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Eine Brücke verbindet das Haus mit den Stationen und jene mit Ambulanz und Tagesklinik.

Gesundheit

Neue Psychiatrie in Hanau für junge Patienten

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Vitos baut eine neue Klinik mit drei Stationen, Tagesklinik und Ambulanz. Damit wird eine große Versorgungslücke geschlossen.

Wenn Kinder oder Jugendliche aus Hanau unter schweren psychischen Problemen leiden und eine Behandlung auf Station dringend notwendig ist, müssen sie in die Vitos-Klinik ins rund 100 Kilometer entfernte Herborn fahren. Ein untragbarer Zustand. Besonders für die Betroffenen, die weit weg von Zuhause sind, und die Eltern, die ihren Nachwuchs nur schwer besuchen können. Manche verzichten deshalb auf eine stationäre Therapie. Bislang gibt es kein wohnortnahes stationäres Angebot, auch nicht für Hilfebedürftige aus der Stadt und dem Kreis Offenbach.

Das soll sich bald ändern: Vitos Herborn errichtet am Hanauer Sophie-Scholl-Platz, auf dem Areal der verkehrsgünstig gelegenen, früheren Hutier-Kaserne, eine Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Eines der beiden vier Etagen hohen Gebäude im Stadtteil Lamboy wird nach Angaben des Klinikbetreibers Platz für drei Stationen mit rund 50 Betten bieten, das andere für einen ambulanten und teilstationären Bereich mit 20 Plätzen sowie eine Tagesklinik. In einem erneuerten Nachbargebäude wird eine Schule untergebracht, die der Landeswohlfahrtsverband trägt.

Etwa 20 Millionen Euro will Vitos investieren, das Land Hessen steuert fünf Millionen Euro bei. Die Einrichtung soll im Oktober 2020 eröffnen und Patienten aus allen jungen Altersgruppen aufnehmen können, sowohl Neugeborene als auch Volljährige, mit allen Krankheitsbildern und Schweregeraden. Sie wird für Hanau, den westlichen Main-Kinzig-Kreis und den Raum Offenbach zuständig sein. Um den östlichen Main-Kinzig-Kreis kümmert sich die Herz-Jesu-Klinik in Fulda.

Kinder- und Jugendpsychiater Matthias Wildermuth, Klinikdirektor in Herborn, setzt sich seit den 90er Jahren dafür ein, dass Hanau und Umgebung besser versorgt werden. Zwischenschritte waren der Aufbau einer kleinen Ambulanz hier und eine Tagesklinik. Letztere zieht 2020 von der Geibelstraße in den Neubau.

Wildermuth ist froh, dass es nun klappt – auch wegen des großen Bedarfs. Der Psychiater konstatiert stark gestiegene Fallzahlen: Im Klinikum in Herborn, das in erster Linie Mittelhessen abdeckt und 73 Betten hat, wurde die Verweildauer in den vergangenen 20 Jahren von im Schnitt 90 Tagen auf 30 bis 35 gekürzt, auch um die Nachfrage – ein Viertel davon aus der Region Hanau – bewältigen zu können. Die weitere Versorgung erfolgt ambulant. Hier stieg die Zahl der Patienten von 4000 auf 10 000 pro Jahr. Der Direktor beobachtet zunehmend Suchterkrankungen wie Medienabhängigkeit, aber auch Ängste und Depressionen. Die psychosoziale Belastung beim Aufwachsen sei größer geworden, die Sicherheit kleiner, etwa durch Stress und viele Scheidungen.

Der immense Bedarf und der Mangel in der Region hat wohl auch das Sozialministerium endlich zum Handeln bewegt.

Im Herbst 2020 werden wohl nicht alle Plätze gleich zur Verfügung stehen. So sollen Notfälle zunächst weiter in Herborn behandelt werden, bis die Klinik in Hanau komplett startklar ist. Zu den Herausforderungen wird die Suche nach Personal gehören. Gerhard Förster, Vize-Pflegedirektor am Vitos-Hauptsitz, weist auf den Fachkräftemangel hin – und stellt gute Arbeitsplätze in Aussicht. Das Personal könne in einem neuen Haus aktiv am Konzept mitarbeiten. Der Personalbedarf ist relativ hoch, gebraucht werden unter anderem etwa 15 bis 20 Ärzte und Psychotherapeuten sowie ungefähr 70 Pfleger, Erzieher und Pädagogen.

Damit es nicht zu Missständen wie in Frankurt-Höchst kommt, versprechen die Verantwortlichen viel Wert auf Prävention zu legen, durch eine großzügige Gestaltung etwa der Aufenthaltsräume und Flure, Spielplätze, ein Beschwerdemanagement und Deeskalationstraining. Darüber hinaus wollten sie Betroffenen und Eltern „auf Augenhöhe begegnen, partizipativ arbeiten“, so Wildermuth, und für Transparenz sorgen, Leute von außen reinlassen. „Ein geschützter Ort“ werde das Haus aber bleiben.

Die Klinik im Überblick

Der Stammsitz der Vitos Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie ist in Herborn im Lahn-Dill-Kreis. Insgesamt verfügt sie über 117 Betten und 67 tagesklinische Plätze sowie Ambulanzen in Herborn, Gelnhausen, Hanau, Limburg , Wetzlar.

Vitos gehört zu den größten Klinikbetreibern in Deutschland. Die Holding ist ein Unternehmen des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen, eines Zusammenschlusses der Landkreise und kreisfreien Städte in Hessen, der soziale Aufgaben übernimmt.

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