Am Brüder-Grimm-Denkmal legen Trauernde Blumen und Grablichter ab.
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Am Brüder-Grimm-Denkmal legen Trauernde Blumen und Grablichter ab.

Hanau

Nach Terror in Hanau: Bürger wollen ein deutliches Zeichen setzen

  • Gregor Haschnik
    vonGregor Haschnik
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Nach dem Anschlag in Hanau am Mittwoch versammeln sich Menschen zu Mahnwachen und gedenken der Opfer. Die Dauer bis zur Freigabe der Leichname sorgt für Kritik.

Mit einer Menschenkette am Brüder-Grimm-Denkmal haben rund 200 Bürger am Freitagnachmittag am Marktplatz der Opfer des Terroranschlags von Hanau gedacht. Zu der Mahnwache aufgerufen hatte der Hamburger Filmemacher und Aktivist Grigorij Richters unter dem Hashtag #WirsindHanau. Richters, der ein Transparent mit dieser Aufschrift mitgebracht hatte, sagte: „Wir möchten ein deutliches, unpolitisches Zeichen setzen. Wir wollen zeigen, dass Deutschland nicht für das steht, was hier passiert ist.“ Mit der Kette solle deutlich gemacht werden, „dass wir alle eine Gemeinschaft, eine Familie sind und gemeinsam trauern – unabhängig davon, ob wir Muslime, Juden, Christen oder nicht gläubig sind“, so Richters.

Nach eigenen Angaben hatte er zuvor keinen Bezug zu Hanau. Nachdem er jedoch von dem Anschlag erfahren habe, habe er nicht mehr schlafen können und spontan entschieden, in die Stadt zu fahren und eine Aktion zu starten, erzählte der 32-Jährige. Richters, der Wurzeln in Osteuropa hat und jüdisch ist, betonte, es sei „nicht der Tag für politische Spiele“. Es sei wichtig, nicht weiter zu spalten. Auf Nachfrage sagte er aber, dass der Hass in der Gesellschaft in den vergangenen Jahren gewachsen sei und bestimmte Parteien diese Entwicklung förderten.

Protest und Gedenken

Auch am heutigen Samstagsoll in Hanau der Opfer gedacht werden.

Um 14 Uhrruft das Hanauer Bündnis „Solidarität statt Spaltung“ zu einer Demonstration am Freiheitsplatz auf, die dann zu den beiden Tatorten am Heumarkt und am Kurt-Schumacher-Platz ziehen soll. Zu der Demonstration wird bundesweit mobilisiert.
Ab 14.30 Uhrorganisiert die kurdische Gemeinde eine Kundgebung vor der Shisha-Bar am Heumarkt, die am Mittwochabend angegriffen worden war. Dort sollen unter anderem Angehörige der Opfer sprechen.

Um 16 Uhrgibt es am Marktplatz eine weitere Mahnwache in Erinnerung an die Opfer am Marktplatz.

Zahlreiche Teilnehmer stellten am Denkmal weitere Kerzen für die Opfer auf und trösteten sich gegenseitig. Kritik wurde ebenfalls zum Ausdruck gebracht, auch an der Gedenkveranstaltung auf dem Marktplatz am Abend zuvor. Hatice Nazerzadeh kritisierte, dass noch nicht einmal eine Schweigeminute eingelegt wurde und die Angehörigen weder auf der Bühne waren noch das Wort bekamen. Nazerzadeh ist selbst betroffen, ihr Cousin wurde ermordet. Der Schmerz sei unfassbar, er habe so viele Pläne und Träume gehabt.

Am Donnerstagabend ergriff die junge Frau schließlich selbst lautstark das Wort und erhielt viel Applaus, als sie die Politik aufforderte, endlich wirksame Maßnahmen gegen Rechtsextremismus zu ergreifen. Wer zum Beispiel die AfD legalisiere, legalisiere Rassismus, so Nazerzadeh. Am Freitag bekräftigte sie ihren Appell. Die Politiker hätten am Vorabend ihre Pflicht erfüllt, aber wieder keine konkreten Schritte angekündigt. Die Politik trage eine Mitschuld. Die Angehörige hätte zumindest erwartet, dass der Bundespräsident ganz deutlich sagt, er dulde so etwas wie die AfD nicht.

Schmerzen bereitet ihr auch der Umgang mit dem Leichnam ihres Cousins. Dieser ist wegen der Ermittlungen noch nicht freigegeben. Für Muslime ist es aber beispielsweise wichtig, dass die Verstorbenen möglichst früh bestattet werden. Nazerzadeh sagte, es könne nicht sein, dass sich die Freigabe hinziehe, weil lediglich zwei Rechtsmediziner zur Verfügung stünden.

Am Donnerstagabend hatten in Hanau mehr als 5000 Menschen der Opfer gedacht, auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) und Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) waren gekommen und appellierten in ihren Reden an die Solidarität. Gleichzeitig fanden in etwa 50 weiteren Städten Mahnwachen für Hanau statt.

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