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Rolf Ruthardt hat die Turmhaube entworfen.

Alte Johanneskirche

Der Turmretter

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Ein Naturwissenschaftler nimmt Sanierung der Alten Johanniskirche selbst in die Hand - vom Entwurf bis zum werben um Mäzene.

Er hat mit seinem privaten Engagement die Silhouette von Hanau stärker verändert als viele verantwortliche Politiker: Rolf Ruthardt ist weder Stadtrat noch Investor oder Architekt – sondern schlicht ein Hanauer Bürger, der sich stets am unvollständigen Turm der Alten Johanneskirche störte. Seit dem schweren Bombenangriff auf Hanau am 19. März 1945 fehlte diesem der komplette obere Teil, der einst aus einer dreistufigen, glockenförmigen Konstruktion mit dunkler Schieferbekleidung bestand.

Viele Diskussionen und Vorschläge gab es in den vergangenen Jahren, angeregt etwa vom Hanauer Geschichtsverein, der gerne wieder eine Haube in der ursprünglichen Gestalt auf den Turm gesetzt hätte. Allein: Realisieren ließ sich nichts, eine Rekonstruktion des Originals wäre viel zu teuer geworden.

Also machte sich Rolf Ruthardt selbst daran und legte einen eigenen Entwurf vor, den er von einem Stahlbauer umsetzen ließ. Er warb persönlich um Mäzene und zahlte rund 25.000 Euro der 140.000 Euro Gesamtkosten selbst; 70.000 Euro übernahm die Stadt.

Seit Mitte November sitzt die neue Haube auf dem Turm der Alten Johanneskirche und prägt weithin das Bild. Ruthardt nahm als Stahlkonstruktion die ursprüngliche dreistufige Glockenform wieder auf, verzichtete jedoch auf die Verkleidung und beließ es beim Gerüst: „Ich wollte die alte Erinnerung mit Neuem verbinden“, sagt er. „Außerdem sollte die Zerstörung sichtbar bleiben. Meine Idee war, es, die Haube als Brandruine darzustellen“.

Ohnehin befinde sich das gesamte Gebäude nicht mehr im Originalzustand: „Die Fassade bestand früher aus unverputztem Naturstein, heute ist sie weiß. Auch das Kirchenschiff ist nach der Zerstörung niedriger geworden.“

An den Originalzustand kann sich der 71-Jährige gar nicht mehr erinnern. Denn bereits im Alter von zwei Jahren zog er 1943 zu Verwandten nach Süddeutschland, weil das Zuhause der Familie – die heutige Sparkassen-Villa an der Philippsruher Allee – durch Luftminen beschädigt worden war. 1950 kam die Familie zurück, Ruthardt besuchte die Hohe Landesschule. Später studierte er Mathematik, Physik und Chemie.

Nahezu sein gesamtes Berufsleben hat der promovierte Naturwissenschaftler bei Heraeus verbracht. Viel war er unterwegs, in China und Amerika – und kam immer wieder gerne nach Hanau zurück. Das Fehlen der Turmhaube hat ihn aber schon damals gestört: „Ich mochte das Unvollständige nicht“, sagt er. Jahrhundertelang hätten die Türme der Marienkirche, der Johanneskirche und des im Krieg zerstörten Stadtschlosses als Dreiklang die Hanauer Silhouette geprägt. „Davon war nur noch die Marienkirche übrig.“

Vor etwa fünf Jahren beschloss Ruthardt, etwas dagegen zu tun. Anhand der Konturen auf alten Zeichnungen fertigte er eine Fotomontage des Gerippes an, „völlig amateurhaft“, wie er lächelnd erzählt. Mit diesem provisorischen Bild ging er zu verschiedenen Universitäten und landete schließlich bei der Fachhochschule Frankfurt, wo sich mit den Stahlbauern und den Architekten Studenten gleich zweier Fachrichtungen mit einer neuen Turmhaube für die Alte Johanneskirche in Hanau beschäftigten.

Die Entwürfe der angehenden Architekten waren später in einer Präsentation der Interessengemeinschaft Hanauer Altstadt zu sehen; sie wären ob ihres gewagten, modernen Designs indes kaum der breiten Hanauer Öffentlichkeit zu vermitteln gewesen.

Die Diplomarbeit eines Stahlbau-Studenten aber floss ein in den Entwurf, den Ruthardt dem Stahlbauer Ferdinand Ziller präsentierte. Der fertige daraus eine 20,5 Meter hohe und 25 Tonnen schwere Turmhaube.

Mit dem Ergebnis ist Rolf Ruthardt zufrieden, auch wenn er zunächst über die gewaltigen Ausmaße etwas erschrocken war: „Doch als sie oben saß, hat es gepasst“, sagt er.

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