Vor allem Frauen werden Opfer häuslicher Gewalt. Frauenhäuser bieten eine Zuflucht.
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Vor allem Frauen werden Opfer häuslicher Gewalt. Frauenhäuser bieten eine Zuflucht.

Hanau Gewalt

Das Schweigen durchbrechen

  • Uta Grossmann
    vonUta Grossmann
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Zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen engagieren sich Hanauer Apotheker. In ihren Geschäften werden Handzettel mit der Nummer des Hilfstelefons Gewalt gegen Frauen verteilt.

Zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen engagieren sich Hanauer Apotheker. In ihren Geschäften werden Handzettel mit der Nummer des Hilfstelefons Gewalt gegen Frauen verteilt.

Am Montag ist der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen. 1999 bestimmte die UN-Generalversammlung den 25. November zum alljährlichen Gedenktag. Die Stadt Hanau beteiligt sich seither mit Aktionen daran. Dieses Jahr hat die Landesarbeitsgemeinschaft der hessischen Frauenbeauftragten den Hessischen Apothekerverband (HAV) mit ins Boot geholt. Gemeinsam zeigen sie die Rote Karte gegen häusliche Gewalt. Das ist ganz wörtlich zu verstehen.
In den Apotheken werden rote Handzettel mit der Nummer des Hilfetelefons Gewalt gegen Frauen 08000/116 016 verteilt. Darauf steht auch die bundeseinheitliche Telefonnummer des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes 116 117 und der Polizei (Telefon 110). Außerdem werden Hinweise gegeben, wie Zeugen helfen können und wie Opfer Hilfe erhalten.

Der Hanauer Apotheker Dirk Sticha (Lamboy-Apotheke) erläuterte bei der Vorstellung der Kampagne, dass sich alle 24 Apotheken der Stadt beteiligen. „Wir haben uns gefragt, wie wir helfen können“, sagte er. Die Apotheker seien einerseits akademische Fachleute, die direkt und ohne Anmeldung ansprechbar seien und alle Frauen erreichten. Andererseits müssten sie sensibel vorgehen. „Frauen tragen das Thema häusliche Gewalt in aller Regel nicht offensiv an uns heran.“ Manchmal gebe es Hinweise, etwa wenn eine Frau trotz Regenwetters eine Sonnenbrille trage, um ein Veilchen an ihrem Auge zu verstecken. Nicht immer sei eine direkte Ansprache möglich, der Apotheker könne aber diskret den roten Handzettel mit in die Medikamententüte packen.

Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) hatte erschreckende Zahlen parat. „Alle drei Minuten wird in Deutschland eine Frau vergewaltigt“, sagte er. Wenige Täter würden angezeigt, und von diesen wiederum nur jeder achte verurteilt. Gewalt in Familien sei nicht auf eine Schicht, Religion oder Ethnie begrenzt und komme keineswegs, wie oft falsch angenommen werde, bei Türken häufiger vor. Es sei schwer, betroffene Frauen zu erreichen. Aus Scham, Schuldgefühlen und wegen der wirtschaftlichen Abhängigkeit vom Täter schweigen sie oft über die erlittene Gewalt. Kaminsky zitierte die Polizeistatistik, die im Stadtgebiet Hanau einen Rückgang angezeigter Fälle häuslicher Gewalt von 202 im Jahr 2007 auf 136 im Jahr 2012 ausweist. Allerdings ist zum einen von einer hohen Dunkelziffer auszugehen, andererseits nutzen viele Opfer inzwischen die Möglichkeiten des Gewaltschutzgesetzes und wenden sich direkt an das Familiengericht.

Im Hanauer Facharbeitskreis gegen Gewalt an Frauen arbeiten verschiedene Beratungsstellen, Stadt, Kreis, Polizei, Gerichte, Staatsanwaltschaft, eine Familienrichterin und eine Rechtsanwältin zusammen. Insbesondere der Kontakt zu den Fachleuten vom Gericht sei sehr wertvoll, sagte die Hanauer Frauenbeauftragte Imke Meyer.

Der Hanauer Arbeitskreis leistet Aufklärungsarbeit. Er informiert Ärzte, wie wichtig es ist, Gewaltspuren bei Patientinnen zu dokumentieren, auch wenn sie wegen der ärztlichen Schweigepflicht die Tat nicht selbst anzeigen dürfen. Wenn eine Frau sich nach anfänglichen Bedenken zu einer Anzeige entschließt, kann sie in einem Gerichtsverfahren auf die Dokumentation des Arztes zurückgreifen.

Frauenhaus auf Spenden angewiesen

Hanau hat bereits seit mehr als 32 Jahren ein Frauenhaus, in dem Frauen und ihre Kinder Zuflucht suchen können, wenn sie zu Hause körperliche oder seelische Gewalt und Erniedrigung erleben. Im vergangenen Jahr zogen 93 Frauen und 110 Kinder zeitweise in das Frauenhaus. Es hat 24 Plätze. Fünf pädagogische Mitarbeiterinnen und zwei Hauswirtschafterinnen betreuen die Betroffenen. Sie arbeiten entweder in Teilzeit oder auf Minijobbasis.

Das Hanauer Frauenhaus und die zugehörige Beratungsstelle haben einen Gesamthaushalt von 315 000 Euro für geplante Ausgaben im Jahr 2013. Die Stadt Hanau übernimmt Miet- und Nebenkosten von 24 000 Euro im Jahr und zahlt einen jährlichen Zuschuss. 2013 beträgt er 25.000 Euro. Nachdem das Land Hessen seine Unterstützung 2004 komplett gestrichen hat, ist das Frauenhaus verstärkt auf Spenden und kreative Sponsorenaktionen angewiesen, zum Beispiel den Hanauer Stadtlauf.

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