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Wollen bleiben und ihren Lebensunterhalt selbst verdienen: Siavash und Peyman Harati.

Zuwanderung

Ihm droht die Todesstrafe, doch für Deutschland ist er nicht christlich genug

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Weil er angeblich seiner Mitwirkungspflicht nicht nachkam, haben die Behörden in Hanau einem iranischen Ingenieur Arbeitsverbot erteilt.

Peyman Harati hatte es geschafft. War angekommen in Deutschland, auch beruflich. Eines der Vorbilder, mit denen sich Politiker gerne fotografieren lassen. Der vor vier Jahren aus dem Iran geflüchtete 47-Jährige war glücklich, dass das Familienunternehmen Schmitt + Sohn Aufzüge ihm eine Chance gab, sagt er. Und stolz, dass er für sich und seinen 18-jährigen Sohn Siavash sorgen konnte.

Harati ist studierter Elektrotechniker, dank seines Arbeitgebers konnte er sich bei Lehrgängen aufzugspezifische Kenntnisse aneignen und in dem Unternehmen vor einem Jahr anfangen. Der alleinerziehende Vater verdiente ordentlich und hatte die Aussicht, irgendwann mehr Verantwortung zu übernehmen.

Vor wenigen Wochen hat die Ausländerbehörde der Stadt Hanau ihm jedoch auf Anweisung des Regierungspräsidiums Darmstadt verboten zu arbeiten, weil er seinen Mitwirkungspflichten nicht nachgekommen sei. Eine harte Strafe: „Ich will uns selbst finanzieren und meine Vorgesetzten nicht enttäuschen, sondern ihnen etwas zurückgeben.“ Die Firma hat bundesweit Aufträge und sucht händeringend nach guten Kräften. Haratis Chef sagt, er schätze und brauche ihn und setzt sich dafür ein, dass die Arbeitserlaubnis wieder erteilt wird. Er hat seinem Mitarbeiter nicht gekündigt, ihn nur beurlaubt.

Im Iran droht dem konvertierten Christen die Todesstrafe

Harati wurde der Boden unter den Füßen weggezogen, auch weil „ich ständig Angst habe, dass sie uns jeden Augenblick abholen und abschieben könnten“. Im Iran droht ihm und dem Sohn die Todesstrafe, weil sie zum Christentum konvertiert sind. Peyman Harati kann deshalb kaum schlafen, die Furcht macht ihn krank, manchmal panisch. Auch Siavash leidet, er kommt nie zur Ruhe.

Was ist passiert? Peyman Harati war einst gläubiger Muslim, einst sogar Teil der Pasdaran, der Revolutionsgarde, führte ein angepasstes Leben in der islamischen Republik. Doch dann brach er mit dem totalitären Regime. „Ich wollte frei sein und handeln, mir nicht mehr alles vorschreiben lassen.“ Eine Reihe von Ereignissen führte dazu, dass er sich von Staat und Religion abwandte. Da war zum Beispiel der armenische Christ, den Harati bei seinem Nebenjob als Taxifahrer kennenlernte und der ihm ein freiheitliches Bild vom Christentum vermittelte, ihn dafür begeisterte. Da waren die Menschen, die plötzlich aus seiner Kirche im Iran verschwanden. Und der Geheimdienst, der ihn offenbar holen wollte, nachdem er im Taxi immer wieder das Regime kritisierte und seine Verachtung äußerte.

Situation spitzte sich zu

Die Situation spitzte sich zu; die Haratis mussten die Flucht über Land antreten und kamen endlich nach Hessen. Hier ließen sie sich taufen und fanden in der Freien evangelischen Gemeinde (FEG) Hanau eine Glaubensheimat, Zuflucht und Frieden.

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Trotz der Konvertierung wurden die Asylanträge von Peyman Harati und seinem Sohn vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) abgelehnt, wie auch die Peyman Haratis Klage dagegen vor dem Verwaltungsgericht. Dieses argumentierte ähnlich wie das Bamf. Das Gericht habe nicht die Überzeugung gewinnen können, dass der Kläger sich dem christlichen Glauben ernsthaft zugewandt habe und sich dazu bei einer Rückkehr in den Iran bekennen werde, heißt es in der schriftlichen Begründung. Seine Angaben während der Verhandlung seien sehr pauschal und rudimentär gewesen. So habe er auf Nachfrage etwa „nur unzureichende Angaben“ zum Inhalt der letzten Predigt machen können und Gebote verwechselt. Hinzu komme, dass er nicht gut genug Deutsch spreche, um sich mit dem Glauben auseinandersetzen zu können. Ihm werden opportunistische Gründe für das Christsein vorgeworfen.

Er besucht regelmäßig den Gottesdienst

Martin Mellies, Mitglied der FEG, war bei dem Gerichtstermin dabei und kritisiert sowohl die Befragung als auch die Entscheidung. Harati „ist ein fester Bestandteil unserer Gemeinde. Er besucht regelmäßig den Gottesdienst und ist integriert.“ Mellies kann überhaupt nicht nachvollziehen, weshalb etwas wie die Nummerierung von Geboten darüber Aufschluss geben sollte, ob jemand gläubig ist. Zumal die Reihenfolge – je nach Glaubensrichtung – variiere, so Mellies. Außerdem habe Harati allein dadurch, dass er konvertiert sei, sich ganz bewusst vom Islam abgewandt und sei ein hohes Risiko eingegangen. Den Predigtinhalt habe er kurz und einfach, aber korrekt wiedergegeben. Harati verstehe relativ viel; Gottesdienstpassagen würden übersetzt. Und müssen profunde Sachkenntnisse in deutscher Sprache überhaupt vorausgesetzt werden?

Wenn Harati an die Gerichtsverhandlung zurückdenkt, erinnert er sich vor allem an den „extremen Druck und Stress“, den er damals spürte, seine Zweifel daran, dass alles korrekt übersetzt wurde. Die Konsequenzen des Beschlusses zermürben ihn auch deshalb, weil sein Sohn bei einer Abschiebung mit seinen 18 Jahren wohl sofort eingezogen werden würde, zum Kampf in den Kriegen in Syrien oder im Jemen.

Siavash spricht akzentfrei deutsch - mit hessischem Einschlag

Die Furcht davor lässt den jungen Siavash fast verzweifeln. Er hat andere Pläne, als in den Krieg zu ziehen. „Ich würde gern im Bereich Metalltechnik arbeiten.“ Obwohl der 18-Jährige erst als Jugendlicher Deutsch lernte, spricht er fast akzentfrei, mit leicht hessischem Einschlag. „Ich habe hier viele Freunde, auch Deutsche. Wir tun alles, um uns zu integrieren.“ Sein Vater kann sich auf Baustellen verständigen und hat den Bamf-Test „Leben in Deutschland“ mit gutem Ergebnis bestanden.

Wegen der Ablehnung wurde Harati drei Wochen vor Ostern von der Ausländerbehörde aufgefordert, sich beim iranischen Konsulat einen aktuellen Pass zu besorgen, damit er Deutschland verlassen kann. Weil er dem nicht gleich nachkam, wurde ihm Mitte April umgehend die Arbeitserlaubnis entzogen – obwohl er einen unbefristeten Vertrag hat und sein Chef ihn für die nächste Woche bereits eingeteilt hatte. Doch dass Harati nicht gleich zum Konsulat ging, hat seine Gründe. Er fürchtet sich vor der Rückreise und der Verfolgung im Iran, aber auch vor dem Gang in die Behörde seines Heimatlandes: Der 47-Jährige hat bereits vor dem Konsulat gegen die Missstände im Iran demonstriert, unterstützt Oppositionsgruppen. Darüber hinaus berichteten Exil-Iraner, dass sie von Konsulatsbeamten bedroht wurden.

Behörden verweigern Stellungnahme

Harati und seine Unterstützer haben trotzdem angeboten, sich um den Pass zu bemühen und im Gegenzug darum gebeten, das Arbeitsverbot aufzuheben – vergeblich. Ausländerbehörde und RP bestehen darauf, dies erst zu tun, wenn der Pass vorliegt.

Eine Bitte der FR um Stellungnahme haben die Behörden bislang nicht beantwortet. Die Stadt Hanau und das RP verwiesen erst kurz vor Ablauf der Frist auf den Datenschutz. Der Betroffene erteilte daraufhin sofort die Freigabe. Die Antwort auf die FR-Anfrage stand bis Redaktionsschluss noch aus.

Die Haratis hoffen, dass der Staat doch noch seine Meinung ändert, vielleicht mit Hilfe einer Petition. Darauf, dass Peyman Harati möglicherweise als Fachkraft nach Hessen zurückkehren könnte, können sie sich nicht verlassen. Oft dauert es jahrelang, um einen Termin bei der deutschen Botschaft zu bekommen. Und sollen sie im Iran ihre christliche Religion verheimlichen, um der Todesstrafe zu entgehen? Was, wenn es auffliegt? Der Sohn sagt: „Wir können nicht zurück.“

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