Hanau

Verteidigung reicht kurzfristig 40 Anträge in Mordprozess ein

  • Gregor Haschnik
    vonGregor Haschnik
    schließen

Der Prozess gegen Sylvia D. zieht sich in die Länge. Die Staatsanwaltschaft sieht eine „Verschleppungstaktik“.

So etwas habe er in mehr als 25 Jahren nicht erlebt, sagt Peter Graßmück, Vorsitzender der ersten großen Strafkammer. „Wir auch nicht“, entgegnet Anwalt Peter Hovestadt und weist Kritik zurück. Dass die Verteidigung in dem seit Herbst 2019 dauernden Prozess gegen Sylvia D. entgegen der Absprache erst am Nachmittag vor der gestrigen Verhandlung 18 Schriftsätze einreichte mit etwa 40 Beweisanträgen, ruft bei Graßmück Stirnrunzeln hervor.

Der Zeitplan sah vor, dass die Plädoyers am Donnerstag beginnen und das Urteil in gut zwei Wochen fällt. Nun geht es erst am 21. August weiter. Die Kammer braucht Zeit, auch um über weitere Vernehmungen zu entscheiden. Weil die Richter laut Graßmück „die Besorgnis haben“, dass sich der Abschluss des Verfahrens auf nicht absehbare Zeit verzögert, setzten sie eine Frist für neue Anträge, den 19. August.

Die 72-jährige Sektenführerin muss sich vor dem Landgericht verantworten, weil sie 1988 Jan H., den Sohn zweier Anhänger, ermordet haben soll. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft ließ sie den in einen Sack eingeschnürten Vierjährigen ersticken, weil sie ihn als vom Bösen besessen betrachtete. Die Verteidiger weisen die Vorwürfe zurück. D. sei Opfer einer Hetzkampagne.

Die Anklage wird etwa durch abgehörte Telefonate von D., Zeugenaussagen sowie sichergestellte Schreiben gestützt, Tagebücher und angebliche Gottesbriefe.

Mit den Anträgen will die Verteidigung ihre Thesen belegen, nach denen Aussteiger und Belastungszeugen unglaubwürdig seien und nur der mit der Gruppierung verflochtenen Produktionsfirma schaden wollten. So beantragten die Anwälte, Mails vorzulesen, in denen ehemalige Mitglieder die Firma als Sekte bezeichnen und versuchen würden, Kunden „abzuwerben“. Bei D.s Sohn Martin, der keine Einträge im Bundeszentralregister hat, sei zu klären, ob im Ausland Verfahren gegen ihn liefen.

Hanaus OB soll aussagen

Neben einer Adoptivtochter D.s, die sie entlaste, sollen noch OB Claus Kaminsky (SPD) und ein früherer Mitarbeiter des Jugendamts aussagen. Sie würden bestätigen, dass es keine belastbaren Hinweise auf Misshandlung in der Gruppe gegeben habe. Nach FR-Recherchen hatte das Amt Informationen über massive Missstände, handelte aber nicht.

Rechtsmediziner Marcel Verhoff – dessen Fazit lautete: „kein Hinweis auf eine Grunderkrankung“ – solle prüfen, ob eine Herzanomalie zu Jan H.s Tod geführt haben könnte. Verhoff habe gefehlt, als es darum ging, dass H.s Herzgeräusche stärker als normal gewesen sein sollen.

Oberstaatsanwalt Dominik Mies sah in fast allen Beweisanträgen nichts Neues oder Relevantes. Bei Verhoff wies er zum Beispiel darauf hin, dass dieser stets Akteneinsicht gehabt und sich mit seinem Vertreter ausgetauscht habe. Mies kritisierte, mit den kurzfristig eingereichten Anträgen solle das Verfahren offenbar verschleppt werden.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare