Hanau

WidersprüchlicheAussagen in Hanauer Mordprozess

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Eine Anhängerin versucht, Sektenchefin Sylvia D. zu entlasten - und sorgt für Kopfschütteln im Gerichtssaal.

Ständig weicht Cordula E. aus, fällt Richter Peter Graßmück ins Wort, stellt Gegenfragen. Die Anhängerin von Sektenchefin Sylvia D. beschwert sich darüber, dass ihre Tagebuchaufzeichnungen verlesen werden und beleidigt einen Aussteiger als Schwein. Graßmück muss mit Ordnungsgeld drohen; so eine offenbar auf Krawall gebürstete Zeugin habe er noch nicht erlebt. Sie werde ausgelacht, meint die 64-Jährige später, das Gericht solle „halt 200 Euro machen“. Niemand aus der Kammer finde hier etwas lustig, es gehe darum, den Tod eines Vierjährigen aufzuklären, entgegnet Graßmück scharf.

Im Prozess gegen die 72-Jährige D. hat die gelernte Krankenschwester E. am Dienstag ausgesagt und versucht, die Verdächtige zu entlasten, verstrickte sich aber in Widersprüche und sorgte mit ihrem Verhalten für Kopfschütteln im Landgericht.

Die Anführerin, die angeblich mit Gott kommunizieren kann, soll 1988 Jan H. ermordet haben, indem sie ihn in einem Sack ersticken ließ. Sie habe den Sohn von Sektenmitgliedern als Wiedergeburt Hitlers betrachtet. Die Verteidigung weist dies zurück.

Cordula E. sieht, wie die Angeklagte, ein „Komplott“, an dem sich ihre beiden ausgestiegenen Söhne beteiligen würden. Sylvia D. habe Kinder stets gut behandelt, auch wenn sie oft böse gewesen seien. Jan H. zum Beispiel habe damit provozieren wollen, dass er nicht sprach, sondern höchstens flüsterte und nicht essen wollte. D. habe ihm nur mal mit dem Fuß „einen Schubser“ gegeben, damit er laufe.

Laut Aussagen von Aussteigern soll D. Kinder seelisch und körperlich gequält haben, vor allem H. Auch in E.s Tagebuch gibt es entsprechende Hinweise: Sie habe nachgedacht, schrieb die Zeugin, ob sie ihren Sohn Sascha so behandeln könne, wie Jan behandelt werde – mit Ohrfeigen, Fußtritten, kalten Duschen und „hungern lassen“. In Wirklichkeit sei er ihr „scheißegal“.

Cordula E. lebte mit ihrem Mann Arnold und ihren Kindern bis November 1987 im Haus der D.s, dann zogen sie aus. E. will vor Gericht die damaligen Konflikte mit Sylvia D. herunterspielen, spricht davon, dass sie Probleme mit sich selbst gehabt habe und D. ihnen gesagt habe, sie sollten „ihr eigenes Ding machen“. Doch Aufzeichnungen der Anführerin offenbaren, dass diese Cordula E. regelrecht dämonisierte, auch weil sie ihr in der Gruppierung Konkurrenz gemacht habe. Von einem gefährlichen „Cordula-Komplex“ ist die Rede. Außerdem sei sie ein dummes „Muttchen“ und Kindern gegenüber zu nachgiebig gewesen. Aussteiger berichten, E., die in der von den D.s aufgebauten Medienproduktionsfirma als Cutterin arbeitet, sei eine Zeit lang geächtet worden. Anfang der 90er Jahre versöhnten sich Sylvia D. und Cordula E. Sie sei sehr froh darüber und habe ihre Freundin lieb, betont die Anhängerin.

Auf Nachfrage räumt E. ein, dass sie für D. aus Bettlaken Säcke nähte, in denen offensichtlich die Kinder schlafen mussten. Bei Jan soll der Sack nicht am Hals, sondern über dem Kopf verschnürt worden sein. Sylvia D. hatte in einem abgehörten Telefonat behauptet, der Schlafsack sei groß gewesen, er habe darin mit seinem Teddy spielen können. Aus den Angaben von E. lässt sich allerdings schätzen, dass der Sack lediglich etwa 1,25 Meter lang und 90 Zentimeter breit war.

Damit, dass ihre Gespräche abgehört wurden, hätten die Mitglieder der Gruppe gerechnet, so Cordula E. Ihr Mann war schließlich Richter am Amts- und Landgericht Hanau. Arnold E., der Sylvia D. vor und nach der Verhandlung begleitet und vor dem Gerichtssaal wartet, ist bislang nicht als Zeuge befragt worden. gha

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