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Jeanne d’Arc beim Psychologen

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Die freie Jugendtheatergruppe Awesomeblé bei einer Probe.
Die freie Jugendtheatergruppe Awesomeblé bei einer Probe. © Renate Hoyer

Zwei letzte Nächte: Eine schizophrene junge Frau vor ihrem Selbstmord und die heilige Johanna vor ihrer Hinrichtung spielen im neuen Stück der jungen Hanauer Theatergruppe Awesomeblé.

Von Rebekka Sambale

Bei Awesomeblé einen Termin zum Probenbesuch zu finden ist nicht schwierig. „Wir proben jeden Tag“, sagt Regisseurin Hanna Werth am Telefon. In den Wochen vor der Aufführung werde sechs bis zwölf Stunden pro Tag geübt und „Das ist kein Scherz!“, wird dem unwissend lachenden Besucher von den Darstellern mit strengem Blick bestätigt.

Seit 2007 gibt es die Jugendtheatergruppe Awesomeblé in Hanau. Entstanden ist sie auf Initiative von Werth, die zwei Jahre zuvor ihr Abitur an der Hohen Landesschule machte und momentan Schauspiel in Leipzig studiert. Mit „Blaubart“ und „iTOPIA“ hat das Ensemble in den vergangenen zwei Jahren bereits zwei Stücke erarbeitet und aufgeführt.

„Eigenwilliges Ensemble“, übersetzt Hanna Werth den Namen ihrer Theatergruppe. „Großartig“ – das schlägt das Englisch-Wörterbuch zu „awesome“ vor – würde es sicherlich auch ganz gut treffen. Denn die aktuelle Produktion „Fighting Jeanne“, die aus zwei einzelnen Stücken besteht, ist tatsächlich ziemlich eigenwillig, die Leistung der Schauspieler jedoch zugleich großartig.

Awesomeblé, das sind im Moment zwölf Jugendliche zwischen 18 und 24 Jahren. Was all die jungen Menschen aus Hanau und Umgebung verbindet, ist die Liebe zum Theaterspiel. „Es ist mehr als nur ein Hobby“, sagt die 21-jährige Lavinia Lazar. „Es ist was Körperliches, was Geistiges und einfach ein Team-Ding“, ergänzt Elise Reichardt (20). Der Teamgeist ist bei den Proben zu spüren. Besonders beim zweiten Stück, „Butterfliegen in geschlossenen Räumen“, muss jeder Satz aufeinander abgestimmt sein.

Mit knallrotem Lippenstift und hochhackigen Schuhen stehen drei junge Frauen 50 Minuten lang im Mittelpunkt. Und das ohne Unterbrechung, ohne Abgang von der Bühne und ohne Umbau. „Man muss die Spannung bis zum Schluss halten“, beschreibt Darstellerin Mirjam Kuchinke die Schwierigkeit.

Thematisch setzt sich das Stück mit Johanna von Orléans auseinander. Der historische Stoff wird in die heutige Zeit übertragen. „Dabei entstehen zwei Ebenen“, erklärt Regisseurin Wert. Da gibt es einmal die junge schizophrene Frau in ihrer letzten Nacht vor dem Selbstmord und auf der anderen Seite Johanna in ihrer letzten Nacht vor dem Scheiterhaufen. „Die beiden Ebenen verschwimmen“, sagt die Regisseurin und Darstellerin Elise Reichardt ergänzt: „Eigentlich wechselt nach jedem Wort der Sinn.“

Und das tiefgängige Mimik-Spiel, die ausdrucksstarke Gestik, die Aufschreie und das Flüstern der Schauspieler lassen schnell vergessen, dass auf der Bühne eine Jugendtheatergruppe steht und kein professionelles Berufsensemble.

Bunt und dynamisch geht es beim Eröffnungs-Stück „Fight Club“ unter Regie von Antonia Bär zu. Tanzszenen gehören genauso in die Handlung wie ein ständiger Rollentausch. Da tanzen Männer in Brautkleidern Ballett und Frauen mit Krawatte geben Sicherheitsanweisungen im Flugzeug. Ein Abend mit zwei Stücken, die gleichermaßen modern und tiefgründig sind. Das ist zweifellos eigenwillig und großartig.

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