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Im März 2020 wurde am Marktplatz der Opfer des Hanauer Mordanschlages gedacht.
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Im März 2020 wurde am Marktplatz der Opfer des Hanauer Mordanschlages gedacht.

Rechter Terror in Deutschland

Parallelen zwischen NSU und Terror in Hanau: „Menschen wurden zu Zielscheiben gemacht“

  • Gregor Haschnik
    VonGregor Haschnik
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Zwischen dem Anschlag von Hanau und dem NSU gibt es viele Parallelen, aber auch Unterschiede. Die Ideologie des NSU und des Mörders triefte vor Hass, auf „das System“.

Hanau - Kurz vor dem rassistischen Terroranschlag von Hanau lieh sich der Attentäter bei einem Händler eine Ceska – mit dieser Waffenmarke mordete auch der NSU. Dieser spendete für das deutsche Neonazimagazin „Der Weiße Wolf“, das sich bei der rechtsterroristischen Vereinigung in einem Vorwort im Jahr 2002 bedankte. Und auf der Website des Hanauers war ein weißer Wolf mit blauen Augen abgebildet, ein Symbol, das für das Prinzip des sogenannten führerlosen Widerstands steht, auf den sich der NSU bezog.

Vor zehn Jahren, am 4. November 2011, ist der sogenannte Nationalsozialistische Untergrund aufgeflogen. Wer sich mit dem Anschlag von Hanau und dem NSU-Terror auseinandersetzt, stößt bei Einzelheiten, aber auch bei Entwicklungen und Hintergründen auf Parallelen. Benno Hafeneger, Erziehungswissenschaftler mit den Schwerpunkten Rechtsextremismus und Jugendkulturen, sagt: „In beiden Fällen haben die Täter:innen eine Schwelle übertreten. Sie haben nicht nur auf der Straße oder im Netz ihre Ansichten verbreitet, sondern gemordet, um die eigene Ideologie umzusetzen“. In den vergangenen Jahren geschah dies in Deutschland und anderen Ländern immer wieder; auch die rechtsradikalen Täter in Halle und am Olympia-Einkaufszentrum in München übertraten die Schwelle.

Terror des NSU, Anschlag in Hanau: Ideologie der Täter trieft vor Hass

Die Ideologie des NSU und des Mörders von Hanau „trieft vor Hass, auf ,das System‘, auf Politiker und besonders auf Menschen, die angeblich nicht dazugehören“, erklärt der Marburger Wissenschaftler, der Sachverständiger im hessischen NSU-Ausschuss war. „Es ist ein enges, völkisches Denken: Wer nicht zu uns gehört, muss weg.“ Hinzu komme, dass die Terrorist:innen das eigene Versagen im Leben politisierten und Schuldige dafür suchten. Der Hanauer Täter etwa hatte nie eine Freundin, keine Arbeit und lebte bei seinen Eltern.

„Beim NSU erfolgte die Radikalisierung in der rechtsextremen Clique in Thüringen, beim Attentäter von Hanau hingegen im Netz sowie im Elternhaus. Gerade der Vater prägte die Art, wie er die Welt deutete.“ Von Einzeltäter:innen könne keine Rede sein, sie seien alle auf ihre Art „vernetzt“ gewesen. Die Taten seien „durch ein entsprechendes gesellschaftliches Klima begünstigt“ worden, unter anderem durch „rassistische und antisemitische Metaphern, die vor dem Anschlag von Hanau auch von der AfD in den öffentlichen Diskurs einspeist wurden“, so Hafeneger. Der vermeintliche Einzeltäter fühlte sich dadurch „eingebunden, nicht isoliert – was ihm einen Radikalisierungsschub gab“.

Hinterbliebene fordern nach Terror in Hanau Aufarbeitung der Fehler

„Menschen werden zu Zielscheiben gemacht, nur wegen ihrer Herkunft“, sagt Armin Kurtovic, dessen 22-jähriger Sohn Hamza in Hanau ermordet wurde. Rassistische Hetze sei Nährboden für solche Anschläge. „Nach dem Grundgesetz sind doch alle Menschen gleich und die Würde ist unantastbar.“ Aber das gelte offenbar nicht für alle.

Der Rassismus zeige sich auch in Institutionen, zum Beispiel im Umgang mit den Betroffenen, beim NSU und in Hanau. „Warum wird mein blonder und blauäugiger Sohn in der Beschreibung seines Leichnams als orientalisch-südländisch bezeichnet? Warum bekamen Hinterbliebene und Überlebende nach den Taten Gefährderansprachen, wurden aber vor dem Vater des Attentäters, dem eigentlichen Gefährder, nicht gewarnt?“, fragt Kurtovic. Die Täter seien besser behandelt worden als die Opfer.

Anschlag von Hanau

Aus rassistischen Motiven ermordete ein 43-Jähriger am 19. Februar 2020 Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtovic, Vili Viorel Paun, Fatih Saraçoglu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov. Dann tötete er seine Mutter und sich selbst. Obwohl er polizeibekannt und psychisch auffällig war, hatte er eine Waffenerlaubnis. Vor der Tat wandte er sich mehrfach mit verschwörungstheoretischen Schreiben an den Generalbundesanwalt und die Staatsanwaltschaft Hanau. Während der Attentate war der überlastete Notruf in Hanau zeitweise nicht erreichbar.

Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) räumte Engpässe beim Notruf ein, wies Kritik aber ansonsten zurück und lobte die Polizeiarbeit. Seit Sommer 2021 werden Notrufe aus Hanau zentral beim Polizeipräsidium Südosthessen in Offenbach bearbeitet. Auch alle anderen Behörden wiesen Vorwürfe zurück. So hätten sich etwa aus den Anzeigen des Täters bei Staatsanwaltschaft und Generalbundesanwalt keine Hinweise auf strafbares Verhalten ergeben. Sie hätten kein Ermittlungsverfahren gerechtfertigt. Zum Anschlag werde sehr intensiv ermittelt.

Der Vater des Attentäters vertritt dieselben Ansichten wie sein Sohn. Er forderte unter anderem, ihm die beschlagnahmten Tatwaffen auszuhändigen und die Website des Sohnes zu reaktivieren. Im Februar 2021 klagte ihn die Staatsanwaltschaft wegen rassistischer Beleidigung an. Er hatte Teilnehmer:innen einer Mahnwache, darunter Überlebende des Anschlags und Hinterbliebene, als „wilde Fremde“ bezeichnet. Im Oktober verurteilte ihn das Amtsgericht zu einer Geldstrafe, 90 Tagessätze à 60 Euro. gha

Weitere Texte: www.fr.de/terror

Viele offene Fragen nach Terroranschlag in Hanau: Auch beim NSU wurden Spuren nicht verfolgt

Weitere Parallelen sieht er im „Behördenversagen vor, während und nach den Taten“ und darin, dass es noch sehr viele offene Fragen gebe. „Auch der NSU wurde bis heute nicht aufgearbeitet, womöglich haben die Terroristen noch mehr Morde begangen. Einiges wurde offenbar vertuscht. Dass beim Verfassungsschutz Akten zum NSU vernichtet wurden, macht mich fassungslos.“ Beim NSU hätten die Sicherheitsbehörden ebenfalls Spuren nicht verfolgt. Ein Unterschied sei, dass die Thüringer Terroristen im Untergrund gelebt hätten, während der Täter von Hanau „den Kontakt zu den Behörden wiederholt suchte“, ihnen alarmierende Schreiben geschickt und eine Seite mit rechtsextremen Verschwörungstheorien ins Netz gestellt habe.

Bîsenk Ergin ist Bildungsreferentin bei „BiLaN“, der Bildungsinitiative Lernen aus dem NSU-Komplex, und in der Bildungsinitiative Ferhat Unvar, die nach dem ermordeten, 22-jährigen Hanauer benannt ist. Nach den Worten von Ergin zeigen die Morde des NSU sowie in Hanau „die Kontinuität von rassistischen und antisemitischen Anschlägen in Deutschland – für die das Bewusstsein nach wie vor fehlt. Sie werden nicht in Beziehung zueinander gesetzt, als Einzelfälle abgetan“. Auch im diesjährigen Bundestagswahlkampf habe das Thema so gut wie keine Rolle gespielt.

Parallele zwischen Terror in Hanau und NSU: Opfer wurden stigmatisiert

Eine weitere Kontinuität: Sowohl beim NSU als auch im Fall von Hanau handele es sich um „einen ganzen Komplex, nicht um ein Trio beziehungsweise einen Einzeltäter. Sie waren in Strukturen eingebettet, die mitgewirkt haben“. Fortgesetzt habe sich zudem, dass „die Opfer und Überlebenden stigmatisiert und zum Teil kriminalisiert“ worden seien.

Positive Zeichen gebe es aber auch: „Der Anschlag von Hanau wurde relativ schnell als rassistisch eingestuft. Auch die Perspektive der Betroffenen war stärker sichtbar, besonders aufgrund einer guten Selbstorganisation und der Unterstützung durch antirassistische Aktivist:innen“, so Ergin. „Auch nach NSU-Morden oder Anschlägen haben die Hinterbliebenen und Überlebenden ihre Stimme erhoben, wurden aber nicht gehört.“ Sie „sagten früh, dass es sich um rechtsextreme Taten handelt, wurden aber nicht ernstgenommen“.

Opfer und Hinterbliebene von NSU-Anschlägen und Terrortat in Hanau kämpfen gemeinsam

Serpil Temiz Unvar hat am 19. Februar 2020 ihren Sohn verloren. Daraufhin gründete sie die antirassistische Bildungsinitiative Ferhat Unvar und engagiert sich in der Initiative 19. Februar, in der sich Hinterbliebene und Unterstützer:innen zusammenschlossen. Es gibt auch Kontakte zu den Angehörigen der Opfer des NSU.

„Wir haben uns organisiert, vernetzt und setzen uns mit ganzer Kraft für Aufklärung und Konsequenzen ein, sowie gegen Rassismus. Unsere Kinder sollen nicht umsonst gestorben sein“, sagt Temiz Unvar. Sie hätten gemeinsam schon einiges erreicht, etwa dass die Namen der Opfer bekannt seien, nicht vergessen würden und von rassistischen Taten Betroffene sichtbarer seien.

Aber es sei eben ein langer Kampf, mit Rückschlägen. „Wie die Betroffenen beim NSU werden auch wir oft nicht ernst genommen, müssen kämpfen, etwa um eine lückenlose Aufarbeitung und einen Rechtsterrorismus-Opferfonds. Wenn wir es nicht intensiv tun, passiert wenig.“

Mahnmal für Opfer von Terror in Hanau geplant - Tendenzen die Hoffnung machen

Temiz Unvar hat auch Tendenzen festgestellt, die ihr Hoffnung machen: „Es bewegt sich etwas in der Gesellschaft. Viele Menschen erklären sich solidarisch mit uns; die Politik nimmt uns etwas ernster. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ist kurz nach dem Anschlag und zum Jahrestag nach Hanau gekommen und hat eine menschliche, gute Rede gehalten.“ Andererseits würden Fehler in Zusammenhang mit den Attentaten nicht zugegeben. Bislang seien kaum Konsequenzen gezogen worden, so Temiz Unvar.

In Hanau soll ein großes Mahnmal für die Opfer entstehen, auch ein Fortschritt. Doch um den Standort ist ein Konflikt entbrannt: Während sich die Familien eindeutig für den Marktplatz im Zentrum aussprechen – wo viele Hanauer:innen nach dem Anschlag Blumen und Kerzen am Grimm-Denkmal niederlegten –, favorisiert die Stadtpolitik klar den Kanaltorplatz am Rand der Innenstadt, in der Nähe des ersten Tatorts und eines künftigen Zentrums für Demokratie und Vielfalt. Einige Politiker:innen und Bürger:innen mahnten eine „Rückkehr zur Normalität“ an und kritisierten, das Gedenken sei zu viel – ähnlich wie im Fall des NSU. Die Hanauer Angehörigen und ihre Unterstützer:innen seien zu fordernd und laut.

Bîsenk Ergin widerspricht: „Das ist eine Scheindebatte, die vom Thema ablenkt. Einige Leute stören sich an Gedenkorten für die Getöteten, nicht aber daran, dass etwa Straßen nach Nazis oder Kolonialist:innen benannt sind. Dahinter steckt auch die Ansicht, dass Migrant:innen ruhig und dankbar zu sein haben.“ Das Mahnmal solle ermahnen, es gehöre auf den Marktplatz, nicht an den Rand, sagt Kurtovic. Es „hieß es doch, die Opfer seien keine Fremden gewesen, sondern Hanauer Buben“. (Gregor Haschnik)

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