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Emis Gürbüz
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Als Zeugin im Untersuchungsausschuss: Emis Gürbüz, die Mutter des in Hanau ermordeten Sedat Gürbüz

Hessen

Terror von Hanau: Trauernde Eltern klagen an

  • Pitt von Bebenburg
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  • Gregor Haschnik
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Im hessischen Hanau-Untersuchungsausschuss erheben Angehörige Vorwürfe gegen die Polizei und Innenminister Peter Beuth (CDU). Es ist eine emotionale Sitzung

Am Abend des 19. Februar 2020 steht Niculescu Paun im Zimmer seines Sohnes Vili-Viorel und hört draußen fünf bis sechs Schüsse. Aber seine Frau beruhigt ihn, das seien vielleicht Böller. Beide gehen ins Bett. Das Ehepaar, das 2016 mit ihrem Sohn aus Rumänien nach Deutschland kam, muss am nächsten Tag früh raus, um zur Arbeit zu kommen.

Die Familie lebt seit 2017 in der Hanauer Innenstadt, nicht weit entfernt von der Bar La Votre am Heumarkt, in der an diesem Abend der Terror eines Täters begonnen hat, der danach an mehreren Tatorten neun Menschen aus rassistischen Gründen tötet, bevor er seine Mutter und sich selbst erschießt. Aber all das wissen die Pauns noch nicht. Sie hören erst am Morgen von der Bluttat. Und es wird bis nach 13 Uhr dauern, bis ihnen ein Polizist mitteilt, dass ihr Sohn unter den Toten ist. Er wurde 22 Jahre alt.

So schildert Niculescu Paun am Freitag im Hanau-Untersuchungsausschuss des hessischen Landtags, wie er die Nacht des Schreckens am 19. Februar 2020 erlebt hat. Die Hinterbliebenen und Überlebenden sind die ersten, die in diesem Gremium zu Wort kommen. Vor zwei Wochen hatte die Beweisaufnahme mit den Zeugenaussagen von drei Angehörigen begonnen, jetzt wurden sie fortgesetzt.

Hoch emotional

Hoch emotional war die Aussage von Emis Gürbüz, der Mutter des im Alter von 29 Jahren ermordeten Sedat Gürbüz. Sie hielt den Abgeordneten anklagend die Tüte mit den letzten Einkäufen ihres Sohnes entgegen, eine Jeans, ein Paar Schuhe, und warf der Polizei und den Behörden vor: „Wir wurden nicht wie trauernde Eltern behandelt.“ Besonnen und sachlich zeichnen dagegen Niculescu Paun und Saida Hashemi nach, was in dieser Nacht und in der Zeit danach geschah.

Dabei wird nach zwei Ausschusstagen ein Muster deutlich. Alle Hinterbliebenen, die bisher ausgesagt haben, fühlten sich von der Polizei miserabel informiert und betreut. Sie beklagten außerdem, dass niemand sie gefragt oder auch nur informiert habe, bevor ihre getöteten Verwandten obduziert wurden. „Uns wurde nicht gesagt, was mit unseren Kindern passiert“, stellte Emis Gürbüz am Freitag fest. „Wir wussten nichts von einer Obduktion“, sagte am Abend auch Saida Hashemi, die Schwester des mit 21 Jahren ermordeten Said Nesar Hashemi und des bei der Tat schwer verletzten Said Etris Hashemi, der am Montag als Zeuge in Wiesbaden aussagen soll.

Der Dolmetscher kam nicht

Als der Ausschussvorsitzende Marius Weiß (SPD) Niculescu Paun fragte, ob ihm von Polizei oder anderen Behörden geholfen worden sei, antwortet er: „Ich hatte einen einzigen Kontakt zur Polizei. Zu diesem Treffen hätte ein Dolmetscher kommen sollen, aber es kam keiner.“

Wie anders hatte das geklungen, als Innenminister Peter Beuth (CDU) im Innenausschuss des Landtags Auskunft gegeben hatte. „Eine besondere Bedeutung bei Gewalttaten kommt selbstverständlich den Opfern und ihren Hinterbliebenen zu“, gab er im Februar 2021 zu Protokoll. „Die Kontaktbeamten haben die überlebenden Opfer und Angehörigen von Opfern aktiv angesprochen und persönliche Beratungen durchgeführt. Zudem stehen sie weiterhin jederzeit für Anfragen zur Verfügung.“

Den Hinterbliebenen kommt das wie Hohn vor. Etwa Saida Hashemi. Sie war mit ihrem Vater in der Halle, in der Menschen am Morgen nach der Tat zwischen 6 und 7 Uhr von der Polizei erfuhren, dass ihre Angehörigen tot waren. Statt eines Betreuungsangebots sei ihnen nur eine Telefonnummer gegeben worden. Die Migrationsbeauftragte der Polizei, die dort viel später zu erreichen war, habe zu allen wichtigen Fragen erklärt, sie dürfe nichts sagen.

Ein Vierteljahr nach der Tat herausgefunden

Oder Niculescu Paun. Er bekam von der Polizei nach seinen Ausführungen nicht die Gegenstände seines Sohnes ausgehändigt, sondern die von Said Nesar Hashemi. Im Obduktionsbericht sei zudem davon die Rede gewesen, dass er, der Vater, obduziert worden sei, nicht der Sohn. Und auch die Information, dass sein Sohn Vili-Viorel drei Mal die 110 wählte, ohne durchzukommen, hat Niculescu Paun nach eigenen Angaben nicht von der Polizei erhalten. Vielmehr habe er das erst Mitte Mai, ein Vierteljahr nach der Tat, herausgefunden, nachdem ihm die Polizei das Handy seines Sohnes zurückgegeben hatte. Seither ist klar: Vili-Viorel versuchte die Polizei zu erreichen, während er den Attentäter verfolgte und fuhr ihm hinterher bis nach Kesselstadt, wo ihn der 43-jährige Rassist erschoss.

Der Terroranschlag von Hanau

Am 19. Februar 2020 ermordete ein 43-jähriger Rassist Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtovic, Vili-Viorel Paun, Fatih Saraçoglu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov. Dann tötete er seine Mutter und sich selbst.

Der Generalbundesanwalt (GBA) hat die gegen unbekannt gerichteten Ermittlungen zum Anschlag kürzlich eingestellt. Es gebe keine konkreten Anhaltspunkte für „Mittäter, Anstifter, Gehilfen oder Mitwisser“.

Kritik an den Obduktionen nach dem Anschlag wies der GBA zurück. Sie seien „zwingend anzuordnen und durchzuführen“ gewesen, das sei vorgeschrieben. Auch alle anderen Behörden wiesen Kritik zurück, die Waffenbehörde im Main-Kinzig-Kreis etwa jene, die Zuverlässigkeit des Täters nicht richtig geprüft und ihm eine Waffenerlaubnis ausgestellt zu haben.

Sedat Gürbüz (29) wurde in der Bar „Midnight“ am Heumarkt in der Innenstadt erschossen, deren Besitzer er war. Vili-Viorel Paun (22) beobachtete den Attentäter und folgte ihm in seinem Auto. Währenddessen versuchte er mehrfach vergeblich, den Notruf zu erreichen. Am zweiten Tatort in Kesselstadt wurde auch er ermordet.

Der Untersuchungsausschuss soll klären, ob hessische Behörden Fehler gemacht haben. Er tagt wieder am Montag, 20. Dezember. gha

Für Niculescu Paun ist klar: „Vili hätte hundertprozentig gerettet werden können“, da die Polizei ihn aufgefordert hätte, die Verfolgung zu beenden. Außerdem müsse überprüft werden, ob die Schüsse in Kesselstadt hätten verhindert werden können, wenn die Polizei die Hinweise von Vili-Viorel Paun aufgenommen hätte. Dann hätten fünf Menschenleben gerettet werden können.

Der Missstand war lange bekannt

Klar ist mittlerweile, dass auf der Hanauer Wache in dieser Nacht wenige Notrufe aufgenommen werden konnten, von einer einzigen Beamtin. Ihr Kollege war, nachdem er einen Notruf angenommen hatte, zum Tatort gefahren. Der Missstand, dass es keine Weiterleitung von Notrufen gab, war seit Jahren bekannt, wurde aber nicht abgestellt.

„Warum hat der hessische Innenminister Peter Beuth nichts unternommen?“, fragte Niculescu Paun. Stattdessen habe er in jener Sitzung des Innenausschusses im Februar 2021 sogar die Unwahrheit gesagt über die Besetzung des Notrufs. Damals behauptete Beuth laut Protokoll: „Zur unmittelbaren Tatzeit haben sich zwei Polizeibeamtinnen der Polizeistation Hanau I sofort mit der Entgegennahme der Notrufe befasst. Zur Unterstützung für den weiteren Einsatzverlauf wurde ein zusätzlicher Polizeibeamter hinzugezogen.“ Doch bisher gibt es keine Belege dafür, dass auch nur zeitweise drei Beamt:innen Anrufe entgegengenommen haben.

„Ihr zählt die Monate, ich die Tage“

„Heute ist der 667. Tag ohne Sedat“, hat Emis Gürbüz zu Beginn des Tages angehoben. „Ihr zählt die Monate, ich die Tage.“ Sie hat ein Foto ihres Sohnes an ihrem schwarzen Oberteil befestigt, neben ihr sitzt ihre Anwältin Seda Basay-Yildiz. Die Mutter von Sedat Gürbüz schildert, wie sehr der 29-Jährige das Leben und seine Heimat Dietzenbach geliebt habe. Er „hatte ein großes, sauberes Herz“. Emis Gürbüz ist sicher: Wenn der Attentäter Sedat gekannt hätte, „hätte er ihn nicht ermorden können“.

Der Schmerz der Mutter ist unfassbar: „Er hat nicht nur unser Kind ermordet, sondern auch uns.“ Sie seien wie „lebendige Leichen“, erklärt Emis Gürbüz und weint wenig später.

Am 19. Februar 2020, gegen 22 Uhr, liegt sie mit ihrem Mann Selahattin, der früh raus muss, schon im Bett, als sie von ihrem anderen Sohn erfahren, dass in Sedats Midnight Bar am Hanauer Heumarkt etwas passiert sei und es mehrere Tote gebe. Als sie dort ankommen, ist schon alles abgesperrt. Sie sei auf die Polizei zugegangen, habe gesagt, wer sie ist und wen sie suche. Eine Antwort habe sie nicht bekommen: „Niemand hat irgendwelche Informationen gegeben.“ In einem Hotel in der Nähe haben sie „gewartet, gewartet, gewartet“, bis sie gegen halb sieben nach Hause fuhren, in einem Schockzustand.

Eine Tüte mit einer „03“ drauf

Erst gegen zehn oder halb elf seien mehrere Polizist:innen gekommen und hätten Sedats Bruder und einem Bekannten die Todesnachricht überbracht. Und eine Tüte, mit einer „03“ drauf. Emis Gürbüz hebt sie im Plenarsaal des Landtags hoch und sagt: „Von Sedat ist das hier übriggeblieben.“ Sedats Handy, das darin steckt, lädt sie immer auf: „Bis jetzt ist es nicht ein Mal ausgegangen.“ Was die „03“ auf der Plastiktüte zu bedeuten hatte, habe sie später von ihrer Anwältin erfahren: Sedat Gürbüz war das dritte Todesopfer.

Wie die anderen Angehörigen kritisiert Gürbüz, dass eine Obduktion durchgeführt wurde und sie vorher nicht gehört worden sei. Angeblich sei der jüngere Sohn gefragt worden, der sich nicht erinnere, doch selbst wenn: „Er konnte da nicht denken, stand unter Schock.“ Beim Bestatter in Darmstadt, knapp eine Woche nach der Tat, habe sie einen Blick auf Sedats Gesicht werfen können. „Es ist furchtbar schmerzhaft, dass wir ihn nicht nochmal länger sehen konnten.“ Scharf kritisiert sie die rechtsmedizinische Untersuchung: „Ich bin bewusstlos geworden, als ich viel später davon erfuhr. Sie haben unsere Kinder zerschnitten.“ Obwohl die ganze Welt gewusst habe, dass Sedat durch einen Kopfschuss ermordet wurde: „In dem Moment war er weg.“

Bouffier „herzlos“

Statt unbürokratische Hilfe zu bekommen, habe sie viel gegen Widerstände kämpfen müssen, etwa für ein Ehrengrab und eine Gedenkstele in Dietzenbach, beklagt Emis Gürbüz. Außerdem habe sich Ministerpräsident Volker Bouffier herzlos und eiskalt verhalten, als er bei einer Begegnung gesagt habe, es habe während seiner jahrzehntelangen Tätigkeit als Anwalt schlimmere Fälle gegeben.

Sie erwarte, dass „die Verantwortlichen die Fehler endlich zugeben und Verantwortung übernehmen“ und Konsequenzen ziehen. Sie mache aber auch alle verantwortlich, die Rassismus und Feindseligkeit schürten. „Was haben wir euch getan? Warum hasst ihr uns?“, fragt Emis Gürbüz.

„Ich brenne, von oben bis unten“, sagt sie am Ende. Nichts könne dieses Feuer löschen. Sie versuche, weiterzuleben, schaffe es aber nicht.

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