Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Vorbildcharakter: Die Annasiedlung galt einmal als Gegenmodell zu den „Mietskasernen“-Quartieren für Arbeiter.
+
Vorbildcharakter: Die Annasiedlung galt einmal als Gegenmodell zu den „Mietskasernen“-Quartieren für Arbeiter.

Hanau

Schönheit und Verfall der Annasiedlung

  • Detlef Sundermann
    vonDetlef Sundermann
    schließen

Eine Sozialfotoreportage nähert sich der Annasiedlung am Kinzigheimer Weg in Hanau auf drei Ebenen: Schönheit, Verfall und Spekulation.

Eingefasst vom Schienenvorfeld des Hauptbahnhofs und dem „Schwab-Versand“ breitet sich schmal die Annasiedlung mit ihren 13 zwei- bis dreigeschossigen Wohnhäusern und dem reichlichen Grün entlang des Kinzigheimer Wegs aus. Manfred Semmler das dieses einstige Arbeiterquartier mit Gründungsdatum in den 30er-Jahren zu einer Fotodokumentation inspiriert. Nicht weil dort außergewöhnliche Architektur zu finden ist, sondern um das ganze Elend der Siedlung und die unsäglichen Zustände für die letzten paar Bewohner kritisch dazulegen. Die Dokumentation ist zugleich ein Beleg für zwölf Jahre Immobilienspekulation.

„Ich habe für das Projekt drei Schwerpunkte gesetzt: die noch erkennbare Schönheit der Siedlung, den Verfall und die Spekulation“, sagt Semmler. Bei seiner Arbeit schlugen zwei Herzen in seiner Brust, das des ehemaligen Gewerkschaftssekretärs bei Verdi und das eines ambitionierten Hobbyfotografen.

Semmler gehört dem Foto-Team Hessen an, einer Vereinigung von ehrenamtlich mit der Kamera tätigen Gewerkschaftsbeschäftigen. 2018 sei das Projekt „Sozialreportage und -fotografie“ gestartet worden, erzählt Semmler, der sich der Sparte „soziales Wohnen“ annahm. „Die Annasiedlung war Teil meiner Recherche“, sagt der 72-Jährige.

Gleichwohl das Wohnquartier wie eine Insel zwischen Gleisen und Hafen liegt, bedarf es keines Tipps, um auf sie zu stoßen. Seit dem Verkauf durch die städtische Baugesellschaft Hanau kommt die Annasiedlung fast jährlich in der Lokalpresse vor, vor allen wegen der Investoren, die es vermeintlich gut mit ihr meinen, und ob des ungebremsten Verfalls einhergehend mit der Vermüllung von außen.

Die Broschüre

Auf dem gut zwei Hektar großen Areal befinden sich 13 Häuser mit zusammen 164 Wohnungen, von denen nur noch eine Handvoll vermietet sind.

„Wohnsiedlung Kinzigheimer Weg“, 36 A4-Seiten, ist als Broschüre erschienen und kostet zwei Euro, erhältlich bei: www.fototeam-hessen.de.

Semmler hat das Schicksal der mittlerweile zum Kulturdenkmal gewordenen Siedlung in Wort und Bild aufgezeichnet. Er ist hierbei nicht mit der Kamera um die zumeist leerstehenden Wohngebäude geschlichen, um „Lost Place“-Atmosphäre einzufangen. Er hat den Kontakt gesucht. „Immer wieder kam ich mit Bewohnern und Ehemaligen ins Gespräch“, sagt Semmler.

Und so erfährt er Einiges über die solidarische Gemeinschaft, die bis heute besteht, sowie über die Personen in der oasenartigen „Gartenstadt“, mit ihren großzügigen von Bäumen und Büschen besetzten Grünflächen als sozialen Raum, der für Zusammenkunft und Distanz sorgt. Die Annasiedlung galt in ihrer Art einst als vorbildlich. Manch Ex-Siedler und -Siedlerin steuerte historische Fotografien bei.

Das ist die positive Seite, die Semmler aufzeigt. Die Verwahrlosung vor allem der leeren Gebäude, deren Fenster und Türen mit Holzlatten vor unerwünschten Eindringenlichen geschützt werden müssen, oder die Sperr- und Sondermüllablagerungen, zu der Unbekannte die Annasiedlung nutzen, zeigt Semmler mit der gleichen Prägnanz.

Dass der Ort zu einem Spielball der Immobilienspekulanten geworden ist – mit jedem Verkauf steigt der Preis, ohne dass irgendwas Nennenswertes mit den Häusern und der Anlage geschieht – versucht Semmler ebenfalls fotografisch auf den bitter-ironischen Punkt zu bringen. Ein Bild zeigt etwa einen Hausausschnitt und einen Teil einer Lotto-Werbung auf einer Litfasssäule. „Jetzt noch höhere Gewinne“, verheißt die Reklame.

Die Broschüre wird ihrer Funktion als Sozialreportage gerecht. Wer in der Publikation lange Bildstrecken sucht, wird von dem Werk ein wenig enttäuscht sein. Dazu ist es zu textlastig, aber immerhin gut lesbar und interessant. Das liegt nicht zuletzt an den Aufzeichnungen der Annasiedler und -siedlerinnen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare