Hanau

Immer online

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Freies, unabhängiges Internet, Meinungsfreiheit oder Gleichberechtigung: Stephan Urbach hat viele Dinge, für die er sich einsetzt. Der Hanauer Netzaktivist hat dabei schon viel bewegt – und ist darüber zerbrochen.

Er sprüht vor Energie. Er gestikuliert beim Reden mit den Armen in der Luft, er redet schnell und kommt beim Erzählen vom Hölzchen aufs Stöckchen, ohne jedoch den roten Faden zu verlieren. Dabei trinkt er viel Kaffee, schwarz, klar. Der 35-jährige Stephan Urbach, Netzaktivist, Blogger und Ex-Piraten-Parteimitglied macht absolut nicht den Eindruck, als könne etwas ihn bremsen in seinem Enthusiasmus für die Dinge, die ihm wichtig sind: Freies, unabhängiges Internet, die Meinungsfreiheit oder die Gleichberechtigung.

Und dennoch, da gab es etwas, das Urbach aus der Bahn geworfen hat, plötzlich und heftig, und das waren sein eigener Körper und Geist. Sie haben dem gebürtigen Hanauer den Dienst versagt, er ist zusammengebrochen. Schuld daran war eine so intensive Zeit in den Jahren 2011 bis 2013, in der sich Urbach für die Freiheit im Netz einsetzte, dass er darüber seine eigene Gesundheit vergessen hatte. Diagnose: Depression. Das kommt natürlich nicht von heute auf morgen und so hat sich Stephan Urbach nach einer ersten Erholungsphase daran gemacht, alles aufzuschreiben, um sichtbar zu machen, was geschehen ist.

Immer erreichbar

In seinem ersten Buch „Neustart – Aus dem Leben eines Netzaktivisten“, das 2015 erschienen ist, beschreibt er, wie er der wurde, der er ist. Von seiner Kindheit in der hessischen Provinz, dem Anderssein, seinem großen Interesse an Technik, dem Internet und der Politik und wie das alles zusammenkam: Vor vier Jahren zog er nach Berlin und schloss sich dort der Gruppe Telecomix an, einer Gemeinschaft im Internet, die sich unter anderem während des arabischen Frühlings über das Netz in Ägypten engagierte, indem sie den Aktivisten vor Ort sichere Kommunikationsplattformen zur Verfügung stellte, die vor einem Zugriff des Regimes sicher waren.

Urbach reibt sich dabei auf, ist immer erreichbar, verfolgt im Internet den Kampf der Gleichgesinnten in Nordafrika. Dann kommt der Tag, an dem er über seinen Laptop zusehen muss, wie ein Freund von Unbekannten erschossen wird. Dann geht nichts mehr, sein System stürzt ab.

Auf die Frage, wie er heute lebt, da er sich zum großen Teil aus dem Dauer-Online-Leben zurückgezogen hat, sagt Urbach, dass sich sein Leben immer noch zu großen Teilen im Netz abspiele: „Ich bin Teil des Netzes, das Netz ist ein Teil von mir.“ Für ihn ist das Leben nicht in analog und digital zu trennen, dafür macht der Teil, das sich online abspielt wahrscheinlich einen viel zu großen Part seiner Persönlichkeit aus, als dass er es einfach so abschalten könnte.

Niemals ausloggen. Aber ein bisschen ruhiger lebt er jetzt schon. Im vergangenen Jahr ist er zurück nach Hanau gezogen, er arbeitet jetzt bei einem Mittelständler in der Region als Buchhalter. Urbach hört nun mehr auf sich, er will sich nicht mehr verlieren in der Unendlichkeit des World Wide Web. Aber er arbeitet weiter daran, es zu verteidigen. Als Redner auf Podien, als Blogger. Einmal online, immer online.

Stephan Urbach, „Neustart – Aus dem Leben eines Netzaktivisten“, Knaur Verlag 2015, 256 Seiten, 12,99 Euro.

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