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Fiona und Roland Richter führen eine Tradition fort.

Hanau

Die junge Strippenzieherin

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Die 14-Jährige Fiona Richter steigt in das Marionettentheater ihrer Familie ein. Wenn Fiona dem Wunsch ihres Vaters folgt, wird sie irgendwann in zehnter Generation das Hanauer Marionettentheater weiterführen.

Der Tod babbelt hessisch. Und das ist noch lange nicht alles, was an Goethes berühmter Tragödie „Faust“, wie sie am 9. Januar im Foyer des Neustädter Rathauses zu sehen sein wird, neu ist. Die 14-jährige Fiona Richter wird zum ersten Mal Seite an Seite mit ihrem Vater in einem eigens von den beiden inszenierten Stück auf, beziehungsweise wie bei Marionettenspielern eher üblich, hinter der Bühne stehen.

Wenn Fiona dem Wunsch ihres Vaters, Roland Richter, folgt, wird sie irgendwann in zehnter Generation das Hanauer Marionettentheater der Familie Richter weiterführen – als erste Prinzipalin, also als erste weibliche Theaterleitung. Mit 14 gibt die aufgeweckte Fiona nun ihr Debüt als Regisseurin und Puppenspielerin mit der Adaption eines Klassikers. Die Zuschauer erwartet dabei etwas besonderes, weil die beiden das Stück nach Anregungen der Tochter umgeschrieben haben und damit die Sicht eines Teenagers auf das Stück Literaturgeschichte sichtbar machen.

Aufgeregt sei sie vor ihrem ersten Auftritt nicht, sagt Fiona selbstbewusst. Sie hat schließlich den Wunsch, Schauspielerin zu werden; im Schultheater konnte sie dafür bereits ein wenig Erfahrung gesammelt. „Ich habe schon immer ein bisschen Lampenfieber“, sagt das Mädchen, „aber wenn ich auf der Bühne stehe, bin ich nicht mehr ich selbst, sondern nur noch die Rolle, deshalb bin ich dann nicht mehr aufgeregt.“

Dass seine Tochter nun ein wenig in dem Familientheater mitarbeitet, freut Richter aus zweierlei Gründen. „Ich würde es natürlich sehr begrüßen, wenn Fiona das Theater später einmal leiten würde.“ Zudem finde er die Herangehensweise des Teenagers an klassische Texte erfrischend. „Ich war schon immer ein Non-Konformist, ich kann nicht hinnehmen, wenn Dinge als gegeben angesehen werden.“ Deshalb gefalle es ihm gut, was Fiona für die Faust-Adaption vorgeschlagen habe. „Ich habe ihre Ideen zu 90 Prozent in die Inszenierung übernommen.“

Um alle Geschmäcker zu bedienen, wird der Goethe-Klassiker nun in zwei Versionen aufgeführt – einmal die bewährte Variante, sehr nah am Original. „Wir haben einfach sehr viele Zuschauer, die das Stück gerne so sehen“, so Richter. Und einmal in der jüngeren, etwas komischeren Version, an der Fiona mitgearbeitet hat.

„Interessant ist dabei, dass sie trotz der Komik immer nah am Stück und dessen Qualität bleibt“, sagt der Vater über die Arbeit seiner Tochter. „Sie verblödelt die Vorlage nicht.“ Der „junge“ Faust soll ein Publikum ab 12 Jahren ansprechen. „Es gibt darin keine Anzüglichkeiten oder ähnliches“, sagt Richter. All das Moderne, das im Stück aufgegriffen werde, stamme aus der Lebenswelt seiner Tochter. Wie gut das ankommt, wird sich dann bei der Premiere zeigen. Dann sind auch Fionas Freunde und Schulkameraden als Kritiker eingeladen.

Noch hat die 14-Jährige viel Zeit, sich zu überlegen, ob sie wirklich einmal die erste Leiterin des seit 1736 in der Richter-Familie bestehenden Marionettentheater werden will – ihr Vater hat während seiner Schaffenszeit noch einiges mit dem Puppentheater vor. „Mein Ziel ist es, dem Theater so viel Aufmerksamkeit zu verschaffen, dass wir von seinem Betrieb leben können.“ Um das zu schaffen, sei jedoch ein festes Haus für seine Bühne nötig, das er bis jetzt noch nicht gefunden habe.

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