Krisenstab

PR-Leute im Hanauer Krisenstab

  • vonYvonne Backhaus-Arnold
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Die Stadt Hanau fällt durch ihre gefeilte Öffentlichkeitsarbeit auf. Hilfe bekommt sie dabei von zwei neu beauftragten, externen Agenturen.

Wer OB Claus Kaminsky (SPD) zuletzt auf Facebook, Instagram und Twitter gefolgt ist, konnte den Eindruck gewinnen, dass der OB vor allem auf eines setzt: Corona-Krisenkommunikation mit einem ordentlichen Schuss Selbstdarstellung. Da gab es Videos des OB, Masken-Posts, bunte Grafiken. Bilder von Kuchen und Geschenken, die an den Krisenstab übergeben wurden, täglich etwa fünf Pressemitteilungen mit möglichst vielen O-Tönen des OB. Von den beiden anderen Dezernenten hörte man wenig bis nichts, auch nicht von Absprachen mit dem Main-Kinzig-Kreis und dem für Hanau zuständigen Gesundheitsamt. Grundtenor: Es läuft. Hanau ist Bund und Land immer eine Nasenlänge voraus.

Der Hanauer Krisenstab

24 Mitglieder umfasst der Corona-Krisenstab der Stadt. Darunter sind Fachleute, zum Beispiel je ein Vertreter von Ordnungsamt, Stadtschulamt, Eigenbetrieb Kita, Klinikum Hanau. „Alle Themenfelder der Stadt“ seien vertreten oder würden über Video- oder Telefonkonferenzen eingebunden, sagt Martin Bieberle. Der Vertraute von OB Claus Kaminsky (SPD) gehört dem Stab als Vertreter der Verwaltung an.  Persönliche Verbindungen der Mitglieder zu Kaminsky oder auch zu Bieberle, die mehrere Mitarbeiter haben, hätten bei der Auswahl keine Rolle gespielt. Die Kosten aller externen Mitarbeiter des Stabs betragen den Angaben zufolge 50 000 Euro netto – Stand 1. Mai 2020.

Damit alles positiv verbreitet werden kann, haben sich Kaminsky und sein Chef-Stratege Martin Bieberle externe Hilfe geholt. Neben der Agentur Ballcom gehört seit dem 13. März auch die Agentur Digitalnaturals dazu. Beide waren bereits nach dem Attentat am 19. Februar in die städtische Kommunikation eingebunden. Ein bis zwei Mitarbeiter von Digitalnaturals kümmern sich vor allem um die Social-Media-Kommunikation des OB. Kampagnen wie #hanauhelden und #hanaudaheim sowie das Online-Festival werden ebenfalls von Geschäftsführer Lutz Hanus und seiner GmbH Digitalnaturals betreut.

Die Agentur Ballcom, die in Hanau bereits den Wettbewerblichen Dialog, die Konversion und das Bürgerwochenende „Zukunft Hanau“ betreut hat, ist laut Aussage von Bieberle mit einem Mitarbeiter vertreten und im Stab für die „strategische Krisenkommunikation“ verantwortlich.

Obwohl Vertreter der städtischen Öffentlichkeitsarbeit im Gremium sitzen, sind die externen PRler von Ballcom auch für die „Erstellung von Pressestatements“ und die „Begleitung von Interviews bei regionalen und nationalen Medien“ verantwortlich. Kommunikationskonzepte, Presseunterlagen, Bürgertelefon, Homepage – der Katalog ist lang.

Die Stadt lässt sich die Beratung durch Ballcom einiges kosten. „Im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre belaufen sich die Kosten auf rund 62 000 Euro netto jährlich. Darin enthalten sind neben Honoraren unter anderem auch Fremdkosten wie Druck, Programmierung, Filmproduktion und Übersetzungen“, so Bieberle. Die Beauftragung für die Corona-Krisenkommunikation sei projektbezogen durch den OB erfolgt, im Rahmen seiner Befugnisse. Das Engagement von Ballcom erfolgte ansonsten durch den Geschäftsführer der Bauprojekt Hanau GmbH und der Marketing GmbH, Martin Bieberle.

Wurden die anderen politischen Vertreter darüber informiert? Bieberle verweist auf Telefon- und Videokonferenzen des OB, in denen Magistrat, Präsidium, Haupt- und Finanzausschuss unterrichtet wurden, sowie E-Mails an Fraktionschefs und Ortsvorsteher. Isabelle Hemsley, CDU-Fraktionschefin und Vertreterin der Opposition, widerspricht: „So gut die Information an die Stadtgesellschaft funktioniert, so unzureichend ist sie im politischen Kontext. Es gibt den Krisenstab, aus dem heraus die Fraktionsvorsitzenden entsprechende Mitteilungen erhalten, meist jedoch zeitgleich oder erst nach Veröffentlichung in den Medien.“ Der Stab sei mit Verwaltungsverantwortlichen und dem hauptamtlichen Magistrat besetzt. Andere kommunalpolitische Entscheidungsträger seien nicht involviert. „Was an Aufklärungsarbeit innerhalb der politischen Gremien nach dem 19. Februar herausragend funktionierte, schlägt bei Corona leider vollkommen fehl.“ Auch über die Einsetzung externer Berater seien die Fraktionen nicht informiert worden.

Blick nach Frankfurt

Ein Schwerpunkt liegt eindeutig auf PR. Dafür sitzen im Stab vier Kräfte, darunter zwei Mitarbeiter von Agenturen. In Frankfurt hat der Krisenstab „Wirtschaft und Corona“ keine PR-Leute aufgenommen, teilt das Büro von Stadtrat Markus Frank (CDU) auf Anfrage mit. Die Kommunikation werde in der Regel von den Büromitarbeitern selbst übernommen. Nur bei einzelnen Projekten wie dem Aufbau einer Plattform für lokale Händler würden externe Agenturen als Unterstützer beauftragt. Statt PR-Referenten bezieht der Frankfurter Krisenstab neben Magistratsmitgliedern Akteure aus verschiedenen Bereichen ein, etwa DGB, IHK und Agentur für Arbeit. gha

Die städtische Pressestelle besteht aus drei Leuten, hinzu kommen zwei in der Internet-Redaktion. Warum braucht es externe Kräfte, die zwar eine Verschwiegenheitserklärung unterschrieben haben, aber täglich mit sensiblen Informationen konfrontiert werden? Bieberle: „Die Stadt Hanau hat nach dem 19. Februar einen Krisenstab eingerichtet, der quasi ohne Unterbrechung ab dem 13. März als Krisenstab Corona fungiert. Die Mitarbeiter des Krisenstabes tagen in der Regel zwischen zehn und 14 Stunden täglich, in der Regel an sechs, manchmal auch an sieben Tagen in der Woche.“ Ein Krisenstab müsse auch darauf ausgerichtet sein, 24 Stunden verfügbar zu sein. „In der oben beschriebenen Logik wäre es objektiv auch aus arbeitsrechtlichen Gründen nicht möglich gewesen, die gesamte Kommunikationsarbeit in der Corona-Krise mit eigenen Ressourcen zu stemmen.“

Hemsley sieht das kritisch. Es gelte, abzuwägen zwischen gesellschaftlich notwendig, um alle Bürger einer Stadt zu erreichen, und reinen PR-Maßnahmen. „Wir haben innerhalb der städtischen Verwaltung eine gut funktionierende und aufgestellte Marketing-Mannschaft, dazu viele Presseverantwortliche, die eine hervorragende Arbeit leisten. Momentan erwecke vieles den Eindruck, dass hier mehr als nur ein präventives Vorgehen zur Eindämmung des Virus vollzogen werde.

Martin Bieberle will von PR und Selbstdarstellung nichts wissen, verweist darauf, dass Politiker Verantwortung tragen und „in der aktuellen Krise auch kommunikativ besonders gefordert sind“. Dies gelte auch für Kaminsky. Offenbachs OB scheint das anders zu sehen. Er und die Landkreise kommen ohne externe Kommunikatoren durch die Krise.

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