiv genutzt werden.

„Als wir einzogen, war ein großer Teil der Fenster mit Efeu bewachsen“, erinnert sich Kreutz. Jetzt ist die hohe Halle, in der auch mal eine Schreinerei war, lichtdurchflutet und bietet nicht nur genug Raum für die teils gigantischen Mobiles, sondern lässt das Licht auf ihnen funkeln.

Früher flimmerten hier Stroboskope, wurde ordentlich gerockt und getanzt. Wo Kreutz heute seine fein austarierten Schmuckstücke fertigt, ging es auch mal exzessiv zu – als sich an dieser Stelle das KuBa (Kulturbazar) befand, ein alternativer Club, den viele in Hanau und Umgebung vermissen. Ende 1989 trat Kurt Cobain dort mit Nirvana auf und übernachtete in der Wohnung im ersten Stock, in der nun Kreutz mit seiner Familie lebt. Im Netz kann man sich Aufnahmen des Konzerts mit dem schon damals unverwechselbaren Cobain anhören. Auch die Band Soundgarden soll im Kuba gespielt haben.

Einen Grund für den Erfolg sieht Kreutz im Trend zu Messing, der vor ein paar Jahren aufkam. Aus dem an Gold erinnernden, aber günstigen Material produzierte er damals bereits einen Teil seiner Mobiles. „Vielleicht ist es auch die Lichtreflexion. Oder die Tatsache, dass sie so frei im Raum hängen können.“

Kreutz freut sich über den Erfolg, ist dankbar dafür. Als selbstständiger Silber- und Kunstschmied hat er „auch längere Durststrecken, viele Höhen und Tiefen erlebt. Das gehört aber einfach dazu“, sagt er nüchtern. Er wollte schon früh kreativ arbeiten, zeichnete viel in seiner Jugend, baute Objekte. „Und über die Jahre wächst das Vertrauen in einen selbst.“

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