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Der Freiheitsplatz galt 2017 als „Brennpunkt“. Seitdem die Kameras hier hängen, sei es deutlich ruhiger geworden, sagt die Polizei.

Kampf gegen Jugendkriminalität

Jugendkriminalität in Hanau: Sozialarbeiter kritisieren repressive Maßnahmen der Stadt

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Die Jugendkriminalität in Hanau ist gesunken, doch Sozialarbeiter fordern mehr echte Prävention und verurteilen unverhältnismäßige Härte.

André Müller, Einsatzleiter bei der Stadtpolizei, kann auf drei großen Bildschirmen den Marktplatz, Freiheitsplatz und Platanenplatz sehen, fast jeden Quadratzentimeter. Die Bilder laufen nebenbei, während Müller andere Arbeiten erledigt. Doch wenn Hektik ausbreche, merke er das, sagt Müller. Die 28 Kameras „liefern gestochen scharfe Bilder“, erklärt Thorsten Wünschmann, Leiter des Ordnungsamts. Man kann auch nach dem Zurückspulen so heranzoomen, dass Gesichter klar zu erkennen sind. Seit einem Jahr ist die 700.000 Euro teure Anlage in Betrieb, Wünschmann zieht ein positives Fazit: Hanau sei so sicher wie noch nie, auch dank der Kameras. Der Kritik der Gruppe Datenschützer Rhein-Main an der Überwachung hält er entgegen, die Stadt halte hohe Vorgaben ein und lösche die Daten nach zehn Tagen, wenn kein Hinweis auf Straftaten vorliege.

Nach mehreren großen, brutalen Auseinandersetzungen vor zwei Jahren machte Hanau bundesweit Negativ-Schlagzeilen, galt als „Brennpunkt“ der Jugendkriminalität, insbesondere der Freiheitsplatz. Daraufhin kündigte die Stadt Ende April 2017 an, die Prävention auszubauen. Neben Videoüberwachung wurden „weitere Maßnahmen der Jugend- und Sozialarbeit“ angekündigt. Was wurde tatsächlich umgesetzt?

Stadtpolizei in Hanau ist aufgestockt worden - häufige Kontrollen

Auf FR-Anfrage nennt die Stadt zuerst die Videoanlagen und das Haus des Jugendrechts, in dem ab April 2020 Justiz und Jugendgerichtshilfe – die um zwei Stellen aufgestockt worden sei – kooperieren sollen. Die Stadtpolizei, die inzwischen mit einer Wache am Marktplatz präsent ist, sei ebenfalls aufgestockt worden.

Im Sommer seien Sozialarbeiter „mit attraktiven Angeboten“ wie Tischkicker am Freiheitsplatz gewesen, um Jugendliche für die städtischen Einrichtungen zu interessieren. Ein Streetworker wurde 2018 eingestellt – der schnell wieder ging. Nach einer etwa halbjährigen Vakanz soll die Stelle Mitte Mai neu besetzt werden. Finanziert wird sie von der Berenbrok-Winterstein-Stiftung.

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„Strafe sollte schnell erfolgen“

Die Verantwortlichen im Rathaus tun ihrer Ansicht nach genug, um Jugendkriminalität zu vermeiden: „Die spürbare Beruhigung spricht dafür“, sagt der für Soziales zuständige Bürgermeister Axel Weiss-Thiel (SPD). Natürlich könne man immer mehr machen, fügt Ordnungsdezernent Thomas Morlock (FDP) hinzu, „aber wenn die Zahl die Straftaten, die durch Jugendliche begangen wurden, um 15,3 Prozent gesunken ist, dokumentiert dies auch das hohe Niveau unserer Präventionsarbeit“. Sie beziehen sich auf die Kriminalstatistik, die in den vergangenen beiden Jahren einen Rückgang von 1053 auf 892 erfasste Fälle belegt. Morlock und Weiss-Thiel betonen: Das 2017 „in der Öffentlichkeit erzeugte Bild von ,Massenschlägereien‘“ sei an der Realität weit vorbeigegangen.

Nichtsdestotrotz sehen die Dezernenten auch andere Akteure in der Pflicht. Sie fordern von Bund und Land, die „Präsenz der Polizei im Straßenraum dauerhaft sicherzustellen“. Und Jugend- sowie Integrationsarbeit „nicht als befristete Projekte zu finanzieren, sondern insbesondere in großen Städten als Daueraufgabe anzuerkennen und zu unterstützen“. Hanau hat mit dem „Kommunalen Schutzschirm“ erhebliche Einschnitte vorgenommen, auch im Sozialen: So wurden unter anderem zwei Jugendeinrichtungen in den Stadtteilen geschlossen, in anderen wurde das Angebot reduziert und mehrere Stellen in der Familien- und Jugendarbeit abgebaut.

Jugendliche sagen, in der Innenstadt von Hanau fehle es an Angeboten für sie

Mittwochabend in der Metzgerstraße: Hakan und Alex (Namen geändert) stehen vor dem Kiosk. Wie andere junge Leute treffen sie sich in der Altstadt, hängen in der Gegend um das Goldschmiedehaus ab. Seitdem es die Videoüberwachung gibt, gehen viele nicht mehr zum Freiheitsplatz, weil sie sich dort permanent beobachtet fühlen. „In der Innenstadt fehlt es an guten Angeboten für Jugendliche“, sagt Alex. Das trage dazu bei, dass gerade die Jüngeren zu viel Alkohol trinken und aggressiv werden würden. Das städtische Jugendbildungs- und Kulturzentrum (JuBiKuz) sei „komisch“ und abends sowieso meistens zu. Er hat den Eindruck, man wolle sie dort nicht, und kritisiert, dass jetzt auch in der Altstadt ständig Polizeikontrollen stattfänden. „Ich bin nicht grundsätzlich gegen Kontrollen. Aber oft gibt es keinen Grund dafür.“

Kurz zuvor im Lamboypark unterhalten sich vier 16- bis 17-Jährige. Nebenan ragen die Hochhäuser der Schwarzenberger Straße in die Höhe. Auch sie fordern mehr passende Freizeitangebote, „wie das Boxprojekt im Juz K-Town“, meint Ali. Jugendzentrum und Boxtraining werden von der evangelischen Kirche und der Stadt finanziert – müssen aber immer wieder um ihre Zukunft bangen. Kadir sieht aber auch die Eltern in der Verantwortung. „Im Gegensatz zu unseren kümmern sich viele gar nicht.“ Und die Jugendlichen selbst? „Viele wollen auf Gangster machen. Es gibt schon Elfjährige, die in die Innenstadt gehen, um Ärger zu machen und zu zeigen, wie stark sie sind“, erzählt Timur. Ja, in Hanau könne es gefährlich werden, aber sie hätten keine Angst. „Wir kennen alle.“ Gegen die Videoüberwachung im Zentrum haben sie nichts, das könne Leute, die sich nicht wehren können, schützen. Die Kontrollen stoßen aber auch ihnen übel auf.

Diese macht nicht nur die Landes-, sondern auch die Stadtpolizei. Ordnungsamtsleiter Wünschmann sieht einen Vorteil der Kameras darin, dass sich die Polizei auf andere Bereiche konzentrieren könne. Die Kontrollen hätten immer einen Anlass, etwa konkrete Hinweise, sagt er. Den Vorwurf des Racial Profilings weist er zurück.

Der Kritik an mangelnden Möglichkeiten für junge Leute widerspricht Sozialdezernent Weiss-Thiel. Im Vergleich zu anderen Städten sei Hanau trotz eines begrenzten Budgets gut aufgestellt, biete etwa im JuBiKuz auch einen offenen Treff, der sich an alle richte, keinen ausschließe. Er schlägt den Jugendlichen vor, vorbeizukommen und Ideen einzubringen. Die Anfrage, wie oft das JuBiKuz und andere Einrichtungen besucht werden, hat die Stadt bislang nicht beantwortet.

Soziale Missstände in Hanau - auffällige Jugendliche brauchen Perspektiven

Mehrere Sozialarbeiter, die mit der Situation in Hanau vertraut sind, aber anonym bleiben möchten, üben scharfe Kritik am Vorgehen der Stadt. Einer von ihnen sagt: „Fast alle Maßnahmen, die seit 2017 ergriffen wurden, sind repressiv – letzten Endes auch das Haus des Jugendrechts. Auch die Kameras und Kontrollen sind keine echte Prävention.“ Es brauche eine intensive und langfristige Jugendarbeit, vor allem in der City und in den Abendstunden. „Gerade sogenannte schwierige Jugendliche brauchen einen Ort, an dem sie willkommen sind, und Ansprechpartner, denen sie vertrauen.“ Dass die erfassten Fälle geringer geworden sind, sei kein Grund zur Entwarnung, mahnt er. Hanau habe ein größeres Problem mit Jugendkriminalität als zum Beispiel Fulda.

Die Ursache sieht eine Kennerin der Hanauer Szene vor allem in sozialen Missständen. „Viele der Auffälligen kommen aus armen Familien, haben Ausgrenzung und Benachteiligung erlebt.“ Am wichtigsten sei es, „ihnen Selbstvertrauen und Perspektiven zu geben, so dass sie es nicht mehr nötig haben, sich zu schlagen oder Drogen zu nehmen.“ Für diese Leute müsse sich die Stadt besser einsetzen und mehr Geld in die Hand nehmen anstatt für Kameras. „Ansonsten werden die Probleme nur verdrängt.“

Konflikte im Frühjahr 2017

Vor zwei Jahren haben Gruppen von jungen Leuten in Hanau mehrere Großeinsätze der Polizei ausgelöst: In der Altstadt gerieten Geflüchtete und Hanauer mit Migrationshintergrund aneinander, insgesamt hatten sich am Schlossplatz etwa 150 junge Leute versammelt, wovon laut Polizei aber nur vier aktiv eingriffen.

An einer Schlägerei in Gelnhausen sollen sich etwa 30 Hanauer beteiligt haben. Kurz danach wurde ein Passant auf dem Freiheitsplatz so brutal geschlagen, dass er auf einem Auge fast blind ist. Überregionale Medien beschrieben Hanau als „Gewalt-Brennpunkt“ und Gefahrenzone.

Juristisch sind die Fälle aufgearbeitet: Bei den beiden zuerst genannten wurden die Ermittlungen eingestellt. Laut Staatsanwaltschaft „konnte kein Tatnachweis erbracht werden.“ Die Polizei habe eine Eskalation verhindern können. Im dritten Fall wurde einer der Schläger zu zwei Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Er gehörte einer Gruppe an, die wiederholt gewalttätig wurde und sich in Anlehnung an den früheren Drogenboss Escobar-Gang nannte.

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