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In Reihe anstehen für den Start auf der Rampe. 

Familiennetzwerk

Motorloser Temporausch

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Beim 13. Seifenkistenrennen in Steinheim sind 240 Fahrer gestartet, bejubelt von tausenden Zuschauern. 

Mit konzentriertem Blick hören die beiden Piloten dem Mann am Starthebel zu. Er erklärt ihnen mit Worten und Handzeichen den Verlauf der 400 Meter langen, leicht nach links ziehenden Strecke, auf der ein Verkehrskreisel umfahren werden muss. Dann kommt die Frage: Fertig?“ Die behelmten Köpfe nicken, die Haltebügel werden gelöst, ratternd sausen die motorlosen Fahrzeuge die Rampe hinunter.

Die jungen Piloten ziehen ihre Köpfe ein, um den Luftwiderstand gering zu halten. Am Wochenende wurde in der Hermann-Ehlers-Straße das 13. Seifenkistenrennen ausgetragen, das laut Veranstalter, dem Verein Familiennetzwerk, mit 240 Startern in verschiedenen Klassen und mehreren tausend Besuchern zu den größten in Deutschland zählt. Überdies können sich die Fahrer für die Deutsche Meisterschaft qualifizieren, sagt Vereinschef Harald Körner.

Enorm sei der Aufwand mittlerweile, betont Körner. Mehr als 100 Helfer würden jeweils an den zwei Tagen benötigt. Nicht weniger am Freitag, wenn der obere Bereich der Straße für die Vorbereitungen gesperrt ist, um etwa die 500 Absperrgitter aufzustellen und mit 400 Schaumstoffsäcken potenzielle Gefahrenstellen zu entschärfen. Hinzu kommt die Organisation eines Rahmenprogramms wie Live-Musik oder sich von einem Autokran in 30 Meter Höhe heben zu lassen.

Manche der Seifenkistenlenker im Alter von sieben bis 18 Jahren kriegen das kribbelige Bauchgefühl auf der einige Meter hohen Startrampe. „Oben auf das ‚Fertig?‘ zu warten, ist schon ein aufregender Moment“, sagt der elfjährige Roman, der zum ersten Mal teilnimmt. Beim Hinunterrollen wackle es, weil der Holzboden schwingt, erzählt er. Mehr Rennerfahrung besitzt die gleichaltrige Charlotte. Die Frage nach Ambitionen, später eine professionelle Motorsportlerin zu werden, beantwortet sie mit: „Nö, ich werde Schauspielerin.“

Stromlinienförmig, auf der Steinheimer Hermann-Ehlers-Straße war am Wochenende Renntag. 

Spaß, Ehre und bestenfalls Pokale gab es in Steinheim. Peter Anders, der Anschieber der Renntage, wie Körner sagt, konnte zu seiner Jugendzeit noch andere Preise nach Hause bringen. Allerdings ist das auch schon ein paar Jahre her. „1952 habe ich mit elf Jahren mein erstes Rennen in einer selbstgebauten Seifenkiste gefahren“, sagt Anders. „Im US-Sektor war die große Zeit der Seifenkistenwettkämpfe, sagt er. Sich nur flach vor den Fahrwind ducken, reichte nicht.

„Über einem Sponsor bekam ich einen Radkugellagersatz von Opel, die im Seifenkistenbau dominierten“, erzählt er. Danach wurde Anders Deutscher Meister. Ein Fahrrad gab es für den Gewinner. In darauffolgenden Jahr ließ er den Titel zugunsten des zweiten Platzes sausen. „Ein Fahrrad hatte ich ja schon. Ich wollte den Gutschein für einen Führerschein haben“, sagt er.

Der Offenbacher, der in einem Seifenkistenverein in Dreieich aktiv war, unterstützt mit seinen Wissen nicht nur das Familiennetzwerk bei der Organisation. Der 78-Jährige baut mit den Hortkindern des Familiennetzwerks auch Fahrzeuge. Laut Körner schrumpfe trotz großem Publikumsinteresse das Fahrerfeld. Das habe er auch von anderen Rennteams gehört. Als mögliche Ursache nennt er die digitalen Medien. Vielleicht fehlen dem Seifenkistensport die schmückenden Stars wie sie noch zu Anders Zeiten gab. „Zu Beginn fuhr in einem Porsche die Schauspielerin Lieselotte Pulver vorneweg und wir marschierten hinterher. Der erste Lauf wurde von der Pulver gestartet.“

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