Im Rollenspiel befreit ein mutiger„Passant“ Irene Kerbel aus den Fängen zweier Männer.
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Im Rollenspiel befreit ein mutiger„Passant“ Irene Kerbel aus den Fängen zweier Männer.

Hanau Kriminalität

Das Magnetfeld der Täter

Eine Kampagne zeigt Bürgern in Hanau, was bei Gewalt zu tun ist. Daran beteiligen sich Hanauer Firma.

Von Sebastian Meineck

Eine Kampagne zeigt Bürgern in Hanau, was bei Gewalt zu tun ist. Daran beteiligen sich Hanauer Firma.

Irene Kerbel spielt heute das Opfer. Sie setzt sich auf eine Bank, als würde sie auf den Bus warten. Gleich wird sie von Juan Garcia und Wolfgang Böhm angepöbelt. Böhm hat sich für das Rollenspiel eine Jacke mit Militärmuster angezogen. Die beiden lassen sich auf die Bank fallen und rücken eng an Kerbel heran. „Du bist ja eine ganz Schnuckelige!“, sagt Garcia. Böhm legt den Arm um Kerbels Schulter. „Wir könnten ja alle drei was zusammen machen.“ Kerbel will aufstehen, die Männer drücken sie zurück. Zwei Passanten schreiten ein, nehmen Kerbels Hände und ziehen die Frau blitzschnell aus den Fängen der beiden Männer. Sie begrüßen Kerbel wie eine Bekannte und eilen mit ihr davon.

„Zivilcourage kann jeder lernen“, erklärt Randolph Schwenke, Hauptkommissar bei der Polizeidirektion Main-Kinzig. Er hat die Akteure aus dem Rollenspiel ausgebildet. Die Seminare gehören zur Kampagne „Gewalt-Sehen-Helfen“, die Bürgern zeigt, wie sie sich am besten verhalten, wenn sie in der Öffentlichkeit Zeugen von Gewalt werden.

Kerbel, Garcia und Böhm sind drei von fünf Mitarbeitern der Firma Evonik Industries mit Sitz im Industriepark Wolfgang, die mittlerweile selbst Seminare der Kampagne anbieten. Rund 140 Kollegen haben sie schon geschult. Damit erweitert die Firma das Angebot der Stadt, die kostenlose, regelmäßige Seminare zum Motto „Gewalt-Sehen-Helfen“ organisiert. „Nach unserem Kenntnisstand ist Evonik bisher hessenweit das einzige Unternehmen, das sich der Kampagne angeschlossen hat“, so Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD). 2014 plane die Stadt einen Aktionstag zur Zivilcourage, um die Kampagne in Hanau weiter zu verbreiten.

Kriminalitätsrate senken

Der Leiter der Kriminalpolizei Hanau, Kriminaloberrat Bernd Rehs, bewertet die Kampagne als Erfolg. So hätten sich die Fallzahlen von Gewaltkriminalität in Hanau zwischen 2003 und 2010 von 375 auf 233 reduziert, die Fallzahlen von Straßenkriminalität von 2007 auf 1418. Der Rückgang könnte unter anderem auch auf „Gewalt-Sehen-Helfen“ zurückgeführt werden, so Rehs.

„Bei einer Gewaltsituation kann man vieles falsch machen“, warnt Schwenke. „Unsere Botschaft lautet: Kein Einstieg ist der beste Ausstieg. Sprechen Sie nicht mit den Tätern. Holen Sie das Opfer schnell aus der Situation heraus. Holen Sie es raus aus dem – wie wir es nennen – Magnetfeld der Täter.“ Dabei könnten einem andere Passanten helfen. Oft sei jemand, der bedroht wird, wie paralysiert und brauche nur helfende Hände, die ihn schnell in Sicherheit bringen. Die meisten Täter wären überrascht und würden Opfer und Helfer meist nicht verfolgen, wenn sie sich so schnell wie möglich außer Sicht- und Hörweite begeben. „In den Seminaren machen wir Rollenspiele, um das zu lernen und zu trainieren“, sagt Schwenke. „Die Leute gehen mit einem Aha-Erlebnis nach Hause.“

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