Pralinen versüßen das Leben. Doch die gertenschlanke Goldschmiedin Esther Bott interessiert sich nur für die Kunststoffverpackungen der Kalorienbomben. Die leeren Hüllen inspirieren sie zu Transformationen - sie erstellt daraus dank Latex und Silikon-Kautschuk poppig-avantgardistischen Schmuck her. Die "Pralinen" werden so zu witzigen Broschen und Ringen.
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Pralinen versüßen das Leben. Doch die gertenschlanke Goldschmiedin Esther Bott interessiert sich nur für die Kunststoffverpackungen der Kalorienbomben. Die leeren Hüllen inspirieren sie zu Transformationen - sie erstellt daraus dank Latex und Silikon-Kautschuk poppig-avantgardistischen Schmuck her. Die "Pralinen" werden so zu witzigen Broschen und Ringen.

Deutsches Goldschmiedehaus Hanau

Kunststoff-Kunst und Raketen-Broschen

An Süßigkeiten interessiert die Goldschmiedin Esther Bott nur eines: die Verpackung. Schrillen Schmuck macht sie daraus. Wie der aussieht, ist jetzt im Goldschmiedehaus zu sehen. Von Ute Vetter

Von Ute Vetter

Pralinen versüßen das Leben. Doch die gertenschlanke Goldschmiedin Esther Bott interessiert sich nur für die Kunststoffverpackungen der Kalorienbomben.

Die leeren Hüllen inspirieren sie zu Transformationen - sie erstellt daraus dank Latex und Silikon-Kautschuk poppig-avantgardistischen Schmuck her. Die "Pralinen" werden zu witzigen Broschen, Flaschenköpfe zu Ringen, Abdrucke von Körperfalten zu interessanten Dekolleteé- oder Bauchfalten-Broschen, Milchtüten zu Ketten und Gummibärchen zu witzigen Armbändern.

Alltäglicher Abfall wie Plastiktüten, Obstnetze, Kabelbinder oder Plastiklöffelchen aus dem Eiscafé gehören ebenso zum ungewöhnlichen Repertoire ihrer Kunstoff-Kunst wie lustige "Bad-Objekte", die auf Spiegeln oder Kacheln einfach haften bleiben. Nur wenige Arbeiten sind organisch, stammen etwa von leeren Fruchhülsen eines ihr unbekannten Strauchs oder heißen Litschi, weil sie dieser Frucht nachgearbeitet sind.

Kein Objekt ist Esther Bott zu profan

Alle ihre Arbeiten leben von der geschickten Verfremdung. Kein Produkt ist ihr zu profan. Ihre lange grellorangefarbene Kette aus weichen, großen Kunststoff-Kettengliedern etwa hat dünn geschnittene Paprikaringe zum Vorbild.

"Ich nehme gern Dinge des Alltags, sehe überall tolle Formen." Metalle wie Gold und Silber wurden der Schmuckgestalterin zu "farblos". An den Kunststoffen schätzt die Schmuckgestalterin bereits seit Anfang der 1990er Jahre nicht nur den Verfremdungs- und Recycling-Aspekt, sondern vor allem auch die Möglichkeit, sie bunt, teils neongrell einzufärben.

Die Farbe hat am Transformationsprozess der einstigen Alltags- und Wegwerfprodukte einen großen Anteil, weil sie sie entfremdet und gleichzeitig mit der Form konkurriert. Aber auch Reihungen und Faltungen, etwa ihre Ketten aus transparentem Tüllpapier, sind charakteristische Merkmale ihrer Arbeiten. Esther Bott leistet damit einen ganz eigenen Beitrag zur Kritik der Warenästhetik.

Zweite Schmuck-Ausstellung zeigt 18 Meister

Alle Werke der insgesamt 18 Schmuck- und Gerätgestalter der zweiten Aussstellung aufzuzählen, sprengte den Rahmen. Besuchenswert ist auch sie allemal, denn die in den letzten zwei Jahren der Gesellschaft für Goldschmiedekunst beigetretenen Künstler bieten famose Gegensätze - und damit viel Abwechslung.

Der Spanier Rinaldo Alvarez etwa kombiniert Fundstücke wie Holz-und Glasstücke mit edlen Materialien wie Koralle, Perlen und Gold, baut sie zu einer Installation in eine leere Taschenuhr ein.

Thomas Dierks beeindruckt mit mächtigen Gliederketten aus Aluminium, an denen Kampfflugzeuge baumeln - und auf seine kleinen Broschen mit den Schönen Namen "Saat" fallen viele herein, denn beim oberflächlichen Blick übersieht man, dass sie aus hunderten kleinen Raketen zusammengesetzt sind.

Das Innenleben der "Metamorphosen"-Anhänger von Martina Lang ist mit Leder,Blüten und Wachs gefüllt. Sie wirken teilweise wie Amulette der Neuzeit. Streng wirken die Arbeiten von Johannes Borst, der Grundrisse zu Broschen verarbeitet.

Das "Gerüst" von Eva Bauers Broschen und Anhängern sind silberne Grütelschnallen, die sie mit Holz Kunststoff und Elfenbeinersatz ergänzt. Der Italiener Fabrizio Tridenti zeigt konstruktivistische Arbeiten, während die Japanerin Mieko Suzuki-Wanner ihre typisch japanische Vorliebe für Perlen mit einer Affinität zum neuen Lebensumfeld an der Ostsee geschickt verbindet: Bernsteinperlen sind schließlich auch schön!

Sehenswert sind auch die Arbeiten von Walter Wittek, dem Erfinder des so genannten Spannrings. Er sagt über seine teils gefährlich spitzen Werke: "Keine Gestaltung. Kein Schnickschnack. Keine Kunst." Sein gewaltiger "Präsidentenring", der entfernt an eine Rakete mit Fingerloch erinnert, wird zur Installation.

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