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Nach Anschlag von Hanau: Serpil Temiz Unvar fordert echten Neuanfang

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Von: Gregor Haschnik

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Mutter von Hanauer Anschlagsopfer appelliert in Brief an Bundesregierung und Präsidenten

Serpil Temiz Unvar, deren Sohn Ferhat während des rassistischen Anschlags am 19. Februar 2020 in Hanau ermordet wurde, hat sich in einem offenen Brief an die neue Bundesregierung und den wiedergewählten Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier (SPD) gewandt: „Unterstützen Sie uns bei unserem Kampf für Aufklärung und Gerechtigkeit in Hanau – und darüber hinaus“, bittet sie. „Hören Sie endlich auch all die anderen Betroffenen und Hinterbliebenen rechter Gewalt und rechten Terrors, gerade jetzt, wo die dreißigsten Jahrestage der vielen Anschläge der Jahre 1992 und 1993 anstehen.“

Regierung und Präsident sollten „die Geschichten neu aufrollen“ und anders als ihre Vorgänger die Betroffenen gegen den Rechtsextremismus verteidigen und für eine angemessene Entschädigung sowie Unterstützung sorgen. „Wagen Sie einen Neuanfang.“ Serpil Temiz Unvar hebt hervor, dass man nach dem Anschlag von Hanau den Hinterbliebenen in Deutschland zugehört und über die Opfer, deren Namen bekannt seien, gesprochen habe. Die Familien aus Hanau seien nicht die ersten, die kämpften, aber „vielleicht die ersten, denen man wirklich zuhört“.

Allerdings warteten die Angehörigen und Überlebenden weiter auf Antworten auf Fragen, „die uns quälen“, heißt es in dem kurz vor dem zweiten Jahrestag des Anschlags veröffentlichten Brief. Mit dem Untersuchungsausschuss im Landtag gebe es eine „kleine Chance, dass Versäumnisse und Fehler eingestanden werden“. Sollte dies passieren, dann deshalb, weil die Betroffenen seit zwei Jahren jeden Tag kämpften. Die neue Regierung und der Präsident verkörperten die Hoffnung, dass sich etwas ändere. Nachdem Horst Seehofer (CSU) noch Migration als „Mutter aller Probleme“ bezeichnet habe, werde nun endlich über Rechtsextremismus gesprochen. Dabei dürfe es aber nicht bleiben, betont Temiz Unvar. Es reiche nicht, Beileid auszusprechen und „sich mit uns fotografieren zu lassen“.

Besonders wichtig seien eine lückenlose Aufklärung und Konsequenzen: „Es wird keine bessere Zukunft geben, wenn das Vergangene nicht aufgeklärt wird, wenn es keine Gerechtigkeit gibt für die, die angegriffen und ermordet wurden.“ Das treffe nicht nur auf Hanau, sondern auch auf die anderen rassistischen Taten der vergangenen 30 Jahre zu.

Nach dem Mord an ihrem 22-jährigen Sohn hatte Temiz Unvar die nach ihm benannte Bildungsinitiative Ferhat Unvar gegründet. Diese betreibt Antirassismusarbeit an Schulen und will Schüler:innen und Lehrkräfte für Diskriminierung und den Umgang damit sensibilisieren.

Bei dem Anschlag waren neun Menschen aus rassistischen Motiven erschossen worden. Danach tötete der Täter seine Mutter und sich selbst. Zum Jahrestag am Samstag fanden in gut 100 Orten Gedenkaktionen statt; an Demonstrationen in Hanau und Frankfurt nahmen jeweils etwa 1500 Leute teil.

Derweil kündigte die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Reem Alabali-Radovan (SPD), an, sich gegen strukturellen Rassismus im öffentlichen Dienst und in Sicherheitsbehörden einzusetzen. Als weitere wichtige Punkte nannte sie im „Morgenmagazin“ die Zerschlagung rechtsextremer Strukturen, nachhaltige Förderung von Demokratieprojekten, politischer Bildung und Opferberatung.

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