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Terror in Hanau: „Unsere Welt steht seither Kopf“

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Von: Christian Spindler

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Auf dem Hauptfriedhof versammelten sich die Trauergäste an den Ehrengräbern.
Auf dem Hauptfriedhof versammelten sich die Trauergäste an den Ehrengräbern. © Boris Roessler/dpa

Gedenken an die Mordopfer von Hanau vor klickenden Kameras. Auf dem Friedhof wird die Trauer mitunter schonungslos eingefangen von Fotograf:innen und Kamerateams.

Hanau - Die Eltern von Sedat Gürbüz, einem der Opfer des Anschlags, sind die ersten Angehörigen, die am Samstag (19.02.2022) kurz nach 10.30 Uhr zur Gedenkstunde eintreffen. Zwischen den Grabstätten und Gedenksteinen der Opfer und den noch leeren weißen Stühlen, die für die Angehörigen sowie für Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD), Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) und Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) aufgestellt wurden, umarmen sich Emis Gürbüz und Dijana Kurtovic, Mutter von Hamza. Lange. Fest. Man hört ihr Weinen. Und das nicht enden wollende Klicken unzähliger Kameras. An diesem Tag ist alle Trauer öffentlich. Zumindest bei der Gedenkstunde. Sie wird mitunter schonungslos eingefangen von den vielen Fotograf:innen und mehreren Kamerateams, die immer wieder neue Positionen suchen.

Rund 100 geladene Gäste nahmen an der von Land und der Stadt ausgerichteten Gedenkstunde auf dem Hauptfriedhof teil. Dort sind Ferhat Unvar, Hamza Kurtovic und Said Nesar Hashemi beerdigt, dort gibt es Gedenksteine für Vili Viorel Paun, Mercedes Kierpacz, Kaloyan Velkov, Fatih Saracoglu, Sedat Gürbüz und Gökhan Gültekin, die in Dietzenbach, Offenbach und den Heimatstädten der Familien in der Türkei, in Rumänien und in Bulgarien bestattet sind.

Nach Terror in Hanau: Kritik an Gedenkstunde

In den Tagen vor der Gedenkstunde hatte es Kritik von der Initiative 19. Februar gegeben, weil Freunde der Opfer mit dem Hinweis auf die coronabedingt begrenzte Teilnehmerzahl ausgeschlossen waren, kritisierte die Initiative 19. Februar. „Das Land Hessen hat unser Gedenken vereinnahmt“, sagte Emis Gürbüz auch in ihrer Rede bei der Gedenkstunde.

Andere Angehörige der Ermordeten sprachen von unheilbarem Schmerz – auch noch 104 Wochen, 732 Tage oder 17 520 Stunden nach dem Anschlag. „Die Tat hat komplette Familien zerstört“, so Valentino Kierpacz (19), Sohn der getöteten Mercedes. „Unsere Welt steht seither kopf“, sagt Ajla Kurtovic, die Schwester von Hamza. Und auch sie fordert, dass alles zu der Tat „schonungslos und vollständig aufgeklärt wird“.

Gedenkstunde für Opfer von Terror in Hanau: Höchste Sicherheitsvorkehrungen

Das richtete sich auch an Ministerpräsident Bouffier, der zusammen mit Bundesinnenministerin Faeser und Oberbürgermeister Kaminsky wenige Minuten vor Beginn der Gedenkstunde eintraf – auf einem anderen Zugangsweg als die übrigen Gäste. Während Angehörige an den Gräbern und Gedenksteinen der Ermordeten innehielten, kurze Gebete sprachen, sich umarmten und Blumen niederlegten, kündeten Blaulichter, die an der Friedhofsmauer vorbeizogen, von der Ankunft der Polizeikolonne mit den schwarzen Limousinen der hochrangigen Politiker:innen bei der Gedenkstunde, die unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen stattfand.

Auch Innenministerin Faeser sagt später in ihrer Rede, der Staat schulde den Familien eine transparente und lückenlose Aufarbeitung. Die „Bringschuld des Staates“ gegenüber den Angehörigen, von der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gesprochen habe, sei „noch nicht erfüllt“. Das müsse im Untersuchungsausschuss des Landtags geschehen.

Terror in Hanau: Attentat auch für Behörden große Herausforderung

Ministerpräsident Bouffier gab angesichts der andauernden Kritik zu bedenken, man müsse berücksichtigen, dass das Attentat auch für die Behörden große Herausforderungen bedeutet habe. Das schließe aber „einen sensiblen Umgang mit den Angehörigen nicht aus“. Daraus habe man aber gelernt.

Auch OB Kaminsky hob hervor, die Angehörigen hätten ein Recht darauf zu erfahren, „was in der Tatnacht und davor konkret geschehen ist, wo möglicherweise Fehler gemacht wurden“.

Terror in Hanau: Freund:innen wollen Ermordeten nah sein

Während nach der Gedenkstunde die Politiker:innen vor dem Friedhofsausgang Fragen von Radio- und TV-Reporter:innen beantworten, warten einige Angehörige, bis sie den Ausgang passieren können. Andere bleiben bei den Gräbern und Gedenksteinen stehen. Ihre Blicke sind leer. Auf den Steinbänken an den Grabstätten träfen sich regelmäßig auch Freunde der Ermordeten, erzählt jemand. Sie chillen dort, wollen ihren getöteten Freunden irgendwie nah sein.

Vor dem Friedhof erzählt Niculescu Paun später ausführlicher das, was er schon während der Gedenkstunde gesagt hat: Im Heimatort in Rumänien sei eine Straße nach seinem Sohn benannt worden. 22 Lindenbäume wurden dort gepflanzt. Eine für jedes Lebensjahr von Vili Viorel Paun. Er hatte den Attentäter am 19. Februar 2020 mit seinem Auto verfolgt. Beim Polizeinotruf kam er nicht durch. Der Täter stellte Paun auf dem Parkplatz am Kurt-Schumacher-Platz und erschoss ihn durch die Windschutzscheibe.

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