Seit 27 Jahren autonomes Zentrum: das besetzte Haus Metzgerstraße 8.
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Seit 27 Jahren autonomes Zentrum: das besetzte Haus Metzgerstraße 8.

Autonomes Kulturzentrum

Keineswegs angepasst

  • Detlef Sundermann
    vonDetlef Sundermann
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Jubiläum: Vor 27 Jahren haben junge Leute den Flachbau in der Metzgerstraße 8 besetzt. Das mit Graffiti übersäte Gebäude ist eines der am längsten besetzten Häuser in Deutschland.

Der Avantgardemusiker John Cage soll ihm das Stück „Five Hanau Silence“ gewidmet haben. Aber auch das brachte dem autonomen Kulturzentrum Metzgerstraße 8 nur begrenzte Sympathie vor allem in der Kommunalpolitik ein. Weihnachten 1986 ist der Flachbau von jungen Leuten okkupiert worden. Die Besetzung zählt mit zu den am längsten dauernden in Deutschland.

„Drei Besetzer aus den ersten Tagen sind noch dabei“, sagt „Moses“. Man nenne ihn so, sagt er, und so wolle er auch in der Zeitung stehen. Moses zählt zur ersten Generation Metzgerstraße 8. „In dem Gebäude war der Nachtclub ‚Moulin Rouge‘ drin. Als die Stadt Hanau die polizeiliche Sperrstunde einführte, machte der Besitzer den Club offenbar aus wirtschaftlichen Gründen zu“, erzählt Moses. Danach stand über Jahre das Haus leer, das immer mehr zu verfallen drohte. Anders als in manchen Städten, wo Gebäude wegen Wohnraum besetzt worden sind, war dies in der Hanauer Altstadt nicht so. Es sollte ein Platz für alternative Kultur und Aktionen schaffen werden, etwa die Proteste gegen die Atompolitik und die Nuklearbetriebe in Hanaus.

Schon bald weitete sich das Engagement der Leute in der Metzgerstraße 8 auf Hilfe für Asylsuchende und gegen Rechtsextremismus aus. „Mit der Flüchtlingshilfe stemmten wir uns gegen eine Abschottungspolitik“, sagt Moses. Besonders in der 90er Jahren sei das Kulturzentrum von diesen beiden Themen geprägt worden, als Neo-Nazis unter Gejohle von Anwohnern Häuser mit Asylbewerbern in Hoyerswerda, Rostock und anderswo Feuer legten. „Wir waren die Mitbegründer der Kampagne ‚Kein Mensch ist illegal‘“, sagt Moses.

Flüchtlingshilfe und der Kampf gegen Rechts steht noch heute auf der Agenda der Besetzer. Als Mitglied im Sozialforum beschäftigt man sich auch mit dem Stadtumbau und dessen Auswirkung für die Bevölkerung, die laut Moses zunehmend preiswerten Wohnraum verliert. Ehrenamtliche Flüchtlings- und Hartz-IV-Beratung zählen wie die wöchentliche „Volxküche“ mit Essen zum Selbstkostenpreis zu den festen Einrichtungen.

Mehr Jugendliche kommen

Die heutigen Besucher sind durchschnittlich 20 bis 35 Jahre. Mittlerweile kommen wieder mehr Jugendliche, heißt es. Für den einen sei es der Einstieg in die Politik, für die anderen seien es die Konzerte von Folk, Electro bis Punk mit bis zu 100 Gästen. Konzerte lösten bei „Horst“ das Interesse aus, seinen wirklichen Namen möchte er nicht sagen. Er zählt sich zum harten Kern und zum Besetzerplenum.

Während der Besitzer die Besetzer duldete, war die Metzgerstraße 8 etwa der CDU und den rechtsgerichteten Republikanern im Stadtparlament ein Dorn im Auge. Die Stadt sollte die Immobilie 1997 kaufen. Der Hauseigner zeige sich zwar verkaufswillig, aber zu einem maßlos übertriebenen Preis.

Vor Jahren starb der Besitzer. „Miete zahlen wir immer noch nicht, sonst wäre es ja auch kein besetztes Haus mehr“, sagt Moses. Strom- und Wasserrechnung werden aus den wenigen Einnahmen bestritten.

Mitte August 2011 drohte unerwartet das Ende. Aus unbekannter Ursache brach nachts ein Feuer aus, das die Räume erheblich beschädigte. Dass nach Monaten Wiedereröffnung gefeiert werden konnte, war auch den Freunden und Fördern der Metzgerstraße 8 zuzuschreiben, die mit Baumaterialspenden und Arbeitseinsätzen halfen, die Schäden zu beseitigen.

Das Graffiti übersäte Haus falle auch Touristen auf, bemerkt Moses und fügt schmunzelnd an. „Ich glaube, wir müssten mal ein Info-Täfelchen anbringen.“

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