ARCHIV - 25.01.2011, Niedersachsen, Hannover: Die Statue Justitia ist im Amtsgericht Hannover zu sehen.
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Die Statue Justitia.

Sylvia D.

Beweisanträge abgelehnt

  • Gregor Haschnik
    vonGregor Haschnik
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Der Mordprozess gegen die Sektenführerin befindet sich auf der Zielgeraden. Am 24. September soll das Urteil verkündet werden.

Gott bildet Sylvia D. als einen vor ihm wahren Menschen ab, hinter den sich Gott gestellt hat.“ So wie D. im Traum erscheine, handele Gott für den Träumer. Er verwende die „Sylvia-Gestalt“, um „sein Helfen, Heilen und Klären abzubilden“ – auch weil sie Gott alle Macht abgegeben habe, ihm die Ehre gebe.

Passagen aus Büchern der angeklagten Sylvia D., die am Montagvormittag im Landgericht Hanau verlesen wurden und einen Eindruck von ihrem Selbstverständnis vermitteln. Der zitierte Brief VII ist mit „Du hast von Gott die Fähigkeit, Menschen zu heilen“ überschrieben.

Der Prozess gegen die Sektenchefin, der im Oktober 2019 begann, nähert sich dem Ende. Die Erste große Strafkammer um den vorsitzenden Richter Peter Graßmück hat die Beweisaufnahme geschlossen und die weiteren Termine festgelegt: Am 16. September sollen Oberstaatsanwalt Dominik Mies und die Verteidiger Matthias Seipel und Peter Hovestadt ihre Plädoyers halten. Am 24. September will Graßmück das Urteil verkünden.

Wegen des großen Medien- und Zuschauerinteresses wird der Verhandlungsort gewechselt, vom Justizzentrum in den Congress Park Hanau (CPH) in der Altstadt, wo sonst die Stadtverordneten debattieren und Konzerte sowie Tagungen stattfinden. Unter Corona-Bedingungen wäre die Zahl der Plätze im Gericht stark begrenzt gewesen, bei den Journalisten auf etwa neun. Im CPH werden etwa doppelt so viele Plätze zur Verfügung stehen.

Wechsel in Congress Park

Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, dass die damals 41-Jährige am 17. August 1988 Jan H. ermordete, weil sie ihn für die Reinkarnation Hitlers hielt. Sie habe den Vierjährigen, den Sohn zweier Anhänger, in einem über seinem Kopf verschnürten Sack ersticken lassen. D. ließ den Vorwurf zum Prozessauftakt über ihre Anwälte zurückweisen. Sie sei Opfer einer Hetzkampagne. Die Angeklagte gibt vor, Träume exakt deuten und mit Gott kommunizieren zu können.

Die Verhandlung am Montag war geprägt von Beweisanträgen der Verteidigung, die das Gericht fast alle „wegen Bedeutungslosigkeit“ zurückwies. Die Anträge sollten wie bei den vorangegangenen Terminen vor allem dazu dienen, die Glaubwürdigkeit von Belastungszeugen zu erschüttern und angebliche Lücken in der Beweisaufnahme zu zeigen.

So wollten die Verteidiger etwa noch einen Mann vernehmen lassen, der mit Manuel, einem leiblichen Sohn von Sylvia D., befreundet gewesen sei. Manuel D. habe dem Zeugen von Problemen wegen des Glaubens seiner Mutter berichtet, nicht aber, wie später vor Gericht, dass sie Kinder misshandelt habe. Die Kammer stufte den Antrag als bedeutungslos ein, da sie nach einer vorläufigen Würdigung von der Richtigkeit der Angaben des Sohnes, der etwa zehn Stunden befragt wurde, „überzeugt ist“. Die Aussage werde zudem von anderen Zeugen, sichergestellten Schriftstücken und abgehörten Telefonaten gestützt.

Schließlich wollte die Verteidigung vom psychiatrischen Gutachter Dieter Marquetand wissen, wie sich denn eine gottgefällige Lebensführung mit dem Tatvorwurf in Übereinstimmung bringen lassen solle. Das eine schließe das andere nicht aus, so Marquentand. D. sei ja, auch nach eigenen Angaben, „Mensch geblieben“ und zweifellos jene in der Gruppe gewesen, „die am freiesten entscheiden konnte“.

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