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Neue Lebensretter

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Prüflinge zeigen, dass sie es können: Sonja Brühl und Alexander Neis. Die kerngesunde Stefanie Opitz spielt bewusstlos.
Prüflinge zeigen, dass sie es können: Sonja Brühl und Alexander Neis. Die kerngesunde Stefanie Opitz spielt bewusstlos. © Sascha Rheker

Die Rettungsdienstschule Hessen bildet seit zehn Jahren in Hanau Rettungssanitäter und - assistenten aus. Die Absolventen müssen praktische Prüfungen durchlaufen.

Von Sebastian Meineck

Die Rettungsdienstschule Hessen bildet seit zehn Jahren in Hanau Rettungssanitäter und - assistenten aus. Die Absolventen müssen praktische Prüfungen durchlaufen.

„Ich bin heute das Opfer“, sagt Stefanie Opitz. Sie stopft sich eine Milchschnitte in den Mund, streckt sich auf dem Boden aus und schließt die Augen. Neben ihr eine gelbe Tablettenpackung mit kyrillischen Schriftzeichen, zwei leere Blister liegen daneben.

„Frau Opitz mimt die Bewusstlose und tut so, als hätte sie eine Tablettenvergiftung, deshalb muss ihr Mund voll sein“, erklärt Gerrit Steder, Schulleiter und Initiator vom „GSG-Gefahrenabwehrservice“, der Rettungsdienstschule Hessen. Gleich beginnt der Team-Teil der praktischen Prüfung zum Rettungssanitäter. „Die Tablettenpackung habe ich aus Russland mitgebracht“, sagt Steder. „Die Prüflinge dürfen sich davon nicht verwirren lassen.“

Steder lässt Sonja Brühl (19 Jahre) und Alexander Neis (21 Jahre) hinein. Sie haben Notfallkoffer dabei, sie tragen rote Hosen mit Reflektorstreifen, die blauen Polo-Shirts der Rettungsschule und Mundschutz. „Die Frau liegt im Keller in der Waschküche“, sagt Steder. Er steht breitbeinig neben einem Kamerastativ und filmt. „Nachbarn haben euch gerufen, aber die sind nicht mehr da.“ An einem Tisch führt Franziska Ebert, Fachdozentin für Notfallmedizin, Protokoll.

„Hallo?“, fragt Neis. „Hören Sie mich?“ Die Frau reagiert nicht, das Team ruft den Notarzt. Brühl sieht die Tabletten. „Intox“, sagt sie, das heißt Vergiftung, sie entdeckt Flüssigkeit im Mund. „Das saugen wir erstmal ab“, entscheidet Brühl, schaltet das surrende Sauggerät ein.

Ruhe verhindert Fehler

Dabei passiert dem Team eine Ungeschicklichkeit: „Sie waren beim Absaugen zu zaghaft“, wird Gerrit Steder nach der Prüfung sagen, und Stefanie Opitz wird hinzufügen. „Ich hatte noch vielleicht die Hälfte davon im Mund.“

Die Bewusstlose atmet, Neis und Brühl bringen sie in die stabile Seitenlage, messen Blutzucker, Blutdruck, Puls und den Sauerstoffgehalt im Blut. „Wenn ich in eine Notfallsituation reingehe“, erzählt Neis später, „ist es, als hätte ich eine Maske auf. Der Körper fühlt sich innerlich nervös an, das Herz klopft, aber mein Kopf ist kühl.“ Steder sagt, wer hektisch sei, dem passiere eher Mal ein Fehler.

Brühl packt Infusionsbesteck aus, Neis Sauerstoffmaske und Ballon für die künstliche Beatmung. „Infusion und Intubation dürfen wir nicht selbst machen“, erklärt er nach der Prüfung. „Wir bereiten es für den Notarzt vor, falls er es braucht.“

„Nun stellt Euch vor, der Notarzt kommt“, sagt Steder. Die beiden Sanitäter in spe fassen noch einmal die Informationen zusammen und übergeben die Patientin. Stefanie Opitz schlägt die Augen auf. „Danke fürs versuchte Sterben“, sagt Steder. „Ihr habt mich ja daran gehindert“, sagt Opitz zu den Prüflingen. Steder bekräftigt, dass Brühl und Neis alles gut gemacht haben. Vor sich haben sie noch ihre mündliche Prüfung. Den schriftlichen Test und drei weitere Fallbeispiele haben sie schon geschafft.

Das Beste geben

Sonja Brühl möchte Medizin studieren, davor will sie erst Rettungssanitäterin werden, dann Rettungsassistentin. Warum sie sich die Verantwortung für Menschenleben zutraut? „Es motiviert mich, das Beste zu geben“, sagt sie.

Die Rettungsdienstschule mit Sitz in Hanau hat im August ihr zehnjähriges Bestehen gefeiert. Jährlich bildet sie rund 80 neue Rettungssanitäter aus, meist zwischen 18 und 22 Jahren. Etwa 80 Prozent bestehen beim ersten Versuch und dürfen mit Rettungsassistenten Einsätze fahren. „Als ich Urlaub hatte, habe ich die Einsätze vermisst“, sagt Alexander Neis, der schon als FSJ-ler im Rettungsdienst arbeitet.

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