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Viele Flüchtlinge sind traumatisiert. (Symbolbild)

Flüchtlinge in Hanau

Schwerkranke Geflüchtete leiden weiter

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In der Erstaufnahme in Hanau-Wolfgang soll es kaum Zugang zu Fachärzten und Therapien geben. Zwei Somalierinnen sind besonders betroffen.

Vor zehn Jahren, bevor sie zu einer langen Flucht aufbrach, wurde Amina Farah (Namen geändert) Opfer eines Mordversuchs. Mit einem Gewehrkolben schlug ihr Peiniger auf sie ein, so lange, bis sie sich nicht mehr bewegte. So schildert es die Somalierin, die damals im fünften Monat schwanger war. Das ungeborene Kind starb, und Farah leidet bis heute an den körperlichen und seelischen Folgen des Angriffs. An einer schweren Gehbehinderung, Unterleibsschmerzen und einem nicht vollständig verheilten Bruch des Schlüsselbeins. In den vergangenen Wochen und Monaten sind die Schmerzen wieder schlimmer geworden.

Im Herbst 2017 wurde Farah in der hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in Hanau-Wolfgang untergebracht. Und seitdem wartet die in den 1970er Jahren geborene Geflüchtete offenbar auf eine fachärztliche Untersuchung und Therapie. Ihr Fall und weitere zeigen nach Ansicht von Flüchtlingshelfern wie Marion Bayer gravierende Missstände bei der medizinischen Versorgung in der Erstaufnahme. Die Einrichtung auf dem früheren US-Army-Areal Sportsfield Housing wird von der Johanniter-Unfall-Hilfe Hanau & Main-Kinzig betrieben, die zuständige Behörde ist das Regierungspräsidium (RP) Gießen. Die Häuser im Stadtteil Wolfgang bieten Platz für bis zu 1700 Menschen, zuletzt lebten dort nur wenige hundert, Mitte 2017 waren es etwa 200.

Geflüchtete und Helfer, die Bewohner der Erstaufnahmeeinrichtung beraten, berichten von einer Reihe von Problemen: Demnach bleiben viele Asylsuchende mittlerweile nicht nur kurz in der Erstaufnahme, bevor sie in die Städte und Gemeinden ziehen, sondern „oft etwa sechs Monate oder noch etwas länger“, so Bayer. Das führe nicht zuletzt bei der Gesundheitsversorgung zu Nachteilen.

Der Zugang zu Leistungen sei meist noch schwieriger als in den Kommunen, wo das Sozialamt Krankenscheine ausstellt. In Hanau entscheiden Johanniter und RP, ob eine Behandlung gewährt wird. Und zwar auf rigide Weise, so der Vorwurf. So werde etwa die einen Ermessensspielraum bietende Frage, ob eine Krankheit chronisch oder akut ist, in vielen Fällen zum Nachteil der Betroffenen beantwortet. Akute Fälle müssen zügig behandelt werden, chronische nicht.

Eine Untersuchung durch Fachärzte sei „nur sehr schwer bis gar nicht möglich“, sagt Bayer. Häufig würden die Verantwortlichen sagen, das sei erst nach dem Aufenthalt in der Erstaufnahme möglich. „Anstelle einer eingehenden fachärztlichen Untersuchung und einer Therapie werden oft Schmerzmittel ausgeteilt.“ Die Folgen: Die Leiden verschlimmerten sich, hinzu kämen Schwierigkeiten im Asylverfahren. Denn dort müssen Krankheiten, die gegen eine Abschiebung sprechen, mit einem fachärztlichen Attest belegt werden.

Darüber hinaus sei Bewohnern ihre Patientenakte nicht herausgegeben worden. Das ist auch deshalb problematisch, weil Flüchtlinge in den Eilverfahren schnell reagieren müssen. Gespräche, die die Helfer mit Johannitern und RP geführt haben und mit Protokoll belegen, hätten fast keine Fortschritte gebracht.

Zu den Betroffenen zählt auch Samia Ali. Nachdem sie in Libyen gefangengenommen worden war, wurde die Somalierin vergewaltigt, offensichtlich auch mit einem Messer. Wegen dieser Genitalverstümmelung wurde Ali bereits in Österreich operiert, doch die Verletzungen sind nicht verheilt, die Schmerzen weiter akut, auch wegen mangelnder Nachsorge. Sie kann kaum sitzen. Nach Hanau kam Samia Ali, die auf Rücken, Armen und an einigen Stellen im Gesicht Narben von Brandwunden hat, vor etwa einem halben Jahr. Auf eine Untersuchung bei einer niedergelassenen Gynäkologin musste sie bis zum 7. Dezember warten.

Zuvor hatten die Flüchtlingshelfer mehrfach auf eine Facharztbehandlung gedrängt und Samia Ali sowie Amina Farah zu einem Allgemeinmediziner geschickt. Der FR liegen die Atteste, die die Angaben stützen, vor. In Alis Diagnose ist von einem „hochgradigen Verdacht auf Komplikationen“ die Rede, chronischen Schmerzen und einer Schussverletzung am Unterschenkel. Zudem heißt es: „Aufgrund der Schwere des Erlebten und dem klinischen Bild empfehlen wir dringend eine psychologische Abklärung und Mitbehandlung.“ Dies ist bislang nicht offenbar nicht erfolgt. Bei Farah fordert der Arzt auch eine radiologische und orthopädische Untersuchung, sieht „Zeichen einer posttraumatischen Belastungsstörung“ und spricht von medizinischer Unterversorgung. Farah sollte die Erstaufnahme nach Angaben der Flüchtlingshelfer vergangene Woche verlassen.

Die FR hat dem RP eine detaillierte Anfrage dazu geschickt. Am Telefon sagte ein Sprecher, das RP könne sich aus Gründen des Datenschutzes und der ärztlichen Schweigepflicht nicht zu den Fällen äußern. Um einen Eindruck von der medizinischen Versorgung zu geben, bot er einen Ortstermin an, der in den nächsten Tagen vereinbart werden soll. Ansonsten wies das RP die Vorwürfe pauschal zurück, mit Verweis auf eine Stellungnahme, welche die FR auf eine frühere Anfrage zu diesem Thema im September 2017 bekommen hatte. Auch der Hinweis darauf, dass die aktuelle Anfrage wesentlich detaillierter ist, etwa die Kritik am Zugang zu Patientenakten thematisiert, brachte bisher keine andere Antwort.

In Hanau und den anderen Standorten „ist eine medizinische Versorgung gewährleistet“, so das RP. In „regelmäßigen ärztlichen Sprechstunden“ würden „zahlreiche Fachärzte aus den unterschiedlichsten Fachdisziplinen“ arbeiten. Weitergehende Therapien und Diagnostik würden durch niedergelassene Fachärzte oder Krankenhäuser sichergestellt. Der Sanitätsdienst sei rund um die Uhr anwesend. Opfer sexualisierter Gewalt erhielten „individuelle diagnostische und therapeutische Hilfe“. Bereits im Ankunftszentrum Gießen würden alle Geflüchteten untersucht. Wenn nötig, werde sofort an Fachärzte überwiesen. Neben den bestehenden psychosozialen Beratungsstellen für Traumatisierte würden vom Land weitere psychosoziale Zentren gefördert, um die Betreuung und Versorgung der Geflohenen „noch besser“ zu gewährleisten.

Bayer sagt dazu, die „übliche Reaktion“ des RP gebe wider, was den Richtlinien nach existieren sollte. „Die Praxis zeigt aber, dass das keineswegs der Fall ist.“

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