Senioren erzählen in dem Film von ihren Erlebnissen im Zweiten Weltkrieg und der Nachkriegszeit.
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Senioren erzählen in dem Film von ihren Erlebnissen im Zweiten Weltkrieg und der Nachkriegszeit.

Hanau

„Hanau war ein Trümmerhaufen“

Junge Frauen interviewen für ein Filmprojekt Zeitzeugen zur NS-Zeit. Entstanden ist eine 40-minütige Dokumentation, die am 29. Dezember, auf dem Offenen Kanal und im Internet zu sehen ist.

Von Sebastian Meineck

Margarete Kempel erzählt von dem Tag, als Hanau bombardiert wurde. „Es war nur Schutt“, sagt sie. „Man konnte vom Goldschmiedehaus durchsehen bis zur Wallonisch-Niederländischen Kirche.“ Die Hanauerin war am 19. März 1945 gerade acht Jahre alt. Etwa 70 Jahre später erzählt sie ihre Geschichte vor der Kamera. Das Kamerateam besteht aus jungen Frauen, die sich beim Verein Jugendwerkstatt Hanau auf einen Beruf in der Altenpflege vorbereiten.

Wer ältere Menschen pflegt, bekommt immer wieder Geschichten vom Krieg zu hören, sagt Barbara Heddendorp vom Seniorenbüro Hanau. Sie hat mit der Jugendwerkstatt die beiden Generationen zusammengebracht. Technik und Hilfe beim Filmemachen kam vom Medienprojektzentrum „Offener Kanal“ Offenbach / Frankfurt.

Entstanden ist eine 40-minütige Dokumentation, die am 29. Dezember, auf dem Offenen Kanal und im Internet zu sehen ist. Der Titel des Films klingt pädagogisch: „Jung und Alt lernen aus der Geschichte“. Doch der Film ist keine trockene Lehrstunde, sondern ein bewegender Zusammenschnitt aus mehr als fünf Stunden Interviewmaterial.

Vier Zeitzeuginnen und Zeitzeugen kommen zu Wort, die jüngste ist 78 Jahre alt, die älteste 96. „Wie war denn Ihre Kindheit?“, fragen die jungen Frauen. Oder: „Hatten Sie damals Hunger?“ Und obwohl die Zeitzeugen in der gleichen Stadt gelebt haben, erzählen sie unterschiedliche Geschichten. „Das mit dem Essen war nicht schlimm“, sagt die 96 Jahre alte Annemarie Huth und berichtet von den Lebensmittelmarken, auf die es Nahrungsmittel gab. Anders die Erinnerung des 78-jährige Hans Seitz: „Hunger hatte ich immer. Im Sommer ging’s, da haben wir abends geklaut auf den Gärten und im Acker.“

Von Erzählungen beeindruckt

Rojhat Maktay, 17, haben die Erzählungen beeindruckt. „Ich hätte nicht gedacht, dass sich die alten Leute noch an so viel so genau erinnern können“, sagt sie. In der Schule hätten sie zwar auch über den Zweiten Weltkrieg gesprochen, seien mit dem Thema aber nicht ganz durchgekommen.

Gegen Ende der Interviews fragen die jungen Frauen kritischer: „Wie standen Sie denn zu Hitler?“ Die Hanauer Zeitzeugen distanzieren sich vom Nationalsozialismus, wissen von ihren kritischen Eltern zu berichten. Eine andere Frage lautet: „Wie haben Sie die Judenverfolgung erlebt?“

Marianne Holzmann berichtet vom Brand der Hanauer Synagoge am 10. November 1938. Es sei um die Mittagszeit gewesen, als die Leute zur Herbstmesse auf den Paradeplatz, den heutigen Freiheitsplatz, strömten. Dass jüdische Bürger aus der Stadt verschwanden, habe man mitbekommen, sagt die 91-Jährige. „Dass sie dann nach Auschwitz transportiert wurden“, sagt sie, „das hat man nicht gewusst.“

Weiter bohren die jungen Frauen nicht. Eine Debatte über Verantwortung oder Schuld ist nicht Gegenstand der Interviews. Im zweiten Teil des Films führt der evangelische Pfarrer Heinz Daume die Zeitzeugen und Interviewerinnen an Orte jüdischen Lebens in Hanau.

Heinz Daume gehört zur Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. Er geht mit der Gruppe zu einer Gedenktafel am Gleis 7 des Hauptbahnhofs. Von dort wurden im Jahr 1942 jüdische Bürger aus dem Altkreis Hanau deportiert, viele verloren in Arbeits- und Vernichtungslagern ihr Leben. Die Erinnerungsorte erzählen da weiter, wo die Geschichten der Zeitzeugen aufgehört haben. Und laden den Zuschauer des Films dazu sein, selbst den historischen Spaziergang durch Hanau nachzuholen.

Sendetermin ist Montag, 29. Dezember, um 19.33 Uhr auf dem „Offenen Kanal“ im digitalen Fernsehen (Programmplatz 136). Danach ist der Film dauerhaft im Internet verfügbar unter www.mediathek-hessen.de.

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