REG-Prozessauftakt_HU13_231
+
Die Angeklagte Sylvia D. mit ihren Anwälten Peter Hovestadt und Matthias Seipel beim Prozessauftakt im Oktober 2019

Hanau

Prozess in Hanau: Lebenslange Haft gefordert

  • Gregor Haschnik
    vonGregor Haschnik
    schließen

Plädoyers im Mordprozess gegen Hanauer Sektenchefin: Die Verteidiger beantragen Freispruch, die Staatsanwaltschaft sieht einen Mord durch Unterlassen.

Im Prozess um den Tod des vierjährigen Jan H. hat Oberstaatsanwalt Dominik Mies lebenslange Haft für die Angeklagte Sylvia D. gefordert, wegen Mordes durch Unterlassen. Mies sah es am Mittwoch vor dem Landgericht Hanau als erwiesen an, dass die Sektenführerin am 17. August 1988 den Sohn ihrer Anhänger Claudia und Helmut H. aus niedrigen Beweggründen in einem engen Sack ersticken ließ. Nach den Worten von Mies habe D. den Jungen, auf den sie aufpassen sollte, nicht nur deshalb getötet, weil sie ihn als Reinkarnation Hitlers betrachtet habe, sondern auch, um ihre Position in der Gruppe zu stärken.

Der Fall war nach FR-Berichten und Hinweisen von Aussteigern 2015 neu aufgerollt worden.

In seinem fast dreieinhalbstündigen Schlussvortrag sagte Mies, Jan H. „hatte sein ganzes Leben vor sich“, aber Sylvia D. und „der Alte“, wie Gott in der Gruppierung genannt wird, seien ihm dazwischengekommen. Mies zitierte aus Schriftstücken von D. und ihren Anhängern. Kurz nach H.s Tod heißt es, Gott habe zu „100 Prozent richtig entschieden“, als er Jan H. „geholt“ habe. Dieser sei ein gemeiner „Machtsadist“ gewesen, habe viel Leid verursacht und wäre nicht mehr zu kontrollieren gewesen. Das sei „keine Fiktion, sondern Realität“, so Mies. H. sei schwer misshandelt worden. Das belege auch ein Tagebucheintrag von Cordula E., die sich fragt, ob sie es schaffe, ihren Sohn wie Jan H. zu behandeln: Fußtritte, Ohrfeigen geben, hungern lassen.

Es gebe keinen Zweifel daran, dass H. in dem Sack geschlafen und D. seine Schreie ignoriert habe, auch wegen eines abgehörten Telefonats, in dem Sylvia D. dies einräume. Ein weiterer wesentlicher Punkt ist für Mies eine „Eingebung“ von D.: Nachdem Claudia H. am 17. August 1988 mit D.s mittlerweile verstorbenem Mann Walter vom Markt kam, sagte D. zu ihr, sie solle nicht traurig sein, wenn Gott Jan H. bald hole. Kurz darauf stellte die Mutter offenbar fest, dass der im Bad liegende H. nicht mehr atmet. Die Gruppe habe den Sack und andere Spuren verschwinden lassen. Vor dem Eintreffen des Notarztes sei H. auf ein Sofa gelegt worden.

Das Ergebnis des rechtsmedizinischen Gutachtens sei eindeutig, erklärte Mies: Der Sack sei die Todesursache. Der Krankenschwester sei die Gefahr bewusst gewesen, auch weil H. laut geschrien habe. Zudem habe ihr Sohn Martin sie einige Tage zuvor darauf hingewiesen, dass H. in dem Sack kaum Luft bekomme.

Mit ihrer „Prophezeiung“ von Jan H.s Tod habe D. ihre herausgehobene Stellung gefestigt und eine Drohkulisse aufgebaut.

Sylvia D. habe ein geschlossenes, totalitäres System aufgebaut. Die Zeugen seien glaubwürdig und hätten Mut bewiesen. Ihre Aussagen würden etwa durch Dokumente gestützt. Der Vorwurf einer Hetzkampagne gehe an der Sache vorbei. Ein Grund: Das frühere Pflegekind Klaus B. habe Aussagen von Aussteigern bestätigt, obwohl er keinen Kontakt zu ihnen gehabt habe.

Die Verteidigung forderte Freispruch. Anwalt Matthias Seipel übte heftige Kritik an der Justiz, die sich von der öffentlichen „Vorverurteilung“ habe beeinflussen lassen und D.s Rechte verletzt habe. So habe man sie als Zeugin befragt, obwohl sie schon als Beschuldigte gegolten habe.

Das Gutachten der Rechtsmedizin setze voraus, dass Jan H. vollständig in einem Sack steckte, so Seipel. Ob dies so war, sei unklar. In den Telefonaten habe D. dies für Jan H.s Todestag nicht eingeräumt. Seipel hält die Belastungszeugen, besonders Martin D., für unglaubwürdig. Etwa dessen Angabe, seine Mutter in den Tagen vor H.s Tod auf einen gefährlichen Zustand des Jungen hingewiesen zu haben. Schließlich habe Martin D. sich in jener Zeit nicht aufgelehnt. Jetzt sei er von Rachegefühlen getrieben.

Seipel sieht weder ein Mordmotiv noch einen Vorsatz. D. sei an einer Verhaltensänderung H.s interessiert gewesen, nicht an einer Tötung. Als an jenem Nachmittag Ruhe einkehrte, habe sie gedacht, er schlafe. Und wieso, fragte Seipel, hätte man 1988 etwas manipulieren sollen, zum Beispiel in einem von Mies angeführten, minutiösen Protokoll des Tages, das Walter D. schrieb. Die Polizei habe doch früh mitgeteilt, den Tod als Unfall einzuordnen, so der Verteidiger.

D. sprach von einem von Ex-Mitgliedern der Gruppe gesteuerten „Komplott“, an dem sich Medien, auch die FR, und die Staatsanwaltschaft beteilige. Sie habe Jan nicht malträtiert, geschweige denn getötet. Nur Gott sei Herr über Leben und Tod. D. habe Jan und die anderen geliebt, umsorgt, sei aber bei ihm abgeblitzt. Sie betonte, nicht narzisstisch zu sein, aber mit Kindern gelebt zu haben, die sich machiavellistisch, gierig verhielten. Zuvor zitierte sie aus Träumen über die „Drahtzieher“, die sich bewahrheitet hätten. Die von ihr Beschuldigten hätten Zerrbilder gezeichnet, gute Erfahrungen mit ihr unterschlagen, aus „Habgier“. Im Gegenzug nannte D. Traumaussagen, die sie etwa als „große Seherin“ darstellten. Das Urteil fällt am 24. September.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare