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Mit einer in einen Sack eingeschnürten Puppe stellte Oberstaatsanwalt Dominik Mies im Gericht nach, was am 17. August 1988 passiert sein soll.

Hanau

Mordprozess in Hanau: Erschütternde Erkenntnisse

  • Gregor Haschnik
    vonGregor Haschnik
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Das Verfahren gegen Sektenführerin Sylvia D. hat unabhängig vom Ausgang einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung geleistet.

Nachdem sie vor Gericht knapp ein Jahr geschwiegen hatte, ergriff Sylvia D. nach den Plädoyers erstmals das Wort. Und wie. Eigentlich sollte die 73-Jährige am vergangenen Mittwoch einen vorbereiteten Text lesen, beschränkte sich aber nicht darauf.

Der Tod von Jan H. tue ihr leid. Sie treffe keine Schuld, sagte die Angeklagte im Hindemith-Saal des Congress Parks, in den das Landgericht wegen des großen Zuschauer- und Medieninteresses gezogen war. Keinesfalls habe D. dem Jungen geschadet. Und ihn schon gar nicht – wie ihr die Staatsanwaltschaft Hanau vorwirft – in einem über dem Kopf zusammengebundenen Sack ersticken lassen, weil sie ihn als Reinkarnation Hitlers betrachtete.

Jan und die anderen Kinder habe die Krankenschwester „von Herzen liebgehabt“, stets gut behandelt. Sie sei Opfer einer kriminellen Bande, eines Komplotts. Man wolle ihre Offenbarungen in den Dreck ziehen, aus Habgier. Schnell redete sie sich in Rage. Aussteiger, die Staatsanwaltschaft und den Autor dieses Textes brachte Sylvia D. mit der dunklen Seite Gottes und der „schwarzen Kerze“ in Verbindung – wie sie es offenbar auch bei Jan tat.

Sie, die nie lüge, sei der demütigste Mensch. Und eine „große Seherin“, die anderen beigebracht habe, was Liebe ist. Das hätten Traumaussagen bestätigt. Sie habe mit gierigen, machiavellistischen Kindern gelebt, ihnen aber höchstens „Ohrfeigchen“ gegeben. Bei Jan sei sie „abgeblitzt“. Je länger D. sprach, desto mehr deutete sich ihre Haltung an, desto aufschlussreicher wurde es.

Urteil wird verkündet

Am Donnerstag 24.9. wird der Vorsitzende Richter Peter Graßmück das Urteil im Mordprozess gegen Sylvia D. verkünden. Oberstaatsanwalt Dominik Mies hat lebenslange Haft wegen Mordes durch Unterlassen, aus niedrigen Beweggründen, beantragt. Die Verteidiger Matthias Seipel und Peter Hovestadt fordern Freispruch. Für die Sektenführerin gilt weiterhin die Unschuldsvermutung. Kammer, Staatsanwaltschaft, Verteidigung, Zeugen und Sachverständige haben mehr als 30 Jahre nach dem Tod des Jungen um Wahrheit und Gerechtigkeit gerungen – in einem Indizienprozess mit ungewissem Ausgang.

Unabhängig davon ist an den 27 Verhandlungstagen bereits deutlich geworden: Es war richtig, dass die Staatsanwaltschaft Hanau nach Berichten der Frankfurter Rundschau und Aussagen von Aussteigern gegen Sylvia D. ermittelte, Anklage erhob, das Landgericht diese schließlich zuließ und im Herbst 2019 die Hauptverhandlung eröffnete.

Wie sich während der Beweisaufnahme zeigte, gibt es eine ganze Reihe von Verdachtsmomenten gegen die gebürtige Rheinland-Pfälzerin. Die von der Verteidigung ebenfalls vorgebrachte Theorie von einer haltlosen Hetzkampagne ist in sich zusammengefallen. Der Prozess hat einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung geleistet, genauso wie die 2015 begonnenen, intensiven Ermittlungen. Eine Botschaft lautet deshalb: Die Justiz ist in der Lage, mutmaßliche Verbrechen sogar Jahrzehnte später aufzuarbeiten.

Gleichzeitig ist klargeworden, wie massiv Polizei und Staatsanwaltschaft im Jahr 1988 versagt haben. Und dass die behördliche Aufarbeitung fast 30 Jahre zu spät in Gang gesetzt wurde, vielleicht zu spät. Das damalige Verfahren wurde schnell eingestellt, weil keine Hinweise auf ein Fremdverschulden vorgelegen hätten. Es ist in keiner Weise nachvollziehbar, weshalb vor 32 Jahren weder richtige Vernehmungen noch Hausdurchsuchungen noch eine Obduktion durchgeführt wurden, obwohl der Notarzt auf einem Bogen „ungeklärte Todesursache“ angekreuzt hatte.

Es gab Alarmsignale: Jan war abgemagert und offensichtlich isoliert worden. Er ging nicht in den Kindergarten, besuchte zuletzt kaum noch Verwandte und wurde nicht zur U-Untersuchung gebracht. Vor allem aber kann ein Kind normalerweise nur an seinem Erbrochenen ersticken, wenn Schutzreflexe, etwa der Hustenreiz, der die Essensreste hinausbefördert hätte, ausgeschaltet sind.

Während des Gerichtsverfahrens wurden weitere Indizien herausgearbeitet, zum Beispiel die „Eingebung“, die Sylvia D. am 17. August 1988 hatte: Nachdem Claudia H., Jans Mutter, mit D.s mittlerweile verstorbenem Mann Walter vom Markt zurückgekommen war, sagte die Anführerin zu ihr, sie solle nicht traurig sein, wenn Gott Jan bald hole. Kurz darauf stellte Claudia H. wohl fest, dass ihr im Bad auf einer Matratze liegender Sohn nicht mehr atmet. Man kann die vermeintliche Prophezeiung als eine Art Täterwissen interpretieren.

Sylvia D. konnte in diesem Moment einerseits auf den Willen Gottes verweisen, andererseits ihre seherische Gabe belegen, um ihre Macht in der Gruppierung zu stärken. Und den Tod künftig als Drohkulisse nutzen, was sie laut Aussteigern auch tat. Wer böse sei, werde „abgeräumt“.

Die Verteidiger führten an, D. sei davon ausgegangen, dass Jan eingeschlafen sei, nachdem er aufgehört habe zu schreien. Sie sehen kein Motiv. Doch da sind die fassungslos machenden Inhalte von Tagebüchern und angeblichen Gottesbriefen, die in der Sekte verbreitet wurden. In einem Schreiben heißt es kurz nach Jans Tod, Gott habe zu 100 Prozent richtig entschieden, als er Jan H. „geholt“ habe. Dieser sei ein gemeiner „Machtsadist“ gewesen, habe viel Leid verursacht und müsse nun dafür büßen.

Die Anwälte wendeten ein, solche Äußerungen seien nicht so gemeint gewesen, es handele sich um eine abstrakte Bildsprache. Dagegen sprechen viele konkret formulierte Einträge, teils mit genauen Handlungsanweisungen. Oder jener der Anhängerin Cordula E., die darüber nachdenkt, ob sie es hinkriege, ihren Sohn wie Jan H. zu behandeln, ihm Fußtritte, Ohrfeigen geben und ihn hungern lassen könne.

Vieles deutet darauf hin, dass 1988 Beweismittel, etwa der Sack, beseitigt wurden. Von Trauer scheint es keine Spur gegeben zu haben, im Gegenteil. In einem Brief ist die Rede davon, dass Gott mit Jans Tod mehrere Probleme gelöst habe, unter anderem könnten sich Jans Eltern jetzt voll für ihn einbringen.

Das Ergebnis des rechtsmedizinischen Gutachtens fällt eindeutig aus: Der Sack sei die Ursache für den nicht natürlichen Tod des Jungen. Nach und nach habe sich der CO2-Gehalt darin erhöht, woraufhin Jan bewusstlos geworden und schließlich an seinem Erbrochenen erstickt sei.

D.s Anwälte argumentierten, im Gegensatz zur Staatsanwaltschaft, es sei nicht sicher, dass Jan an jenem Nachmittag tatsächlich in dem Sack steckte, was die Voraussetzung für die These des Rechtsmediziners sei. Allerdings betonte der Gutachter, er habe keine Hinweise auf einen anderen Grund für die Bewusstlosigkeit und den Tod festgestellt. Auch in den exhumierten Knochen seien keine Anzeichen auf eine Grunderkrankung festgestellt worden.

Sowohl die Ermittlungsarbeit als auch die Beweisaufnahme waren außergewöhnlich detailliert und verdienen Anerkennung.

Nicht verständlich ist indes, dass das Gruppenmitglied Arnold E. nicht als Zeuge geladen wurde. Zwar lebte E., der einst Richter am Amts- und Landgericht Hanau war, im Todeszeitraum Jans nicht im Haus der Familie D. Allerdings hat er in der Gruppierung seit jeher eine bedeutende Stellung, agiert als juristischer Berater, weiß viel. Seine Frau Cordula E. räumte ein, er habe darauf hingewiesen, am Telefon nicht so viel zu reden, weil sie abgehört werden könnten. Arnold E. dürfte auch den Verteidigern Ratschläge gegeben haben.

Die Anwälte übten scharfe Kritik, vor allem an der Staatsanwaltschaft und Medien, die D. vorverurteilt und „Pseudo-Erinnerungen“ sowie Lügen „sogenannter Aussteiger“ geglaubt hätten. Gegen das Gericht erhoben sie ebenfalls schwere Vorwürfe: Justitia sei hier nicht blind.

Zweieinhalb Jahre ermittelte die Staatsanwaltschaft

Die Behauptung entspricht der Sicht der Gruppe, die sich bereits früher von der „Außenwelt“ bedroht sah, ist aber nicht haltbar. Zweieinhalb Jahre ermittelte die Staatsanwaltschaft, eineinhalb Jahre prüfte das Gericht die Anklage. Fast 30 Tage lang wurde verhandelt und oft die Glaubwürdigkeit von Zeugen hinterfragt, der Vorwurf der Kampagne aus finanziellen oder anderen Motiven beleuchtet. Viele Aussagen werden durch Unterlagen und abgehörte Telefonate gestützt.

Wiederholt klagten D.s Anhänger und die Verteidigung über den in der Berichterstattung verwendeten, „diffamierenden“ Begriff Sekte, auch in der FR. Spätestens der Prozess hat bewiesen, wie abhängig Menschen in dieser Gruppe gemacht und ausgebeutet wurden, persönlich, finanziell, sexuell. Einige von ihnen befanden sich vor ihrem Einstieg in einer Umbruchphase oder waren auf der Suche nach Spiritualität. Sylvia D. analysierte die Leute mit Hilfe von Traumdeutung, fand ihre Schwachstellen heraus, manipulierte sie und festigte ihre Position als Medium mit direkter Verbindung zu Gott. Die Schlinge habe sich nach und nach zugezogen, sagte eine Zeugin.

Die Verhandlung legte die Mechanismen und Folgen solcher Gruppen offen, etwa wie weibliche Mitglieder zu sogenannten Energiezeiten mit Walter D. genötigt wurden, wie sie ihr Hab und Gut abgaben. Der blinde Gehorsam geht so weit, dass Jans Eltern scheinbar kein Interesse daran haben, seinen Tod aufzuklären und sich mit einer verstörenden Kälte über ihn äußerten.

Von einer Glaubensgruppe zu sprechen, wäre auch angesichts der psychischen und physischen Gewalt verharmlosend, über die Aussteiger – auch solche, die keinen Kontakt miteinander hatten – vor Gericht übereinstimmend berichteten. Darüber hinaus hat das OLG Frankfurt den Begriff Sekte im Sinne der freien Meinungsäußerung für zulässig erklärt – in einem Prozess, den das mit der Gruppierung verflochtene Medienunternehmen gegen ein ehemaliges Mitglied führte, um ihn zum Schweigen zu bringen.

Die Aussteiger, mit denen die FR in den vergangenen Tagen sprach, sagten, sie seien gespannt auf das Urteil und dennoch gelassen. Es sei ihnen schwergefallen auszusagen, Ängste seien hochgekommen. Aber sie hätten diese überwunden und seien erleichtert, endlich gehört worden zu seien.

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