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Videoüberwachung

Beispiel Hanau

Jugendarbeit „kaputtgespart“

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Reaktionen auf den FR-Bericht über Kriminalität und Prävention in Hanau.

Videoüberwachung, mehr Stellen bei der Stadtpolizei, verstärkte Kontrollen, ein Haus des Jugendrechts ab 2020 – aber so gut wie keine neuen Mittel für Jugendarbeit: Der FR-Bericht über die Konsequenzen, welche die Stadt nach gewalttätigen Konflikten im Frühjahr 2017 gezogen hatte, hat kritische Reaktionen ausgelöst. Die internationale Wählergruppierung Forum Gemeinsames Hanau (FGH) fordert, in die Förderung von Jugendlichen zu investieren statt in Polizeipräsenz und Repression. Dass die Jugendkriminalität laut Polizei gesunken ist, „kann man als einen Erfolg werten“, sagt der FGH-Stadtverordnete Robert Erkan. „Was uns als FGH aber klar fehlt, ist eine langfristige Strategie, es erst gar nicht so weit kommen zu lassen.“

Nachhaltig sei das Problem nur zu lösen, „wenn man eine Antwort auf die sozialen Probleme findet, die dahinter stecken.“ Jugendliche bräuchten mehr Angebote, „die ihnen Kontinuität und eine Begegnung in gegenseitigem Respekt bieten“. Dazu gehörten Treffpunkte und genug Sozialarbeiter – wo die Stadt aber den Rotstift angesetzt habe. Das müsse sich ändern.

Die Stadt Hanau hatte auf FR-Anfrage ihre Schritte nach den Schlägereien – die heftigste führte dazu, dass ein Mann auf einem Auge fast blind ist – aufgelistet. Unter den Maßnahmen waren auch zwei zusätzliche Stellen bei der Jugendgerichtshilfe, Aktionen für junge Leute am Freiheitsplatz und ein Streetworker. Die Stelle wird allerdings von der Berenbrok-Winterstein-Stiftung finanziert und war lange vakant.

Kritik wies Bürgermeister Axel Weiss-Thiel (SPD) zurück. Dass die Zahl der von Jugendlichen begangenen Straftaten im vergangenen Jahr um 15,3 Prozent gesunken sei, von 1053 auf 892 erfasste Fälle, belege das „hohe Niveau“ der Prävention. Auch in Sachen Jugendarbeit brauche sich Hanau vor vergleichbaren Städten nicht zu verstecken, im Gegenteil, so Weiss-Thiel. Trotz Kürzungen im Rahmen des Kommunalen, die unausweichlich gewesen seien.

Der Sozialdezernent verwies unter anderem auf Möglichkeiten im Jugendbildungs – und Kulturzentrum (JuBiKuz). Den offenen Treff dort, der zweimal die Woche stattfindet, hätten 2018 im Schnitt 20 Jugendliche besucht, die Kraftsportgruppe, die sich einmal wöchentlich trifft, zehn Jugendliche.

Ein langjähriger Ermittler warnt trotz des statistischen Rückgangs von Jugendkriminalität: Manche Opfer verzichteten aus Angst auf Anzeigen; die Brutalität habe zugenommen. Dazu beigetragen hätten zerrüttete Familienverhältnisse, gescheiterte Integration und eine zu späte Bestrafung von Tätern, die häufig aus Frust handelten. Der Ermittler kritisiert auch, dass Jugendarbeit „zurückgefahren worden ist“.

In der städtischen Abteilung für Familien- und Jugendarbeit ist die Stimmung dem Vernehmen nach schlecht, was mit den Einschnitten in den vergangenen Jahren zusammenhängt. Ein Insider sagt, die Stadt müsste die Jugendarbeit schon allein wegen des starken Zuzugs nach Hanau deutlich ausbauen. Stattdessen werde kaputtgespart. Als Beispiele nennt er die Schließung von Jugendeinrichtungen, der Beratungsstelle Romale für Zuwanderer aus Südosteuropa, die Reduzierung der Angebote im JuBiKuz und im Lamboyviertel. Dort gibt es für Jugendliche über 14 derzeit gar keinen Treff oder Ähnliches.

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