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Während Goethes „Willkommen und Abschied“ gelesen wird, spielt ein Saxophonist eine Improvisation im Brunnentempel.

Hanau

Wilhelmsbad als Literatur-Quelle

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Lesung im Kurpark in der Reihe „Transit“ mit Texten von Goethe und Henning.

Karoline von Günderrode war mehrfach unglücklich verliebt, am stärksten wohl in den Philologen Friedrich Creuzer. Doch dieser beendete schließlich die Beziehung zu der romantischen Dichterin und entschied sich für seine Ehefrau. Bevor von Günderrode sich einen Dolch in die Brust rammte, litt die freiheitsliebende Frau zutiefst an der unerfüllten Liebe und der damaligen Rolle der Frau, auch in Wilhelmsbad, wo sie zur Kur war.

Am verregneten vergangenen Samstag, gut 210 Jahre nach dem Tod der Dichterin, steht Performance-Künstlerin Florence Ruckstuhl vor der Wilhelmsbader Burgruine. Während Saxophonist Tobias Rüger gegenüber auf dem Schneckenberg steht und eine bluesige Improvisation spielt, trägt Ruckstuhl, ganz in schwarz gekleidet, Zeilen aus von Günderrodes „Der Kuß im Traume“ vor: „Es hat ein Kuß mir Leben eingehaucht, Gestillet meines Busens tiefstes Schmachten, Komm, Dunkelheit! mich traulich zu umnachten, Daß neue Wonne meine Lippe saugt.“

In der Reihe „Transit bewegt Rhein-Main“ des Kulturfonds und der Kulturregion Rhein-Main haben sich am Wochenende 30 Besucher auf die Spuren historischer Gäste begeben und eine Lesung mit fünf Stationen im Kurpark und einer am Bahnhof Wilhelmsbad verfolgt. Der Theaterkünstler Leander Ripchinsky hatte die Veranstaltung mit der Germanistin Astrid Hohlbein, den Künstlerinnen Ruckstuhl und Nora Schneider sowie dem Saxophonisten Rüger entwickelt. In der „Transit“-Reihe setzen sich Kultureinrichtungen, Kommunen und Vereine unter anderem in Ausstellungen, Kunstprojekten, Konzerten und Touren mit Aspekten des Transits auseinander. Es geht um die großen und kleinen Wanderungsbewegungen, die die Region seit Jahrhunderten prägen. Um Menschen, die ankommen, aufbrechen, zurückkehren.

Kurorte wie Wilhelmsbad, wo der Betrieb bis 1857 lief, seien einst bedeutende Umschlagplätze gewesen, sagt Julia Cloot, Kuratorin und stellvertretende Geschäftsführerin beim Kulturfonds. Viele Künstler, Musiker, Dichter, Politiker und andere Akteure hätten sich dort getroffen, ausgetauscht und inspirieren lassen, von ihren Gesprächspartnern und der Umgebung. Deshalb sind Kurorte auch ein Schwerpunkt der Veranstaltungsreihe.

Dichtung und Revolution

Wilhelmsbad, das Erbprinz Wilhelm im 18. Jahrhundert errichten ließ, biete eine einzigartige Atmosphäre, sagt Cloot. Alles strahle Geschichte aus, die Bäume, das historische Karussell oder der Brunnentempel.

Während der Lesung am Samstag sind auch Auszüge aus Goethes Gedicht „Willkommen und Abschied“ zu hören sowie aus einem Brief, den Goethes in Wilhelmsbad weilende Mutter an ihn schrieb. Und aus „Die Ängstlichen“, dem Roman des gebürtigen Hanauers Peter Henning: Künstlerin Ruckstuhl steht beim Vortragen auf einer Seite des Bahnsteigs, die Besucher auf der anderen. Wer will, bekommt ein Bier – so wie Protagonist Ben in Hennings Text.

Dass Wilhelmsbad ein wichtiger politischer Ort war, zeigen die Passagen aus dem „ABC-Buch der Freiheit“, das 1832 in Hanau erschienen ist. Mehr als 10 000 mutige Aufständische strömten am 22. Juni 1832 nach Wilhelmsbad und demonstrierten für Reformen und Bürgerrechte. Im ABC-Buch heißt es: „Die Freiheit, liebe Landeskinder, ist ein Gut, das man nicht teuer genug bezahlen kann. Nehmet das Buch denn hin, und lernt brav.“

Weitere „Transit“-Veranstaltungen stehen auf .

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