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Goodyear zählt zu den größten Arbeitgebern in Hanau.

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Stellenabbau bei Goodyear in Hanau sorgt für Empörung

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Goodyear weist Kritik und Gerüchte über Verkaufspläne zurück.

„Alle haben Angst. Nichts ist sicher“, sagt der Mitarbeiter aus der Produktion von Goodyear Dunlop, dessen Name nicht in der Zeitung stehen soll. Er kam, wie viele andere, einst aus der Türkei und schuftete sich hoch, vom ungelernten Leiharbeiter zum Festangestellten. Ja, er mache sich Sorgen, auch weil er Familie hat, sei sehr enttäuscht – aber nicht überrascht: „Das ist Kapitalismus“.

Nachdem der Reifenhersteller bekanntgegeben hatte, 610 von 1400 Stellen in Hanau und 490 von 1520 in Fulda bis 2022 zu streichen, herrschten am Mittwoch Wut und Verunsicherung im Hanauer Werk. Ein Beschäftigter spricht gar von einer „Diktatur des Kapitalismus“ sowie „Massenentlassungen trotz hoher Gewinne“ und kritisiert, das Management habe geschlafen und die Marke schlecht positioniert. Womöglich werde die Braut zum Verkauf aufgehübscht.

Goodyear plant nach eigenen Angaben, die Produktion größerer, hochwertiger Autoreifen ab Zollgröße 17 zu steigern und durch Automatisierung effizienter zu machen. Diese Reifen fänden sich auf vielen Modellen aller Automarken und auch auf Elektrofahrzeugen, teilt eine Sprecherin auf FR-Anfrage mit. Dafür würden künftig weniger kleinere Reifen hergestellt, die nicht so profitabel seien. Die Stückzahlen in den hessischen Werken sollen um drei Millionen Reifen jährlich sinken. Gleichzeitig wolle das Unternehmen 73 Millionen Euro in die Modernisierung des Standortes Hanau investieren und 33 Millionen Euro in Fulda, um die Leistungsfähigkeit zu stärken. Der Abbau, der „sozialverträglich“ erfolgen soll, beginne 2020. „Jeder Stellenabbau ist mit einer extrem schwierigen Entscheidung verbunden – aber eine, die wir treffen müssen, um beide Werke zukunftsfähig zu machen“, sagt Jürgen Titz, Vorsitzender der Geschäftsführung. Kritik weist die Sprecherin zurück: „In einem volatilen Markt müssen wir flexibel sein und schnell auf ständige Veränderungen reagieren.“ Goodyear evaluiere kontinuierlich die Auslastung aller Einheiten, um die Wettbewerbsfähigkeit sicherzustellen. Pläne, ein deutsches Werk zu verkaufen, gebe es nicht.

Osman Ulusoy, Vize-Landesvorsitzender der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und Energie, kündigt Widerstand und einen Kampf um jede Stelle an. Gleichzeitig bemängelt er eine Reihe von Managementfehlern. Die Entscheider in den USA und Belgien hätten falsch beziehungsweise gar nicht auf Entwicklungen auf dem Automarkt reagiert.

Hanaus OB Claus Kaminsky (SPD) äußerte sich zurückhaltend. Er wolle am Freitag in einen „konstruktiven Dialog“ mit Geschäftsführung und Betriebsrat treten und vertraue darauf, dass Goodyear seine Zusagen zur „Sozialverträglichkeit“ einhält. Die Nachricht sei sehr schlimm. „Bei allem Bedauern über den Verlust“ der Arbeitsplätze freue er sich aber über die Investition in den Standort und werte sie als klares Bekenntnis, sagte Kaminsky. Ihm sei bewusst, dass Firmen innovativ sein und Prozesse effizient gestalten müssten, um in Deutschland produzieren und wettbewerbsfähig bleiben zu können.

Landrat Thorsten Stolz (SPD) sprach von einem rabenschwarzen Tag für die Mitarbeiter sowie die Industriestandorte und erklärte sich solidarisch. Nicht nur bei Goodyear ist die Lage kritisch, auch der Gelnhäuser Autozulieferer Veritas hatte mitgeteilt, seine Kosten stark senken zu müssen.

Das Unternehmen

Goodyear, einer der weltgrößten Reifenhersteller, hat 64 000 Mitarbeiter, 6400 davon in Deutschland. Ende 2018 lag die Umsatzrendite des Konzerns bei 8,2 Prozent, der Gewinn bei 612 Millionen Euro, wobei Goodyear auf einmalige Faktoren in Höhe von insgesamt etwa 500 Millionen Euro hinweist. 

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