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Gegen Ärzte am Klinikum Hanau laufen Ermittlungen.

Hanau

Klinikum Hanau: Ermittlungen gegen Ärzte nach Suizid

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Trotz Hinweisen auf Gefährdung und eines Appells der Eltern wurde ein 36-Jähriger nach nur einem Tag aus der Psychiatrie entlassen. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Wenn sie an ihren Sohn denken, fallen die Eltern nach wie vor in tiefe Trauer, sind fassungslos: „Nichts kann uns den Schmerz nehmen. Nichts kann uns unser Kind zurückbringen“, sagt Regine Bosch (Name geändert). Doch eines haben sie und ihr Mann Bernd sich fest vorgenommen: Dazu beitragen, dass alles aufgeklärt wird und so etwas nicht noch einmal passiert. Dass sich an der Psychiatrie des Klinikums Hanau etwas ändert. In ihre Trauer mischt sich Entrüstung.

Ihr Sohn Patrick war psychisch erkrankt, litt seit Jahren an schweren Depressionen. Nach einer ruhigeren Phase ging es ihm 2019 wieder schlechter, weshalb der 36-Jährige im Sommer in dem städtischen Krankenhaus behandelt wurde, erst stationär, dann ambulant. Die vielen dunklen Gedanken hatten sich erneut ausgebreitet, ließen ihm keine Ruhe.

Im September spitzt sich die Erkrankung zu. Seine Eltern, in deren Haus er eine Wohnung hat, stoßen auf eine Reihe von Hinweisen auf Suizidpläne: So hat er einen langen Abschiedsbrief formuliert, den die FR einsehen konnte. Darin dankt er seiner Familie immer wieder für die Unterstützung und Liebe, die er erfahren habe. Er liebe seine Mutter, seinen Vater und seine Schwester. Seine Pläne hätten nichts mit ihnen zu tun, sie sollten nicht traurig sein. Er bittet noch, für seinen Hund zu sorgen. Auf einen Zettel schreibt der Hanauer „Nicht aufschneiden“, auf einen anderen „Ich will keine Organe spenden“. Im Gartenhäuschen trifft er Vorbereitungen, um sich zu erhängen, baut eine Leiter auf. Daneben hat er ein Kabel gelegt, wie auf Fotos zu sehen ist.

Kurz nachdem sein Vater dies entdeckt hat, wählt er 112. Erst kommen Rettungskräfte, dann die Polizei, während Patrick Bosch in seiner Wohnung bleibt, nicht öffnet. Der nervenaufreibende SEK-Einsatz dauert Stunden. Schließlich kommt Bosch heraus und wird am 4. September von Polizisten in die Psychiatrie gebracht.

Dort erfahren Mitarbeiter, was passiert ist und welche Anzeichen es gibt. Dennoch wird er schon am Tag darauf entlassen, soll ambulant weiterbehandelt werden. Mutter Regine Bosch erzählt, im Gespräch mit einer Ärztin habe sie auf die Strangulationsmale am Hals ihres Kindes aufmerksam gemacht, die darauf hindeuteten, dass er schon einen Versuch unternahm. Deswegen habe sie mehrfach appelliert, ihn dazubehalten, sogar gedroht: Wenn ihrem Sohn etwas passiere, werde sie die Psychiatrie anzeigen.

Sie weist demnach auch auf einen Zettel hin, den Patrick vor der Ärztin in seine Tasche steckte und auf dem ein Hinweis auf Suizidpläne gewesen sein soll. Die Ärztin sei nicht darauf eingegangen, habe keine Gefahr gesehen. Aus Sicht der Eltern eine nicht nachvollziehbare, letzten Endes „katastrophale Fehleinschätzung“. Patrick Bosch wird entlassen, für den 6. September ist der nächste Termin vereinbart, den er, so Bosch, wahrnehmen wolle. Ihr Sohn habe gesagt, er wolle zu Hause für seinen Hund sorgen. Doch von einer Aufnahme distanziert oder gar dagegen gewehrt, habe er sich keinesfalls.

An jenem Freitagmorgen soll sich der 36-Jährige normal verhalten haben: Er bereitet in der Küche seiner Eltern sein Frühstück zu, sagt, er werde sich jetzt fertigmachen. In der Ambulanz kommt er nie an. Der junge Mann legt sich auf die Gleise und wird von einem Zug erfasst.

Nach FR-Recherchen ermittelt die Staatsanwaltschaft Hanau in dem Todesfall wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung: Oberstaatsanwalt Dominik Mies bestätigte auf Anfrage, dass ein Ermittlungsverfahren gegen drei Ärzte eingeleitet worden sei. Es bestehe der Anfangsverdacht, dass der 36-Jährige möglicherweise zu früh entlassen worden ist und dies eine „Mitursache“ für seinen Tod sein könnte. Die Staatsanwaltschaft prüfe, ob die Ärzte ihre Sorgfaltspflicht verletzt haben.

Die Psychiatrie wirbt seit 2013 für ihr sogenanntes Hanauer Modell. Dabei werde der stationäre Aufenthalt auf die unbedingt notwendige Zeit begrenzt, stattdessen gibt es eine sogenannte ambulante Akutbehandlung mit täglichen Kontakten in der Klinik oder aufsuchend im Umfeld des Patienten. Das führe zu einer individuelleren Therapie mit bessern Ergebnissen, auch weil die Alltagsbewältigung einbezogen werde, so die Klinik.

In der jüngeren Vergangenheit hatte es bereits einen Fall gegeben, in dem eine versäumte stationäre Aufnahme gravierende Folgen hatte: Nach einem Rückfall erhielt Jonas Eberhard (Name geändert) 2018 eine ambulante Akutbehandlung. In der Nacht zum 14. März, wenige Stunden nach seinem letzten Besuch, stach er unter Wahnvorstellungen auf seine Eltern ein, verletzte sie schwer.

Er habe eine Aufnahme abgelehnt, Hinweise auf eine Gefährdung hätten nicht vorgelegen, sagte eine Ärztin und wies Vorwürfe zurück. Eberhard bekam eine Tablette, die ihn schlafen lassen sollte. Doch es bleiben Fragen: Im Gegensatz zu vielen anderen Dingen wurde die angeblich angebotene Aufnahme offenbar nicht protokolliert. Laut dem Vater fragte die Mutter sinngemäß: „Warum nehmen sie ihn nicht auf?“ Auch weil B. wirre Sätze aufschrieb, in denen „Blut“ vorkam. Ein Pfleger habe geantwortet, ihr Sohn habe „in einigen Stunden eh einen Termin“.

Renate Bosch kritisiert auch die Art der Behandlung, die alles andere als intensiv gewesen sei. Ihr Eindruck: Zu wenig Zeit, vor allem für Einzelgespräche, zu viele Medikamente. Patienten hätten „wie unter einer Käseglocke“ gewirkt, ruhiggestellt. Vor einigen Jahren habe eine Therapie im Klinikum ihrem Sohn durchaus geholfen. Im Sommer 2019 allerdings sei schon für die zwischenzeitliche Aufnahme viel Überzeugungskraft notwendig gewesen, trotz klarer Symptome. Und echte Fortschritte seien danach nicht zu erkennen gewesen.

Das Klinikum antwortet auf Anfrage, es könne zu Bosch wegen der Ermittlungen und der Schweigepflicht nicht konkret Stellung beziehen. In einer allgemeinen Stellungnahme weist das Krankenhaus Kritik an der Versorgung jedoch zurück: Der Suizid eines Menschen sei grundsätzlich eine Tragödie, die die Angehörigen, aber auch die Mitarbeiter schwer belaste, teilt Chefarzt Thomas Schillen mit. Die Suizidrate bei schweren Erkrankungen liege zwischen zehn und 30 Prozent. An der Psychiatrie liege sie jährlich „zwischen 0 und 1 Promille“. Wie viele Menschen nach einem Aufenthalt Suizid begehen, ist unklar.

Patienten, die freiwillig kämen und „nach fachärztlicher Diagnostik keine akute Eigen- oder Fremdgefährdung besteht, dürfen wir die Freiheit nicht entziehen“.

Das „akutambulante Angebot“, das denselben Leistungsumfang wie das stationäre habe, erlaube eine „bessere und längere Begleitung der Patienten“, so Schillen, der einen großen und seine Einrichtung belastenden Mangel an niedergelassenen Psychiatern beklagt. Vor dem „Modellprojekt“ habe die Klinik 100 Patienten vollstationär versorgen können, jetzt gebe es 70 vollstationäre Betten und 50 Plätze für die ambulante Akutbehandlung. Insgesamt seien die Patientenaufnahmen um 17,5 Prozent gestiegen, die Zahl der Mitarbeiter um 20 Prozent. Es werde nicht gespart.

Ob jemand ambulant oder stationär behandelt werde, entscheide man nach der medizinischen Indikation und greife stets auf Psychopharmakologie, Psychotherapie und Soziotherapie zurück. Der Schwerpunkt hänge vom Störungsbild und der Schwere ab.

Mehrere weitere Angehörige äußern sich ähnlich wie die Boschs. Sie berichten, es sei sehr schwierig, für ihre Nächsten in akuten Phasen, in denen sie dringend umfassende Hilfe bräuchten, einen Platz auf Station zu bekommen. Darüber hinaus kritisieren sie, die Psychiatrie setze zu stark auf Psychopharmaka, mit allen heftigen Nebenwirkungen. Die ambulante Behandlung sei nicht engmaschig genug, die stationäre Versorgung werde vernachlässigt.

Eine Angehörige sagte, ein Polizist habe ihr gegenüber geäußert, er kenne das Problem. Sein Ratschlag: Bei Bedarf die Polizei alarmieren. Wenn sie Betroffene ins Klinikum bringe, sei die Wahrscheinlichkeit, aufgenommen zu werden, höher.

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