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Hanauer Neustadt: „Vielfalt führt zu Entwicklung“

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Von: Gregor Haschnik

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Der „Metzgerplan“ zeigt Alt- und Neuhanau im 17. Jahrhundert.
Der „Metzgerplan“ zeigt Alt- und Neuhanau im 17. Jahrhundert. © Stadt Hanau

Pfarrer Horst Rühl spricht im Interview über die Bedeutung des Neustadtjubiläums und die Feierlichkeiten.

Horst Rühl telefoniert und mailt seit Monaten noch mehr als sonst. Als Beauftragter der Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck für das Neustadtjubiläum organisiert er mit Ehrenamtlichen mehr als ein Dutzend Veranstaltungen. Zusammen wollen sie Kirche wieder sichtbarer machen und die Themen Vielfalt und Integration in die Stadtgesellschaft tragen.

Herr Rühl, die Hanauer Neustadt wurde vor 425 Jahren gegründet. Das ist lange her. Weshalb ist dieses Ereignis heute noch wichtig und wird so groß gefeiert?

Die Neustadt wurde durch wallonische und niederländische Glaubensflüchtlinge gegründet. Graf Philipp Ludwig II. von Hanau-Münzenberg schloss mit den Calvinisten die sogenannte Capitulation, die Rechte und Pflichten regelte. Sie waren zuvor mehrfach verfolgt und diskriminiert worden, auch in Frankfurt. Die Neustadtgründung vor 425 Jahren und die darauffolgende Entwicklung Hanaus zeigen die enorme Bedeutung von Vielfalt und Inklusion für die Gesellschaft. Und dass Integration zwar viel Zeit und Einsatz braucht, aber gelingt, wenn viele Kräfte daran mitwirken. Ohne die Flüchtlinge wäre Hanau lange ein Dorf mit Stadtrechten geblieben.

Weshalb war die Neustadtgründung noch ein Meilenstein?

Mit den Wallonen und Niederländern begann zudem ein kontinuierlicher Zuzug von Menschen aus anderen Ländern, Kulturen und Religionen, der Hanau nach wie vor prägt. Im 19. Jahrhundert zum Beispiel kamen im Zuge der Industrialisierung viele Neubürger römisch-katholischen Glaubens, nach 1945 viele Kriegsflüchtlinge, ab den 1960er-Jahren sogenannte Gastarbeiter, um 2015 herum Geflüchtete etwa aus Syrien und dem Irak und heute aus der Ukraine.

Die Grafschaft war in finanzieller Not. Wie stark war die Entscheidung des Grafen von Eigennutz geleitet?

Der Graf wollte natürlich, dass die Neustadt gebaut wird und Hanau sich zu einer großen Stadt entwickelt, weshalb er den Niederländern und Wallonen auch Privilegien einräumte. Es war also ein geschickter, „schlitzohriger“ Schachzug – entsprach aber seiner toleranten Haltung, auch wenn er denselben Glauben hatte. Schließlich erlaubte er Anfang des 17. Jahrhunderts auch, dass sich eine jüdische Gemeinde in Hanau ansiedelte.

Was können wir aus der Neustadtgründung durch Glaubensflüchtlinge lernen?

Dass Diversität keine Bedrohung ist. Dass Toleranz und Vielfalt zu Entwicklung führen. Viele Menschen haben das verstanden, zum Beispiel Handwerker, die heute Geflüchtete ausbilden und mit ihnen Deutsch lernen. Integration und Inklusion heißt auch, Menschen an unserer Gesellschaft teilhaben zu lassen und ihre Talente zu fördern. Gleichzeitig kann dies dazu beitragen, dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken.

Der rassistische Anschlag von Hanau war auch eine Zäsur. Wie hat er die Stadt verändert?

Gerade dieser Anschlag hat meine Motivation ausgelöst, jetzt gut zwei Jahre nach dem terroristischen Geschehen vorsichtig den Blick nach vorn und in die Zukunft zu wenden, ohne über das unsägliche Leid der Angehörigen durch den Anschlag und die schleppende Aufarbeitung hinwegzugehen. Aber wir müssen uns fragen, welche neuen Formen der Teilhabe aller Menschen und der grundsätzlichen Solidarität wir finden, um rechtem Gedankengut den Boden zu entziehen.

Inwiefern ist Kirche in der Pflicht im Hinblick auf eine „inkludierende Gesellschaft“?

Es ist wichtig, dass wir als Kirche – besonders nach den Einschränkungen durch die Corona-Pandemie – wieder stärker sichtbar werden und Themen wie Vielfalt bedienen. Darüber hinaus sollten wir auf Privilegien verzichten, durch die wir uns exkludieren und die Solidarität verlassen. Dazu gehört im Besonderen das kircheneigene Arbeitsrecht. Ich habe mich schon vor langer Zeit dafür ausgesprochen, dass wir uns als Kirche und Diakonie bestehenden Tarifverträgen anschließen.

Wie sind Sie eigentlich dazu gekommen, einen Teil der Feierlichkeiten zu organisieren?

Heike Mause, Pfarrerin der Stadtkirchengemeinde, stand kurz vor ihrem Wechsel als Dekanin nach Groß-Gerau, hatte viel zu tun und fragte mich spontan, ob ich bei der Organisation des bevorstehenden Jubiläums helfen wollte. Zunächst habe ich das ohne offiziellen Auftrag getan, inzwischen mit. Das Programm ist umfangreich und die Vorbereitung natürlich nicht allein zu bewältigen. Deshalb bin ich dankbar, dass sich rund 40 Ehrenamtliche beteiligen.

Welche Veranstaltungen sind Ihnen besonders wichtig?

In einer Predigtreihe nehmen wir das Thema Schöpfung auf. Sie macht deutlich, dass wir uns nicht gebären, sondern geboren werden und wie alle anderen Menschen „gesetzt“ sind, geschaffen von Gott – der sich, wie wir in der Bibel lesen können, alles ansah, was er gemacht hatte und „siehe da, es war sehr gut“. Bei drei politischen Abendgebeten werden wir Exklusion beleuchten, die sich unter anderem in Armut, Flucht und mangelnder Barrierefreiheit widerspiegelt. Und am 6. Juni veranstalten wir eine „Tafel der Vielfalt“, bei der Menschen miteinander essen und sich kennenlernen können. Sie soll auf dem Freiheitsplatz aufgebaut werden – dem Ort, an dem 1777 die Hanauer Alt- und Neustadt endgültig zusammengewachsen und Gräben zwischen den Stadtteilen zugeschüttet worden sind.

Interview: Gregor Haschnik

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