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Roland K. verlässt am Montagnachmittag das Martinseck und erschießt sich dort am Rande einer Wiese. Im Martinseck bekamen sie das erst mit, als der Polizeihubschrauber über dem Auto kreiste.

Wächtersbach

Zu Besuch in der Kneipe, in der der Hass zu Hause ist

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Unser Redakteur Oliver Teutsch war nach dem rassistischen Anschlag auf einen Eritreer in Wächtersbach in der Stammkneipe des Schützen Roland K.

Wächtersbach - Gegen Ausländer habe der Roland nichts gehabt. „Nur gegen Asylanten und Flüchtlinge“, betont Dirk R., der Wirt des Martinsecks. Der Mann steht hinter dem Tresen seiner kleinen Spelunke im Biebergemünder Ortsteil Kassel. An den Wänden hängen Schals von Kickers Offenbach und Darmstadt 98, daneben Poster mit Pin-up-Girls. An den Seiten des Tresens kleben laminierte Sprüche. „Kein Alkohol ist auch keine Lösung“, lautet einer. „Herr, schmeiß Hirn vom Himmel“, ein anderer.

Am Montagvormittag war Roland K., der Mann, der erst einen arglosen Menschen auf offener Straße niederschoss und sich ein paar Stunden später selbst richtete, noch da gewesen. Wie früher häufiger. „Zuletzt nicht mehr so, Hartz IV“, sagt R. und reibt Daumen und Zeigefinger aneinander. Roland K. hat sich an dem Vormittag wie üblich an den Tresen gesetzt und drei Weizenbier getrunken. Dann setzte er sich in seinen Toyota Corolla, fuhr die sieben Kilometer nach Wächtersbach und schoss wahllos einen 26-Jährigen nieder, weil der Eritreer eine dunkle Hautfarbe hat.

Attentat auf Eritreer: Niemand will reden

In der Kneipe „Martinseck“ in Biebergemünd-Kassel hatte Roland K. die Tat in den vergangenen Jahren immer wieder angekündigt.

Tatort Industriestraße. Die Polizei ist 48 Stunden nach der Tat noch mal vor Ort. Eine Beamtin macht Aufnahmen mit einem 3D-Laserscanner. „Zur Vermessung des Tatorts“, sagt sie knapp. Auf der Straße sind sechs pinkfarbene Kreuze aufgemalt, vermutlich die Stellen, an denen Patronenhülsen gefunden wurden. Der Tatort liegt direkt vor der Werksausfahrt eines großen Autozulieferers. An der Pforte will niemand reden, über das, was am Montagmittag passierte. „Ich habe nichts gesehen“, sagt einer nur. Auf der anderen Straßenseite ist das „Wächtersbacher Pizza-Taxi“, ein Imbiss. Doch der hatte am Montag Ruhetag.

300 Meter die Straße runter ist das Aus- und Weiterbildungszentrum AWZ. Hier macht das Opfer einen von der Bundesagentur für Arbeit geförderten „Perspektivlehrgang“. Im ersten Stock des AWZ sitzt Geschäftsführer Uwe Klimesch und gibt unumwunden zu: „Bei den Teilnehmern ist eine gewisse Angst eingetreten.“ Etwa 100 Menschen betreut das AWZ, das Interessenten jetzt nach den Schüssen auch eine sozialpädagogische Betreuung anbietet. Eine Mutter habe Angst um ihr Kind. „Es ist zu nah“, sagt Klimesch. „Wenn so ein Anschlag in Hamburg oder Berlin passiert, aber hier?“

Attentat auf Eritreer: Mutmaßlicher Schütze hatte Tat lange angekündigt

Nach der Tat fuhr Roland K. wieder zurück nach Biebergemünd. Ob er noch mal zu Hause war, im Ortsteil Wirtheim, oder gleich weiterfuhr ins benachbarte Kassel, ist bisher noch unklar. Jedenfalls lief er am Nachmittag wieder im Martinseck ein. „Das war ungewöhnlich, da habe ich mich gewundert“, sagt der Wirt. K. setzte sich wieder an den Tresen und trank noch zwei Weizenbier. Mit der Tat geprahlt, wie es in einigen Medien zu lesen war, habe K. nicht. „Aber er hatte es vorher seit anderthalb Jahren angekündigt und ihm hat niemand mehr geglaubt“, sagt R. Ob bei einem Sportschützen mit Waffen nicht Vorsicht geboten sei, wenn er so etwas ankündigt? „Für mich gilt, wenn einer drüber redet, dann macht er es nicht“, antwortet R. Im Martinseck verkehren übrigens viele Sportschützen aus dem Verein, in dem auch K. Mitglied war, verrät R. noch.

Der Wirt ist durch Posts in sozialen Netzwerken selbst in Verdacht geraten, zur rechten Szene zu gehören. „Ich bin kein Nazi, hätte ich sonst einen Türken hier sitzen“, sagt R. und deutet auf den einzigen Gast, der schweigend ein Wasser trinkt. Dann legt R. nach: „Nur weil jemand einen Bart hat und tätowiert ist, muss er kein Nazi sein. Dann hätte ich ja 30 Prozent weniger Kundschaft, mindestens.“

Nach Schuss auf Eritreer: Mahnwache in Wächtersbach

Attentat auf Eritreer: Gerüchteküche brodelt

Kunde K. verlässt am Montagnachmittag das Martinseck, steigt in sein Auto, fährt ein paar Hundert Meter Richtung Sportplatz und erschießt sich dort am Rande einer Wiese. Im Martinseck bekamen sie das erst mit, als der Polizeihubschrauber über dem Auto kreiste.

„Die Gerüchteküche brodelt“, sagt R. Roland K. soll Lungenkrebs gehabt haben. „Aber das weiß jetzt nur die Gerichtsmedizin“, glaubt R. Über Asylbewerber habe K. oft geschimpft. Er habe dann manchmal zu ihm gesagt, er müsse doch eher über den Staat schimpfen. Was denkt er jetzt nach der Tat über seinen Stammgast? „Es hat mich gestört, dass er einfach willkürlich einen rausgesucht hat, das war für mich nicht in Ordnung“, sagt der Wirt. Dann sagt er noch: „Eigentlich schade, der Roland war ein guter Kollege.“ Der einzige Gast schweigt.

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