Das Medieninteresse an dem spektakulären Fall ist enorm.
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Das Medieninteresse an dem spektakulären Fall ist enorm.

Hanau

Ringen um Gerechtigkeit im Hanauer Sektenprozess

  • Gregor Haschnik
    vonGregor Haschnik
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Nach dem ersten Teil des Mordprozesses wächst der Druck auf die Angeklagte.

Der erste Schlüsselaspekt und Streitpunkt offenbart sich gleich am ersten Verhandlungstag in Saal 215 des Landgerichts Hanau, vor vielen Zuschauern und Medienvertretern: Als Oberstaatsanwalt Dominik Mies im Oktober 2019 die Anklageschrift verliest, spricht er alarmierende Sätze aus. Die Sektenchefin Sylvia D. soll sie gesagt haben, als sie am 17. August 1988 den vierjährigen Jan H. habe ersticken lassen, weil sie ihn für vom Bösen besessen hielt. Sinngemäß habe sie dem Sohn zweier Anhänger, der in einem Sack steckte und um Hilfe schrie, zugerufen: „Du kannst das Schaugebrüll lassen! Alle sind fort. Sie können dir nicht helfen.“

Das hat die 72-Jährige 2016 in einer Vernehmung bei der Polizei offenbar selbst angegeben. Doch wäre die Aussage vor Gericht verwertbar? Das muss die erste große Strafkammer im Prozess gegen D. noch entscheiden. Im Gegensatz zur Staatsanwaltschaft hält die Verteidigung das Zitat für Spekulation und nicht verwertbar, weil D. damals als Zeugin befragt worden sei. Ein Verstoß gegen das Recht, sich nicht belasten zu müssen, liege vor. Die Anwälte Matthias Seipel und Peter Hovestadt beantragten sofort, den Teil der Anklage nicht zu verlesen – erfolglos. Die Kammer wies darauf hin, dass die Schrift lediglich über die Vorwürfe informiere, über die Verwertbarkeit werde später entschieden.

Die Auseinandersetzung darum deutet an, wie intensiv und spannend das Verfahren ist. Der Weg bis zum Urteil ist weit, nach derzeitigem Stand fällt es im August. Doch bereits jetzt hat die Verhandlung wichtige Erkenntnisse geliefert. Der Druck auf Sylvia D. wächst: So verteidigte Claudia H., Jans Mutter, D. zwar, die Kinder stets gut behandelt zu haben. Sie räumte aber unter anderem ein, dass der Junge tatsächlich in einen Sack geschnürt wurde. Interne Schreiben, Tagebucheinträge D.s sowie angebliche Briefe Gottes zeigten den tiefen Hass auf den Jungen. Er sei ein fieser Sadist gewesen, den Gott habe „abholen“ müssen, um Schlimmeres zu verhindern.

Auch die finanzielle und sexuelle Ausbeutung wurde deutlich: Anhänger setzten D. als Erbin ein und hatten „Energiezeiten“ mit D.s Ehemann, um „Gott zu stärken“. D., die früher als Krankenschwester gearbeitet haben soll, verfolgte den Prozess nach anfänglicher Nervosität demonstrativ selbstbewusst und konzentriert. Ständig machte sie Notizen, suchte das Zwiegespräch mit ihren Verteidigern. Und sie versuchte mitunter offensichtlich, Einfluss auf Zeugen zu nehmen, fixierte sie mit ihrem Blick.

Brisante Aufnahmen

Der Prozess

Die Staatsanwaltschaftist überzeugt, dass Sylvia D. 1988 den vierjährigen Jan H. ermordete, indem sie ihn in einem Sack ersticken ließ. D. hielt ihn offenbar für die Wiedergeburt Hitlers.

D. bestreitetdie Tat. Laut ihren Verteidigern, die Widersprüche bei Aussteigern sehen, habe es keine Tötungshandlung gegeben. Die Todesursache sei unklar. Ihre Mandantin sei Opfer einer Hetzkampagne. Sie kritisierten den bisherigen Verlauf des Prozesses, der sich nicht aufs Wesentliche konzentriere. Das Gericht wies dies zurück. Fragen etwa zu Erziehungsmethoden von D. seien sehr wohl relevant.

Die FR hatteden Sektenfall 2014 öffentlich gemacht. Nachdem Aussteiger der Staatsanwaltschaft neue Hinweise gegeben hatten, wurden die Ermittlungen neu aufgerollt. 

Manches, was die Anhänger einräumten, mutete absurd an. Da ist beispielsweise die „Flucht vor den Russen“, die D. in den 1980ern angeordnet habe. Weil die Gruppe und ihre Anführer bedroht gewesen seien, flohen sie mit Kindern für mehrere Wochen in Richtung Spanien. Es ist ein unfassbarer Gehorsam, der sich im Gerichtssaal fortsetzt. Die H.s zitierten wörtlich D.s Leitsätze und zeigten keine Gefühle in Zusammenhang mit dem Tod ihres Sohnes.

Aussteiger belasteten Sylvia D. schwer. Sie sagten aus, dass das Leben in der Gruppe von physischer und psychischer Gewalt geprägt gewesen sei. Birgit P. etwa gab an, die Angeklagte habe sie jahrelang erniedrigt, ausgebeutet und Gehirnwäsche betrieben. Sie habe Kinder eingesperrt und misshandelt. Eines Tages hat P. nach eigenen Angaben im Bad der D.s ein „komplett verschnürtes Bündel“ beobachtet, das sich gehoben und gesenkt habe. Es sei Jan gewesen.

Wie aus Unterlagen der Gruppierung hervorgeht, sollte auch P.s eigener Sohn von Gott „abgeräumt“ werden, da er ebenfalls böse gewesen sei. Einmal habe er Würgemale am Hals gehabt.

Bestätigt hat die Beweisaufnahme auch, dass Behörden im Umgang mit der Gruppe versagt haben, massiv. Die Polizisten, die nach Jan H.s Tod im Haus waren, haben kaum bis keinerlei Ermittlungseifer gezeigt. Dennoch sammelten sie Informationen, die sie hätten stutzig machen müssen. Etwa, dass das auf 14 Kilogramm geschätzte Gewicht sehr wenig für einen Viereinhalbjährigen war. Dass er zuletzt Anfang 1986 bei einem Kinderarzt war, obwohl dieser Gewichtskontrollen anmahnte. Dass der Notarzt zu dem Ergebnis kam, die Todesursache sei unklar. Trotz solcher Signale ermittelten die Beamten nicht weiter, ließ die Staatsanwaltschaft keine Obduktion durchführen, sondern stellte das Verfahren ein.

Eine Reihe von Fragen hingegen ist noch offen, zum Beispiel: Wie schätzt der psychiatrisch Gutachter Sylvia D. ein, wäre sie schuldfähig? Was hat die Obduktion nach der Exhumierung der Leiche im Jahr 2017 ergeben?

Am Montag geht das Ringen um Gerechtigkeit weiter. Eine interessante Entscheidung steht bevor: Während der Ermittlungen wurden die D.s abgehört. Schon Ende 2019 sollte eine Passage abgespielt werden, doch die Verteidiger halten dies für unzulässig und wollen es unbedingt verhindern. In der kommenden Woche wird der Beschluss zu ihrem Antrag verkündet. Die Aufnahmen dürften sehr brisant sein.

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