Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Hanau

Justitia unterm Hakenkreuz

  • VonFrank Sommer
    schließen

Ausstellung zeigt politische Verstrickungen / Schicksale von jüdischen Juristen in Hanau.

Ein angesehener Rechtsanwalt und geachteteter Bürger Gelnhausens war er – zumindest bis die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Dann erlebte der in Vollmerz bei Schlüchtern geborene Elkan Sondheimer, der eine Anwalts- und Notariatskanzlei in Gelnhausen unterhielt, aufgrund seines jüdischen Glaubens Diskriminierung und Verfolgung. Mit knapper Not konnten er und seine Frau 1938 aus Deutschland entkommen.

Sondheimers Schicksal ist eines von vielen, das in einer Wanderausstellung im Hanauer Justizzentrum beleuchtet wird. „Verstrickung der Justiz in das NS-System 1933 bis 1945 – Forschungsergebnisse für Hessen“ lautet der Titel der Ausstellung. Konzipiert wurde die Ausstellung vom Hessischen Studienzentrum der Finanzverwaltung und Justiz in Rothenburg an der Fulda, die Projektleitung lag bei dem Rechtswissenschaftler Wolfgang Form an der Philipps-Universität Marburg.

Auf 44 Schautafeln wird über eine Zeit berichtet, in der die Justiz den nationalsozialistischen Machthabern zu dienen hatte. So wurden in Hessen zwischen 1933 und 1945 mehr als 3800 Frauen und Männer wegen politischer Delikte angeklagt, ist dort zu lesen. Deutschlandweit verhängten die zivilen Gerichte in der NS-Zeit mehr als 16 000 Todesurteile. Um politische Gegner und den Widerstand auszuschalten, wurden Sondergerichte installiert, darunter der Volksgerichtshof.

An Beispielen wird gezeigt, welche Verfolgtengruppen es gab und welche menschenverachtende Behandlung die Opfer zu erdulden hatten, etwa Zwangssterilisationen als Folge des sogenannten Erbgesundheitsgesetzes. In Zusammenarbeit mit dem Amtsgericht und der Staatsanwaltschaft Hanau sowie der Stadt und dem Hanauer Geschichtsverein 1844 wurde ein eigener Themenschwerpunkt „Jüdische Juristen in Hanau – Verfolgungsschicksale Hanauer Bürger“ erarbeitet.

Sondheimers Villa wurde zum Kinderheim

So wird das Schicksal des Rechtsanwalts Sondheimer genauer beleuchtet: Nachdem die Nationalsozialisten an die Macht gekommen waren, wurden jüdische Anwälte und Richter systematisch aus ihren Berufen gedrängt. Wegen angeblicher Steuerschulden wurden 1938 horrende Geldstrafen gegen Sondheimer verhängt – kein Einzelfall, wie in der Ausstellung zu sehen ist.

Sondheimer nahm dies zum Anlass, Deutschland zu verlassen. Obwohl er derart ausgeplündert wurde, sorgte er noch dafür, dass seine Villa am Alten Graben in Gelnhausen einem sozialen Zweck zugeführt wurde. Der damals leitende Arzt am Kreiskrankenhaus, Gerhart Calinich, fungierte als Mittelsmann beim Hausverkauf: Aus der Villa wurde ein Kinderheim. Sondheimer und seine Frau verließen Deutschland, über Südamerika kamen sie schließlich nach New York.

Es sind Schicksale wie das von Sondheimer, die den Besuchern die titelgebende Verstrickung der Justiz in den nationalsozialistischen Unrechtsstaat vor Augen führen. Durch seine Flucht entging Sondheimer dem kurz darauf folgenden Novemberpogrom 1938. Was jüdischen Mitbürgern damals drohte, wird aus einem späteren Prozess im Jahre 1947 gegen zwei Täter während des Pogroms deutlich: Am Vorabend der Pogromnacht, am 8. November 1938, rotteten sich Bürger und SA-Männer in Wachenbuchen zusammen und überfielen die jüdische Schule.

Während das Gebäude geplündert und zerstört wurde, versuchte der Landwirt Wilhelm Schäfer mehrfach, den jüdischen Lehrer Leo Sonnenberg mit einer Axt zu erschlagen. Sonnenberg entkam schwer misshandelt dem Angriff und flüchtete aus dem Ort, noch in der Nacht verkündete der damalige Landrat Löser, man „hätte den Juden totschlagen sollen, statt ihn laufen zu lassen“.

Vom KZ-Häftling zum Landgerichtspräsident

Das Urteil gegen die überführten Täter sprach 1947 Felix Lesser, der selbst wegen seiner „nichtarischen Abstammung“ damals aus dem Beruf gedrängt und schließlich nach Theresienstadt deportiert worden war. Lesser wurde nach Kriegsende zum Präsidenten des Landgerichts Hanau ernannt. Der Wiederaufbau der Hanauer Justiz und des Gerichtsgebäudes erfolgte unter seiner Leitung.

Auch dem Wiederaufbau des Rechtssystems, dem Frankfurter Auschwitzprozess und der Aufhebung der NS-Urteile ab dem Ende der 1990er-Jahre widmet sich die Ausstellung. Vorträge zu Einzelschicksalen und übergeordneten Themen ergänzen die Ausstellung.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare