Ludwig Riffelmacher, Werkstattleiter der Firma H. J. Wilm. Bild: GFG

Geschichte

Hanau: Verstrickung und Verherrlichung

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Eine Studie beleuchtet die Deutsche Gesellschaft für Goldschmiedekunst in der Zeit des Nationalsozialismus. Aufgezeigt werden „enge Kontakte“ bis in „die oberste Riege“. 

Schon die Bilder sprechen Bände: Der silberne, für einen Wettbewerb der Deutschen Gesellschaft für Goldschmiedekunst (DGFG) gefertigte Teller, den Hitler 1934 als Geschenk bekommt. Das Foto von der Audienz bei Mussolini, der auch die Goldene Medaille der DGFG erhielt. Oder jenes von Göring mit Marschallstab mit Hakenkreuz, der in der Werkstatt des DGFG-Chefs Ferdinand Richard Wilm gemacht wurde. Nach dem Krieg sieht man Schmuck, bei dem das Nazisymbol einfach entfernt wurde, etwa auf der Präsidentenkette. Und Listen von Geehrten, in denen weiterhin Göring steht, Hitler und Mussolini aber verschwunden sind. Zeichen der Verdrängung und Verleugnung.

Die DGFG, die nun Gesellschaft für Goldschmiedekunst heißt, war zutiefst verstrickt mit dem Naziregime, verherrlichte es intensiv und profitierte stark davon. Das ist das Fazit der Studie „Das goldene Netzwerk“, welche die Geschichte der Gesellschaft im Nationalsozialismus untersucht. Das Buch der Historiker Andrea H. Schneider-Braunberger und Michael Bermejo, die für die Gesellschaft für Unternehmensgeschichte forschen, erscheint im Societäts-Verlag und ist in Kürze zum Preis von 20 Euro erhältlich.

Silberteller mit Hakenkreuz.  

Sie haben Archive, Jahrbücher, Akten sowie Nachlässe ausgewertet. Insgesamt sei die Quellenlage aber dünn, räumen die Autoren ein, was etwa daran liegt, dass die damalige Zentrale der DGFG in Berlin zerstört wurde. Dennoch haben sie viele Verflechtungen aufgedeckt: Bermejo spricht von „engen Kontakten“ bis in die oberste Riege, davon, dass sich die DGFG „voll und ganz in den Dienst des Regimes gestellt hat“.

Treibender Faktor war der an der Hanauer Zeichenakademie ausgebildete Berliner Juwelier Wilm, der die DGFG führte und in deren Publikationen für seine Firma warb. „Ehren und Schenken“, so Bermejo, war das Prinzip des 1933 in die NSDAP eingetretenen Wilm und der DGFG. Hitler und andere wurden mit Medaillen, Ehrenringen und Worten umschmeichelt, der Schmuck entsprach natürlich den Vorstellungen der Nazis. Sogar „Vierteljuden“ wurde die Mitgliedschaft in der DGFG verboten und das Präsidentenamt schließlich mit Goebbels’ Stellvertreter Hermann Esser besetzt, einem fanatischen Nazi und dem Verfasser von „Die jüdische Weltpest“.

Im Jahr 1932 wurde in Berlin die Deutsche Gesellschaft für Goldschmiedekunst (DGFG) gegründet, um die Kunst zu fördern. Zehn Jahre später wurde mit dem Deutschen Goldschmiedehaus im Altstädter Rathaus eine Dependance in Hanau eingerichtet.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verlegte die Gesellschaft ihren Sitz nach Hamburg. In den 1950er Jahren wurde das „Deutsche“ aus dem Namen gestrichen und die Vereinigung stärker international ausgerichtet, mit Wettbewerben wie der Silbertriennale. Seit 1985 hat die GFG ihren Sitz in Hanau, das auf eine große Gold- und Silberschmiedetradition zurückblicken kann. gha

www.goldschmiedehaus.com

Einer seiner Vorgänger bei der DGFG, Ludwig Roselius, wünschte den internationalen Gästen bei einem Kongress, sie bekämen auch einen Führer wie Hitler. Wilm und die anderen hätten sehr wohl gewusst, wen sie hofierten, sagen die Historiker. Im Gegenzug gab es Schutz, Fördergeld, Aufträge, teilweise von Hitler selbst angewiesen. Die Aussicht auf die „richtigen Kontakte“ führte dazu, dass sich die Mitgliederzahl vervielfachte. Wilm selbst verdiente offenbar an „arisiertem“ Schmuck mit und übernahm das jüdische Juweliergeschäft Marggraf in Berlin.

Auch Hanau profitierte. Wilm hatte bei einem seiner Besuche die Idee für eine DGFG-Zweigstelle im Altstädter Rathaus. Dank seiner Kontakte wurde die Bausperre im Krieg aufgehoben und das Haus in kurzer Zeit umgebaut. Das Reichspostministerium druckte eine Sonderpostkarte des Goldschmiedehauses; Firmen aus Hanau stellten die Marschallstäbe und anderen Nazischmuck her.

Mit der Studie habe die Gesellschaft dem Vergessen ein Ende gesetzt, lauteten die Schlussworte Bermejos. Bleibt hinzuzufügen, dass dies viel früher hätte geschehen müssen. Jahrzehntelang wurden die Verstrickungen nicht angemessen aufgearbeitet. Richtig in Gang kam die Sache erst, als der Schweizer Künstler Bernhard Schobinger 2016 den Ehrenring ablehnte, weil auf der Liste der Träger Leute wie Wilm stehen. Schobingers Protest wurde erst nicht nach außen kommuniziert.

Christanne Weber-Stöber, Geschäftsführerin der Gesellschaft und Leiterin des Goldschmiedehauses, betont aber, sie habe schon vor langer Zeit eine umfassende Aufklärung angemahnt und nichts verschwiegen.

Vorher war das Interesse kaum vorhanden, es wurde wohl einiges unter der Decke gehalten. Ein möglicher Grund: Im Vorstand waren früher Leute mit Verbindungen zur Familie Wilm.

Spannend und kenntnisreich ist die Studie. Viele Fragen bleiben jedoch offen. Vor allem, weil Dokumente fehlen, kleinere Juweliere zum Beispiel stehen kaum in Archiven. Aber auch, da das Budget der Forscher begrenzt war. Weil eine Liste fehlt, bleibt unklar, wer alles zu den Mitgliedern zählte und inwiefern weitere verstrickt waren: Schneider-Braunberger und Bermejo sehen viele neue Aspekte, etwa: Wer schlug aus Edelsteinen aus Vernichtungslagern Kapital? Vor Gericht wurde Wilm freigesprochen, doch richtig aufgeklärt wurde der Fall nicht – wie viele andere.

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