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Äthiopische Kaffeekultur konnten die Besucher am Stand des Seniorenbüros genießen.  

Hanau

Hanau: Wege aus der Wachstumsfalle

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Auf dem Hanauer Marktplatz schaffen rund 30 Initiativen, Einrichtungen und Vereine einen „Demokratie-Raum“ und suchen nach Lösungen für Klima und Integration.

Wir müssen uns von diesem ,Naturgesetz‘ des Wachstums verabschieden. Es geht um ein Weniger – auf allen Ebenen“, sagt der Schriftsteller und FR 7-Autor Jürgen Roth, der sich intensiv mit Ökologie beschäftigt. Ökonomie „muss sich wieder stärker an Gebrauchswerten orientieren“, fügt er hinzu und schlägt acht, neun, von Muße, nicht von Konsum geprägte „Klimaschutzfeiertage“ im Jahr vor, an denen wir uns zum Beispiel nicht ins Auto setzen.

Roth bekommt Zustimmung von seinen Zuhörern auf dem Hanauer Marktplatz – der am Freitagabend ein besonderer Ort war: Um die 30 Initiativen, Einrichtungen, Vereine und Unternehmen präsentierten in kleinen Pavillons ihre Angebote rund um Klima, Integration und Engagement, tauschten sich mit Besuchern aus. Später wurde in Gruppen debattiert, etwa über die Themen „Streitet Euch!“ oder „Ökologisch verträglich und sozial gerecht – wie kann das gehen?“. So schufen die Beteiligten einen „Demokratie-Raum“. Die Veranstaltung wurde von der inklusiven Bewegung „Menschen in Hanau“ (MIH) gestaltet und gehört zum Bundesprogramm „Demokratie leben!“, das in Hanau von der Awo koordiniert wird und demokratische Werte wie kulturelle Vielfalt und gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken soll. „Wir setzen uns für die Teilhabe aller ein und wollten nicht abstrakt über Demokratie sprechen, sondern über ganz konkrete, emotionale Themen diskutieren“, erklärt Sylvie Janka von MIH die Idee.

Der „Demokratie-Raum“ ist Teil des bundesweiten Förderprogramms „Demokratie leben!“, das Vielfalt sowie ein gewaltfreies und demokratisches Miteinander fördern soll. Mit der Koordination der Projekte hat die Stadt die Arbeiterwohlfahrt (Awo) beauftragt.

Die Veranstaltung auf dem Marktplatz wurde von der Initiative Menschen in Hanau – die Leute mit und ohne Behinderung, aus verschiedenen Generationen und Ländern zusammenbringen will – mitorganisiert und gestaltet.

Die Stände am Freitag waren bunt gemischt: Das Repair Café zum Beispiel informierte darüber, wie man dort Kaputtes wieder funktionsfähig macht und so die Umwelt schont. Der Arbeitskreis Asyl berichtete über seinen Einsatz für Geflüchtete, die „Omas gegen Rechts“ über Schubladen-Denken und das Behindertenwerk über seinen Unverpackt-Laden in Gelnhausen. Bei den Mitmachaktionen konnte man beispielsweise eine Fahrradrikscha ausprobieren. Und die Schauspieler von People’s Theatre zeigten in einem Stück, wie man beim „Plogging“ sowohl etwas für die eigene Gesundheit als auch für die Natur tun kann: Dabei joggt man und sammelt Müll auf.

Die Freiwilligenagentur, die Ehrenamtliche vermittelt, war ebenfalls Teil des Demokratie-Raums: „Bürgerschaftliches Engagement und Demokratie gehören zusammen“, betonte Leiterin Iris Fuchs. Ohne Engagement keine Demokratie, so Fuchs.

Sylvie Janka und Daniel Neß, der sich auch bei MIH engagiert, schätzen die Zahl der Besucher im Laufe des Abends auf 300. Etwa 100 Leute hätten an den Diskussionsrunden teilgenommen. Mehrere kamen nicht zustande, weil sie nicht auf genügend Interesse stießen, andere waren gut besucht. Neß und Janka werten den Demokratie-Raum als Erfolg. „Das Feedback ist positiv. Schon bei der Organisation wurden neue Kontakte geknüpft.“ Sie haben viele bekannte, aber auch neue Gesichter gesehen. MIH wollen demnächst die Erkenntnisse aus den Runden dokumentieren und das Format wiederholen. Es soll keine einmalige Sache werden, die im Sande verläuft. Auch eine Art „politischer Stammtisch“ sei denkbar.

Pfarrerin Heike Zick-Kuchinke aus Steinheim leitete mit Tim Koczkowiak von „Fridays for Future Hanau“ die Diskussion über Ökologie und soziale Gerechtigkeit. Koczkowiak erklärte ein wesentliches Ziel der Bewegung: zum Nachdenken darüber anzutreiben, was jeder im Alltag für das Klima tun kann. Die anderen Teilnehmer äußerten ihre Bewunderung für FFF und sagten Unterstützung zu. Kontrovers wurde etwa debattiert, welchen Institutionen man heute vertrauen kann. Und welche Folgen es für Erzeugerländer in Südamerika hat, wenn man nur noch regionale Lebensmittel einkauft.

Zick-Kuchinke zieht ein positives Fazit: „Es braucht solche unorthodoxen Formate und Räume, in denen man ins Gespräch kommen und sich austauschen kann.“

Weitere Informationen gibt es auf www.awo-hanau.de und auf der Seite www.menschen-in-hanau.de.

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