Karin Schmidt (links) und Petra Braun werden die Kunden vermissen, und die wiederum den Handkäs‘ der Käsemädels. rolf oeser
+
Karin Schmidt (links) und Petra Braun werden die Kunden vermissen, und die wiederum den Handkäs‘ der Käsemädels. 

Hanau

Die „Käsemädels“ in Hanau sind in Rente

  • Detlef Sundermann
    vonDetlef Sundermann
    schließen

Nach 90 Jahren endete am Samstag eine Marktfrauendynastie. Karin Schmidt und Petra Braun wollen jetzt mehr Freizeit haben.

Das ist ja eine Katastrophe!“, sagt die ältere Frau mit dem Einkaufstrolly neben sich. Sie lässt sich ob der Nachricht gleich sechs Handkäse einpacken. „Die kann man auch einfrieren“, sagt Karin Schmidt. Ein schwacher Trost für die Kundin. Denn Karin Schmidt und ihre Schwester Petra Braun sind seit vergangenen Samstag mit ihrem kleinen Eier- und Käsestand auf dem Wochenmarkt Geschichte. Es ist das Ende einer Marktfrauendynastie. Ein Mann bringt den beiden zum Abschied und Dank zwei Piccoloflaschen und eine Tüte Pralinen vorbei. Und er geht natürlich nicht, ohne vorher Handkäs‘ für mehr als eine Mahlzeit zu kaufen. „So an die 30 Jahre kaufe ich hier einmal in der Woche ein“, sagt der Mann. „Ich habe überall Handkäs‘ probiert, der hier ist der beste“, sagt er mit voller Überzeugung.

„Alles hat seine Zeit im Leben“, sagt Karin Schmidt zum geplanten Ende und erhält beiläufig ein zustimmendes Nicken von ihrer Schwester, die fleißig die Kundschaft bedient. 90 Jahren haben Generationen von Schmidts den Hanauer Wochenmarkt bestückt. „Es waren immer nur die Frauen.“ Angefangen hat es mit Katherina, die am nächtlichen Morgen mit ihrem mit Eiern und Käse beladenen Handwagen in Hüttenberg aufbrach, in den Zug nach Hanau stieg, um ab 6 Uhr auf dem Wochenmarkt ihre Waren feil zu bieten. „Das war damals eine Weltreise.“

Es folgten Marie und Elfriede und seit 1996 Karin und Petra im Duo - und bis zuletzt von Hüttenberg im Lahn-Dill-Kreis aus. Die Schwestern übernahmen den Stand mit Berufserfahrung und Leidenschaft, denn samstags begleiteten sie die Großmutter. „Ich bin mit 13 Jahren mitgefahren“, sagt die heute 60 Jahre alte Schmidt. „Wir sind mit Leib und Seele richtige Marktweiber. Das können Sie ruhig schreiben“, erlaubt sie.

Die „Käsemädels“, wie sich die Schwestern selbst nannten, bestückten mittwochs und samstags den Wochenmarkt - im Nebenerwerb und nur in Hanau, wie es schon die Urgroßmutter hielt. „Am Markttag fuhr ich gegen 4.20 Uhr von Hüttenberg nach Groß-Linden, um meine Schwester abzuholen“, sagt Schmidt. Dort wartete stets der erste Kaffee und eine Scheibe Brot als Stärkung auf sie, bevor es gen Hanau losging - 75 Kilometer Strecke. Eine Winterpause kannten die beiden nicht, auch bei minus 18 Grad nicht.

Handkäs‘ war der Renner

Die Eier kamen von Bauern aus der Gegend, der Käse ebenso, zuletzt aus einer familiengeführten Käserei. „Wir haben alles hinzugekauft, so wie es die Urgroßmutter auch schon machte“, sagt Petra Braun. Noch vor Jahren sei das Sortiment an Käse größer gewesen. Aber das Angebot auf dem Markt wuchs, so dass allein der Handkäs‘ blieb und den Hauptumsatz ausmachte. Vielleicht auch, weil die Käsemädelx wussten, wie ihn die Hanauer lieben. „Richtig gereift.“ Daher erhielten die blassgelben Klopse bei ihnen bei passender Lagerung noch die geforderte Reife. Am Stand wurden sie lose in Pergamentpapier eingeschlagen - meist mit der Frage, ob Kümmel drüber gestreut werden soll. Bei den Stammkunden wussten die Käsemädels das natürlich.

„Vor einem halben Jahr fassten wir den Entschluss, in den Stand nichts mehr zu investieren, den zum Teil schon die Großmutter hatte“, so Schmidt. Die Auflagen des Veterinäramtes waren zu hoch und kostspielig, die Kinder der beiden Familien zudem nicht an einer Fortführung interessiert. Und: „Wir wollten nach Jahrzehnten auf dem Wochenmarkt nun ein bisschen mehr Freizeit haben“, sagt Schmidt, die als Zahnarzthelferin arbeitet. Ihre zwei Jahre ältere Schwester ist Hausfrau mit einer großen Familie. „Die Leute werden wir vermissen, es gab immer viel zu reden und zu lachen.“

Auch wenn alles seine Zeit hat, die alte Käsevitrine aus mittlerweile leicht verbogenen, braunlackierten Holz mit dem Glaseinsätzen, landet nicht auf den Sperrmüll. „Unserer Bruder unterrichtet an einer Berufsschule und wird sie zur Ausbildung nutzen“, sagt Schmidt.

Mehr zum Thema

Kommentare