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Hanauer Neustadt: Den Bankrott gerade noch einmal abgewendet

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Relief der Hanauer Neustadt vor Wallonisch niederländischen Kirche.
Hinter dem Kunstwerk „Neustadtplan“ von Claus Bury steht die wallonisch-niederländische Kirche. © Monika Müller

Investoren sollten es richten: Die Neustadtgründung 1597 als Akt wirtschaftlicher Not.

Die Gründung der Hanauer Neustadt im Jahr 1597, deren 425. Jahrestags wir in diesem Jahr gedenken, war ein Unternehmen von weitreichender historischer, wirtschaftlicher, aber auch militärischer Bedeutung. Das eher beschaulich, spätmittelalterlich geprägte Hanau gewann nach der Vollendung der Stadterweiterung im frühen 17. Jahrhundert enorm an Fläche, es wurde eine der modernsten Festungen der Zeit und gewann mit dem Zuzug der Neu-Hanauer:innen eine wirtschaftlich äußerst potente Bürgerschicht.

Auch wenn Hanau Residenzstadt einer nicht unbedeutenden Grafschaft war, so war die Stadt Ende des 16. Jahrhunderts nicht gerade ein wirtschaftliches und politisches Zentrum. Die Neustadt hingegen, eine Planstadt, in deren Strukturen die neuesten städtebaulichen Erkenntnisse einflossen, war für damalige Umstände durchaus „städtisch“ geprägt. Schon manche Dimensionen belegt die wirtschaftliche Potenz und das Selbstbewusstsein der Neubürger:innen: Die Ausmaße des Neustädter Markts sprengten alle mittelalterlichen Vorstellungen von „Enge hinter den Mauern“, denn Mauern zu errichten war teuer. Blickt man auf den Befestigungsplan, der nunmehr beide Städte umfasste, so hat es den Erbauern wahrlich nicht an Geld für ihre Mauern gemangelt. Gleichwohl befanden sich fürderhin hinter dem Mauerring zwei eigenständige Städte: Alt-Hanau und Neu-Hanau, getrennt durch einen Wassergraben am heutigen Freiheitsplatz.

Eine Stadterweiterung solchen Ausmaßes war natürlich nicht binnen weniger Jahre zu verwirklichen. Dennoch war die Neustadt beim Ausbruch des Dreißigjährigen Kriegs 1618 nahezu fertig, wenn auch noch nicht komplett bebaut. Was aber hoffnungsvoll für den Grafen und für die Neubürger:innen begonnen hatte, erlebte schon wenig später eine erste Bewährungsprobe, die 1636 in der monatelangen militärischen Blockade kulminierte.

Nun ist die Ankunft Fremder, die sich auf Dauer niederlassen, zu keiner Zeit konfliktfrei. Nicht nur, dass die Altstadtbürger:innen für den Bau der Neustadt Grund und Boden hergeben mussten, nämlich ihre Felder, Gemüse- und Weingärten vor der Stadt. Auch althergebrachte Usancen lieferten Konfliktstoff, so etwa die Leichenzüge von der Altstadt durch die Neustadt zum Deutschen Friedhof. Oder der Viehtrieb des Alt-Hanauer Säuhirten, der seine Tiere unter Verbreitung eines gewissen Odeurs durch die Neustadt vor die Stadt führte. Auch gab es kulturelle Barrieren: Die Neuen pflegten ihre eigene Sprache, parlierten auf Niederländisch oder Französisch und hielten auch ihren Gottesdienst bis weit ins 19. Jahrhundert nicht auf Deutsch. Und sie hatten steuerliche Privilegien, die ihnen bei der Gründung der Neustadt zugesagt worden waren. Ein gutes Reservoir für Konflikte!

Wie aber war es zu der Neustadtgründung überhaupt gekommen? Vor allem das 19. Jahrhundert hatte den damaligen Regenten, Graf Philipp Ludwig II. von Hanau-Münzenberg, als weltoffenen und toleranten Landesherrn gezeichnet. Der habe großherzig Glaubensflüchtlinge aus den Spanischen Niederlanden aufgenommen. Noch heute beruft sich Hanau deshalb auf eine lange zurückreichende Tradition als weltoffene Stadt. So ehrenwert dieser Anspruch ist, im Licht der historischen Forschung hat er einen Haken. Graf Philipp Ludwig II., der als junger Regent schon einmal in bester Talibanmanier Bildwerke des „alten Glaubens“ persönlich in Stücke schlug, war mitnichten von Menschenfreundlichkeit getrieben, als er 1597 die Niederländer und Wallonen aus Frankfurt einlud, sich an dem Hanauer Neustadtprojekt zu beteiligen. Die Adressat:innen der Ausschreibung waren nämlich schon lange nicht mehr verfolgt, hatten in Frankfurt Aufnahme gefunden und waren dort erfolgreich ihren Geschäften nachgegangen. Weltweiten Geschäften wohlgemerkt, denn ihre alte Heimat, Holland, war damals die Handelsmacht schlechthin.

Nachdem ihre reformiert-protestantisch geprägte Heimat, Teile der heutigen Niederlande und der belgischen Wallonie, Mitte des 16. Jahrhunderts an das katholische Spanien gefallen waren, war es mit der freien Religionsausübung vorbei. Die Protestant:innen flohen in Scharen, nahmen aber ihr Geld und Know-how mit. Viel kamen nach Frankfurt, der Freien Reichsstadt, gerieten aber bald mit der religiös wenig toleranten, lutherisch geprägten Stadtgesellschaft wohl auch wegen ihres wirtschaftlichen Erfolgs in Konflikt. Dies sollte nun Graf Philipp Ludwig II. zum Vorteil gereichen.

Das Bild des Grafen und seine Motivation zur Neustadtgründung hat der Ehrenvorsitzende des Hanauer Geschichtsvereins 1844 e.V., Eckhard Meise, vor gut einem Jahrzehnt bereits revidiert. Die Gründung der Neustadt, so der Historiker, sei nicht in erster Linie ein religiös begründeter Akt des Mitgefühls für Glaubensflüchtlinge gewesen, sondern aus wirtschaftlicher Not erfolgt. Also nichts mit Großherzigkeit, sondern kühles Kalkül mit Blick auf die Staatskasse.

Schon unter dem Vater des Grafen, Philipp Ludwig I., der im Jahr 1580 starb, war die Grafschaft finanziell in Schieflage. Die Erziehung des jungen Grafen oblag Vormündern, in deren Kreis sich Reformierte und Lutheraner gegenüberstanden. Streit blieb also nicht aus. Auch gingen die Vormünder nicht sonderlich pfleglich mit dem Erbe ihres Mündels um: Beim Kassensturz im ersten Regierungsjahr Philipp Ludwigs II. erwies sich die Grafschaft Hanau als bankrott. Die Tanten des jungen Grafen, die in Hanau das Sagen hatten, führten ein kostspieliges Leben. Allein die Scheidung der einen kostete die gräfliche Schatulle 30 000 Gulden, Zahlungen an die wiederverheiratete Mutter Philipp Ludwigs II. jedes Jahr 35 000 Gulden. Bilanziert wurden für 1596/97 aber Ausgaben von 64 000 Gulden bei 20 000 (!) Gulden Einnahmen.

Es brannte also, als Philipp Ludwig sein Neustadtprojekt in der Art eines heutigen Börsenprospekts verbreiten ließ. Darin wurden allerlei Freiheiten, Privilegien und Steuerbefreiungen versprochen. Und es kamen vor allem aus dem nahen Frankfurt, angelockt durch ein investorenfreundliches Klima, wie es sich Martin Bieberle, heute in Hanau zuständig für Stadtentwicklung, nicht hätte besser ausdenken können, Interessenten in Scharen. Umso besser, dass sie dem reformierten Glauben anhingen. Es waren nicht arme Schlucker, sondern gebildete, wohlhabende, geschäftstüchtige Neubürger, die Verbindungen in die ganze damals bekannte Welt hatten. Und es waren sie und ihre Nachfahren, die Hanau zu dem machten, was Hanau heute noch ausmacht: eine Stadt in Vielfalt. Der Graf jedenfalls als Muster und Vorbild für Toleranz und Weltoffenheit sollte heute ausgedient haben.

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