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Ein „Ort der Begegnung und des Vertrauens“ soll der Treffpunkt am Heumarkt werden. Rolf Oeser

Hanau

Nach dem Terroranschlag in Hanau: Gegen das Vergessen

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Die Initiative 19. Februar eröffnet eine Anlaufstelle am Hanauer Heumarkt in der Nähe des ersten Anschlagsortes.

„Ich bin ein Mensch und kann nicht jeden Tag Stärke zeigen“, sagt Cetin Gültekin. „Hier haben wir einen Platz, wo wir uns treffen, aussprechen können.“ Kraft geben und auch mal „ausweinen“. Serpil Temiz lobt, dass „wir alles zusammen geplant haben“. „Schön“ sei es, „dieser Raum muss bleiben“, damit niemand vergisst. Mit Newroz Duman suchen sie im Video der Initiative 19. Februar nach Worten, die ihre neue Begegnungsstätte beschreiben: Sie stehe für Erinnerung und Solidarität, gegen das Vergessen.

Gültekin hat bei den rassistischen Terroranschlägen seinen Bruder Gökhan verloren und Temiz ihren Sohn Ferhat. Gemeinsam mit weiteren Angehörigen setzen sie sich in der Initiative ein und haben am Dienstagabend deren Anlaufstelle am Hanauer Heumarkt eröffnet, gegenüber vom ersten Tatort. Die Gruppe, in der sich unter anderem Unterstützer des Bündnisses „Solidarität statt Spaltung“ engagieren, war schon kurz nach den Anschlägen aktiv, kümmerte sich um Betroffene und will die Aufklärung der Morde vorantreiben.

In der Einrichtung „wollen wir darüber sprechen, was wir tun können, damit es nicht vergessen wird, nicht in Hanau, nicht in Deutschland, nicht in der ganzen Welt“, sagt Duman, die Sprecherin der Initiative. „Wir werden zusammenhalten und dafür kämpfen, dass lückenlos aufgeklärt wird.“ Beratung wird in den Räumen angeboten, öffentliche Gedenken werden an jedem 19. eines Monats organisiert, Netzwerke geknüpft und Gespräche geführt, über Trauer, über Rassismus und Solidarität. Ein „soziales Zentrum für alle“ soll es werden, mit der Devise „Erinnern heißt verändern“.

Fast drei Monate ist es mittlerweile her, dass der 43-jährige Tobias R. aus rassistischen Motiven neun Menschen ermordete. Danach soll er seine Mutter und sich selbst getötet haben. Nach wie vor sind viele Fragen zu den Taten offen, geben die Behörden den Betroffenen und deren Rechtsbeiständen keine Auskünfte.

Verschiedene Emotionen prägten die Eröffnung der Anlaufstelle: Tränen flossen. Es waren aber auch lachende Gesichter zu sehen, als sich die Gäste an schöne Erlebnisse mit ihren Verwandten und Freunden erinnerten. Und nicht zuletzt waren die Forderungen nach Konsequenzen spürbar. Zuständige Ämter „haben versagt, richtig versagt“, kritisiert Gültekin. „Deshalb lebt mein Bruder jetzt nicht mehr.“ Wie Temiz kämpft auch er für Aufklärung und Gerechtigkeit. Es macht sie fassungslos, dass ihre Lieben getötet wurden, weil sie „keine blauen Augen und blonden Haare hatten“.

140 Quadratmeter groß ist die Anlaufstelle in der Krämerstraße 24 und kostet etwa 2500 Euro im Monat. Der Mietvertrag läuft zunächst drei Jahre, doch es sollen viel mehr werden, so das Ziel. Deshalb hat die Initiative eine Spendenkampagne gestartet und bittet um Unterstützung, unter anderem auf ihrer Webseite www.19feb-hanau.de.

Fertig ist der Treffpunkt noch nicht – eine bewusste Entscheidung der Initiatoren. „Wir wollen diesen Raum mit allen gestalten, egal welchen Pass, welche Hautfarbe oder welche Religion wir haben“, schreiben sie.

Die Opfer des Anschlags von Hanau fühlen sich verhöhnt. Es geht um das Verhalten von Bundestagsmitarbeitern.

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