Trauer in Hanau: An einem muslimischen Trauergebet nehmen auf dem Marktplatz vor drei Särgen viele Hundert Menschen teil.
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Trauer in Hanau: An einem muslimischen Trauergebet nehmen auf dem Marktplatz vor drei Särgen viele Hundert Menschen teil.

Trauer

Hanauer nehmen Abschied von den Opfern des Anschlags

  • Agnes Schönberger
    vonAgnes Schönberger
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Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung werden die ersten Opfer des Anschlags in Hanau bestattet. Oberbürgermeister Kaminsky spricht von einem „Angriff auf uns alle“.

„Es ist eine Tragödie für uns. Wir leben seit über 60 Jahren in Deutschland. Jetzt haben wir Angst“, sagt ein Verwandter von Mercedes Kierpacz, die bei dem rassistischen Angriff am vergangenen Mittwoch zusammen mit vier weiteren Menschen in einem Kiosk im Hanauer Stadtteil Kesselstadt erschossen worden war. Der junge Mann ist Mitglied der Großfamilie Stefan und am Montag aus Düsseldorf zu der Trauerfeier für die Getötete nach Offenbach gekommen.

„Jeder ist willkommen. Die Tür der Kirche ist offen“, hatten die Hinterbliebenen zu der Trauerfeier auf dem Neuen Friedhof in Offenbach eingeladen. Aus ganz Deutschland sind die Menschen gekommen. Die Trauerhalle ist so voll wie selten. Alle 260 Plätze sind besetzt, weitere Hunderte Menschen stehen am Rand, im Treppenhaus und vor der Halle. Es ist die erste Bestattung nach dem Gewaltverbrechen.

Angehörige schluchzen, halten einander fest, verharren minutenlang am offenen, mit weißen Rosen geschmückten Sarg. Gleichzeitig ertönt fröhliche Musik vom Band, Popsongs und Roma-Musik wechseln sich ab. Viele Lieder handeln von der Liebe. Später spielt ein Saxophonist. Die Stimmung ist würdevoll.

Auch Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) nahm an der Trauerfeier teil, Offenbachs OB Felix Schwenke (SPD) musste wegen Krankheit absagen. Am Mittwoch gegen 22 Uhr sei die Welt jedenfalls in Hanau für einen furchtbaren, traurigen Moment stehengeblieben, als ein von Hass und Rassismus getriebener Täter neun Menschen getötet habe. „Ihre Welt steht immer noch still“, wandte sich Kaminsky an Angehörige und Freunde.

Bewegendes Bild der Ermordeten

Er zeichnete ein bewegendes Bild der Ermordeten. Aus Gesprächen habe er erfahren, dass sie ein einzigartiger Mensch gewesen sei, der sich um andere gekümmert habe. Sie sei eine Frau mit großem Herzen gewesen. Wenn sie bei ihrer Arbeit in der Arena Bar, einem Kiosk mit angeschlossener Shisha-Bar in Kesselstadt bemerkt habe, dass jemand kein Geld, aber trotzdem Hunger hatte, habe sie ihm von ihrem eigenen Geld etwas gekauft. „Sie war großherzig und mitfühlend“, sagte der Oberbürgermeister.

Mercedes Kierpacz, 35 Jahre alt und alleinerziehende Mutter eines 16-jährigen Sohns und einer neunjährigen Tochter, habe auch das Leben geliebt. Sie sei ein leidenschaftlicher Eintracht-Fan gewesen. Die Ermordete war laut dem Zentralrat Deutscher Sinti und Roma deutsche Staatsbürgerin und Angehörige der nationalen Minderheit der Roma. Eine Freundin beschrieb sie als eine Frau mit starker Persönlichkeit. Sie sei sehr offen und sympathisch gewesen, man habe sich in ihrer Nähe sofort wohlgefühlt. Mercedes Kierpacz hatte in dem Kiosk neben der Shisha-Bar gearbeitet, aber nicht am Mittwoch. Sie hatte an dem Abend nur schnell etwas zu essen holen wollen für die Kinder.

Kaminsky sprach von einer „großen Brutalität“ des 43-jährigen Täters aus Hanau. „Letztlich ist es ein Angriff auf uns alle“, sagte er und widersprach Darstellungen, es sei ein fremdenfeindlicher Angriff. gewesen. „Das ist es nicht. Denn Mercedes Kierpacz und die anderen waren keine Fremden. Sie waren Mitbürger.“ Er forderte die Anwesenden dazu auf, nicht nur zusammenzustehen. „Denn Demokratie und Freiheit haben keine Zukunft, wenn wir alle nur zuschauen.“

Öffentliches Gebet

Janusz Piotrowski, Pfarrer der katholischen Kirchengemeinde St. Peter aus Offenbach, wiederholte, was ihm der Vater der Getöteten gesagt hatte: „Mercedes ist bei Gott, anders kann es nicht sein.“ Dies sei ein Trost, „auch wenn wir alle gebrochen sind“.

Bei einem öffentlichen Gebet auf dem Hanauer Marktplatz haben am Montag zahlreiche Menschen der bei dem Anschlag getöteten Opfer gedacht. Drei Särge, die in türkische Fahnen gehüllt waren, standen vor einer Bühne, auf der muslimische Geistliche Trauergebete sprachen. Die Särge waren auf einer mit einem grünen Tuch bedeckten Tischreihe aufgebahrt. Viele Hundert Menschen hatten sich auf dem zentralen Platz versammelt. Nach dem Abschluss der Gebete in türkischer Sprache wurden die Särge in bereitstehende Leichenwagen getragen.

Am Nachmittag sollte in Hanau ein 23-jähriges Opfer des Anschlags der vergangenen Woche bestattet werden.

Von Agnes Schönberger

Erst Hanau, dann Volkmarsen: Jetzt muss es darum gehen, Menschenfeindlichkeit in jeder Form zu bekämpfen. Ein Kommentar von Pitt von Bebenburg.

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