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Hessens Opferbeauftragter Helmut Fünfsinn. 

Hessischer Opferbeauftragter

Nach dem Terror von Hanau: „Jeder Mensch verarbeitet anders“

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Der ehemalige Generalstaatsanwalt Helmut Fünfsinn ist Hessens erster Opferbeauftragter. Er spricht im Interview über Hilfe nach den Schrecken von Hanau und Volkmarsen.

Seit dem Terror von Hanau im Februar hat Hessen erstmals einen Opferbeauftragten: Helmut Fünfsinn, den ehemaligen hessischen Generalstaatsanwalt, der Ende März in Pension gegangen ist.

Herr Fünfsinn, wie geht es den Opferfamilien der rassistischen Morde von Hanau?

Die Kontakte sind durch Corona jetzt etwas eingeschränkt. Die Wunden sind sehr, sehr tief, ich bin aber guter Hoffnung, dass es ihnen schon bald etwas besser gehen wird.

Welche Unterstützung benötigen die Menschen?

Das Wichtigste ist die Solidarität der Mitmenschen und insbesondere die Hilfe vor Ort. Das ist in Hanau sehr gut organisiert.

Um welche Fragen geht es dabei?

Es geht um soziale Fragen, um Unterstützung bei Hilfeleistungen. Es geht auch um die Unterstützung im Umgang mit Behörden und darum, Umstände und Zusammenhänge zu erklären. Zum Beispiel: Warum dauert das so lange, bis eine Person obduziert ist? Warum geht das nicht alles viel schneller? Das sind Umstände, die wir erklären können. Um alle Institutionen zusammenzuführen, die helfen können, bedarf es runder Tische. In Hanau und auch nach dem Anschlag von Volkmarsen hatten wir solche runden Tische. Die Folgeveranstaltungen können zurzeit nicht stattfinden. Das Ganze ist überlagert von der Corona-Krise.

Beim Angriff auf den Rosenmontagszug von Volkmarsen gab es viele Verletzte. Welche Unterstützung benötigen sie?

In Volkmarsen sind Gott sei Dank keine Menschen umgekommen. Aber es gibt annähernd 150 Opfer: Menschen, die das miterlebt haben, die selbst verletzt wurden oder die in der zweiten Reihe standen und ein Schockerlebnis hatten. Über diese direkt Betroffenen hinaus ist der gesamte Ort betroffen, weil es ein Fastnachtsumzug war und eine Person aus dem Ort der mutmaßliche Täter war. Das hat die Grundfesten einer kleinen Gemeinde erschüttert. Auf der anderen Seite ist in einer kleinen Gemeinde der Zusammenhalt besonders groß. Die Kirchen spielen eine wichtige Rolle, auch der Bürgermeister, der präsent ist, und diejenigen, die den Fastnachtszug organisiert haben.

Um welche Art von Hilfe geht es in Volkmarsen?

Auch hier steht die Solidarität an erster Stelle. Das Gefühl, wir stehen zusammen. Die finanziellen Hilfen sind natürlich auch zu gewährleisten, weil Menschen körperliche Schäden erlitten haben und Dinge kaputtgegangen sind. Zum Glück wurde vor kurzer Zeit das Opferentschädigungsgesetz geändert. Das ist für Volkmarsen wichtig, weil jetzt auch Angriffe mit einem Pkw darunter fallen. Das war eine Konsequenz aus dem Anschlag am Berliner Breitscheidplatz. Die Entschädigungsleistungen sind ebenfalls erhöht worden. Das zeigt, dass wir auch aus traurigen Anlässen lernen.

Wie geht die Aufarbeitung in Volkmarsen weiter?

Zu einer gerichtlichen Aufarbeitung im Nachgang einer Gewalttat kann man ganz allgemein sagen, dass viele der Opfer als Zeugen befragt werden. Das ist für diese Menschen eine besondere Herausforderung, da die Erinnerungen wieder nach vorne geholt werden, wenn der Richter fragt: Wie haben Sie das erlebt? Ich bin sehr dankbar, dass Hessen sehr gut aufgestellt ist mit Opferhilfevereinen. Wir haben als einziges Bundesland solche Vereine in allen Landgerichtsbezirken, die professionelle Hilfen leisten können. Dort sind Psychologen, Sozialarbeiter und Sozialpädagogen zugange, die Zeugen auf die Situation einer Hauptverhandlung vorbereiten und sie zu Gericht begleiten können.

In Hanau dagegen wird es wohl keinen Prozess geben, weil der Täter tot ist. Was bedeutet das für die Angehörigen?

Damit fehlt zumindest ein wichtiger Teil der Aufarbeitung, mit allen Nachteilen. Es bedeutet aber auch, mit den Vorgängen nicht mehr unmittelbar konfrontiert zu werden.

Wie groß ist denn das Bedürfnis nach Aufarbeitung?

Jeder Mensch verarbeitet anders. Es kann sein, dass man monatelang fast problemlos mit dem Erlebten umgeht und es dann hervortritt. Es gibt andere, die anfangs sehr aufgewühlt sind, aber nach einiger Zeit das Erlebte verarbeitet haben.

Sind Ansprechpartner für die Opferfamilien inzwischen besser organisiert als 2016 nach dem Terroranschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz?

Wir sind auf einem guten Weg. Es war wichtig, dass es relativ schnell nach diesem Anschlag einen Bundesopferbeauftragten gegeben hat. Im Abschlussbericht des ehemaligen Ministerpräsidenten Kurt Beck war die Forderung enthalten, auch die Länder sollten sich ausstatten. Hessen ist relativ früh eingestiegen. Es ist aber noch nicht so, dass alle Länder auf dem Weg sind.

Gehen Sie auf Opfer nach Anschlägen zu, oder können sich Menschen bei Ihnen melden?

Beides geht.

Für Opfer jeder Art von Kriminalität?

Nein, das wäre für uns nicht zu leisten. Es ist beschränkt auf die Opfer von terroristischen Anschlägen und von schweren Gewalttaten, die eine größere Anzahl von Menschen betreffen. Andere Anrufer würden wir an die Opferberatungsstelle vor Ort oder an den Weißen Ring verweisen.

Interview: Pitt von Bebenburg

Zur Person

Helmut Fünfsinnist der erste Opferbeauftragte für das Land Hessen. Der Jurist trat den ehrenamtlichen Posten bereits im Februar wegen des Terrors von Hanau an, obwohl er seinerzeit noch als hessischer Generalstaatsanwalt amtierte. Eigentlich hatte der 65-Jährige erst nach seiner Pensionierung Ende März Opferbeauftragter werden sollen. Fünfsinn steht zudem an der Spitze des Landespräventionsrats. Der Opferbeauftragte bezieht Räume in der Nähe des Frankfurter Gerichtsviertels. 

Kontaktist möglich unter der E-Mail opferbeauftragter@hmdj.hessen.de oder telefonisch: 0611 – 32 14 28 35

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