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Ein Schild mit dem Landeswappen ist am Gebäude des Land- und Amtsgerichtes in Hanau befestigt. 

Hanau

Mordprozess in Hanau: Abgehörte Telefonate belasten Sektenchefin

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Im Prozess gegen  die angeklagte Sektenführerin Sylvia D., die die Vorwürfe zurückweist, treten weitere Indizien zutage.

  • Der Prozess um die angeklagte Sektenführerin Sylvia D. in Hanau geht weiter. 
  • Neue Aussagen belasten die 72 Jahre alte Frau. 
  • Für sie gilt weiterhin die Unschuldsvermutung. 

Vor dem Landgericht Hanau schweigt Sylvia D. bislang. Die angeklagte Sektenführerin schreibt ständig mit, fixiert Belastungszeugen mit ihrem Blick, spricht aber nur zu ihren Anwälten. Wie sie redet, offenbaren abgehörte Telefonate, die am Dienstag abgespielt wurden. Manchmal ist sie recht ruhig, fast sanft, doch meistens gibt die 72-Jährige Schimpftiraden von sich, macht andere fertig. Wörter wie „Drecksau“ und „Hure“ fallen in den Staccato-Monologen. 

Die Leute am anderen Ende der Leitung kommen kaum zu Wort. Als sie einen „arroganten Scheißkerl“ erwähnt, dreht sich D. zu ihrem im Zeugenstuhl sitzenden Sohn Manuel D., schaut ihn mit Hass in den Augen an und sagt: „Das bist du.“ Der vorsitzende Richter Peter Graßmück ermahnt sie daraufhin, nicht auf den Zeugen einzureden. Das stehe ihr nicht zu.

Sekte in Hanau: Aussagen belasten Sektenführerin 

Am zwölften Verhandlungstag im Mordprozess gegen Sylvia D. war erneut ihr jüngerer leiblicher Sohn geladen. Seine Aussagen belasten die Verdächtige, ebenso wie einige Aufnahmen aus der Telefonüberwachung. Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, dass die Frau, die vorgibt, mit Gott zu kommunizieren, am 17. August 1988 den vierjährigen Jan H. ermordete. Sie habe den Sohn zweier Anhänger in einem Leinensack ersticken lassen, weil sie ihn als Wiedergeburt Hitlers betrachtete.

Die Verdächtige, für die weiterhin die Unschuldsvermutung gilt, ließ den Vorwurf über ihre Verteidiger zurückweisen und tut es auch in abgehörten Gesprächen: „Drecksäcke“ wollten ihr einen Mord anhängen, es sei eine Sauerei, wie alles „aufgebauscht“ werde. Schließlich habe sie zum Beispiel „Mach weiter“ zu ihrem mittlerweile verstorbenen Ehemann Walter gesagt, als dieser versuchte, den leblosen Jan H. zu reanimieren.

Jedoch gibt D. am Telefon zu, dass der Junge, zumindest zu seinen „schlimmen Zeiten“, in einen Sack gesteckt worden sei. Sie schildert, wie traurig Jans Mutter Claudia H. kurz vor seinem Tod war, weil er so schlimm gewesen sei. Wie Jan immer weiter brüllte, als sie, Sylvia D., an jenem Nachmittag auf ihn aufpasste. Und wie sie ihm sinngemäß zurief, er könne sein angebliches „Schaugebrüll“ beenden, weil niemand da sei, der ihn hören kann.

Die Angeklagte betont in einem Telefonat, das Loch in dem Sack sei groß gewesen. Er habe darin mit seinem Teddy gespielt, sich wohlgefühlt und rausgucken können. Dem widersprechen Manuel D. und andere Zeugen. Jan H. habe in dem „engen“ Sack stark geschwitzt und geschrien, sich mitunter am Boden gewälzt und schwer geatmet.

Keine Entschuldigung

In einer der Aufnahmen bezeichnet Sylvia D. eine Frau als „entartet“, an anderen Stellen ist von „Hitler-Komplexen“ und „Hitler-Arschkriechern“ die Rede. Warum sie solche Ausdrücke verwende, fragt Oberstaatsanwalt Dominik Mies Manuel D. In ihrer Demagogie seien sich Sylvia D. und Adolf Hitler ähnlich, entgegnet der Zeuge, es gebe eine gewisse Nähe. Deshalb versuche sie, sich möglichst weit von Hitler zu distanzieren.

Ihren Zorn könne Sylvia D. nicht kontrollieren. Sie explodiere regelrecht und „lässt dann nicht von ihren Opfern ab“, ein falsches Wort genüge. Ihm selbst habe sie kaum körperliche Gewalt angetan, ihn aber mit Psychoterror gequält, so Manuel D., der nach seinem Ausstieg eine Therapie machte. Die körperliche Aggression habe sich bei seinen Adoptivschwestern entladen, die Sylvia D. etwa an den Haaren durch den Flur gezogen habe. Entschuldigt habe sie sich „kein einziges Mal.“

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