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"Knapp unter der Schwelle"

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Von: Detlef Sundermann

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Über Hanau-Mitte und Kesselstadt nimmt der Fluglärm zu. Im Bürgerhaus sitzen betroffene Bürger Gutachtern und Vertreter aus dem Magistrat gegenüber.

Dem Aufgebot von Gutachtern, einem Verwaltungsjuristen und der Magistratsspitze saßen sich – nicht mitgezählt die „üblichen Verdächtigen“ aus Politik und Interessenverbänden – am Freitagabend gut zwei Dutzend vom Fluglärm betroffene Bürger verloren im Bürgerhaus Wolfgang gegenüber. Zumeist waren es offenbar Kesselstädter gewesen, die sich nach den Vorträgen zum Teil sehr emotional zu Wort meldeten. Kein Wunder, nach Erkenntnis der auf dem Podium sitzenden Experten hat der Fluglärm mit der neuen Landebahn seit 2011 über diesen Stadtteil wie auch über Hanau Mitte zugenommen.

Wut und Enttäuschung

Aus der Besucherin platzte nach mehr als einer Stunde Zuhören die Wut und die Enttäuschung heraus: „Können Sie mal nach Kesselstadt zum Kaffeetrinken kommen? Dann werden sie merken, man hält es einfach nicht mehr aus.“ Ab 5 Uhr morgens dröhnten die Maschinen im Takt von 30 bis 50 Sekunden über den Stadtteil, erzählte die Frau. „Es ist Folter!“, schrie ein älterer Herr dazwischen und verließ mit Verbitterung über die Ohnmacht der Politiker den Saal. Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) und der für Fluglärm zuständige Stadtrat Andreas Kowol (Grüne) gaben sich in ihren Einleitungen zuversichtlich, den Krach am Himmel eindämmen zu können. Es müssten jedoch dicke Bretter gebohrt werden, so Kowol. Kaminsky hob hervor, dass in „einigen Dingen gewaltige Bewegung gekommen ist“, die man einst für unmöglich hielt wie das Nachtflugverbot. In dieser Sache will die Stadt mit anderen Klägern vor dem Verwaltungsgerichtshof Kassel weiterbohren, dass die gesetzliche Nachtruhe von 22 bis 6 Uhr auch für den Flugverkehr gilt.

Kowol bezeichnete zudem die „Überflughöhe als eine zentrale Stellschraube“, um den Bewohnern in Hanau und im Kinzigtal mehr Ruhe zu geben. Zurzeit bewegen sich die Maschinen bereits ab Gelnhausen im fast waagerechten Anflug auf Rhein-Main zu. Auch sei noch über die Lärmverteilung zu reden. Gesprächsbedarf sieht er ebenso mit der Bundesregierung, die Kurzstreckenflüge verbieten soll. Die von der Stadt bestellte Gutachterin Kerstin Giering erläuterte die Auswertung der Messstation Steinheim I, Friedhof. Die Technik ist geeicht und von allen Stationen den geringsten Nebengeräuschen ausgesetzt, erklärte sie die Auswahl.

Merklich lauter in Kesselstadt

In der ersten Betriebsstunde am Tag (5 bis 6 Uhr) läge der Fluglärm zwar leicht über dem Tagesschnitt, aber „der Schutzzonenwert wird noch nicht überschritten“. Der liegt bei 68 Dezibel A. Die bislang fluglärmgeplagten Gebiete Wolfgang oder Steinheim seien mit einer geringeren Entlastung die Gewinner nach der Eröffnung der Landesbahn Nord-West. Für die Menschen, die auf der Achse Lamboy Kesselstadt wohnen, ist es hingegen merklich lauter geworden, um bis zu drei Dezibel A, so die Berechnungen von Fachmann Gert Braunstein. Er verdeutlichte seine Ergebnisse mit einer Flugspurenaufzeichnung der Deutschen Flugsicherung. Die Karte zeigt nun bei Westwetterlage auch eine dicke rote Linie über die genannten Stadtteile. Kowol sah Messstationen für Hanau Mitte als nötig an. Jurist Matthias Müller-Meinecke, der die Stadt Hanau vor dem Verwaltungsgericht betritt, bemerkte, dass die Belastung zunehmen werde. Bis 2020 soll die Zahl der Flugbewegungen um 52 Prozent steigen, was rund 650 000 Starts und Landungen im Jahr entspricht. „Hanau liegt schon jetzt knapp an der Schwelle für Schallschutzfenstern“, aus dem Lärmschutzpaket der Flughafenbetreiberin Fraport, sagte Möller-Meinecke.

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