Hanau

Hanau: Dem Verein „Lawine“ droht wegen des Lockdowns ein hohes Defizit

  • Detlef Sundermann
    vonDetlef Sundermann
    schließen

Der Beratungsstelle für Betroffene von sexueller Gewalt in Hanau fehlen Einnahmen. Um auch weiterhin Opfern zu helfen, fordern die Verantwortlichen ein neues Finanzierungssystem

Dem Verein Lawine, Fachberatungsstelle für Betroffene von sexueller Gewalt, droht ein finanzielles Fiasko. Die Kontaktbeschränkungen wegen der Corona-Pandemie haben nicht allein die beratende und therapeutische Arbeit beeinträchtigt, sondern dem Verein auch die Möglichkeit genommen, etwa mit Seminaren und Benefizveranstaltungen wichtige Einnahmen zu erhalten. Der kommunale Zuschuss, den sich hauptsächlich die Stadt Hanau und der Main-Kinzig-Kreis teilen, reiche nur zu 50 Prozent, um das Jahresbudget zu decken, so der Verein. Der fordert nun eine sichere Finanzierung durch die öffentliche Hand.

„Mit der Corona-Krise verstärken sich alle Probleme“, sagt Nadine Chaudhuri. Sie ist eine der mittlerweile nur noch vier Pädagoginnen und Sozialpädagoginnen bei Lawine und meint dies nicht allein im Bezug auf Geld. Bis vor kurzem seien sie noch zu fünft gewesen. „Eine Kollegin hat gekündigt, weil sie wegen der Corona-Krise keine Kinderbetreuung mehr hatte“, sagt Chaudhuri. Aufgrund der Kontaktsperre seien zwar die Besuchsaktivitäten heruntergefahren worden, aber die Arbeit nicht weniger geworden. Beratung und therapeutische Angebote seien über Telefon, Videoübertragung oder per E-Mail fortgesetzt worden. „Die Technik ersetzt keinesfalls eine Face-to-face-Beratung“, sagt Chaudhuri. „Es ging jetzt in erster Linie darum, Kontakte aufrechtzuerhalten. Um zu zeigen, wir sind noch da.“

Anlaufstelle

Die Beratungsstelle für Betroffene von sexueller Gewalt besteht seit 1991, seit 1999 in der Trägerschaft von Lawine.

Beratung und Hilfe sind niederschwellig für Kinder bis zum Alter von zwölf Jahren, danach nur für Frauen. Männliche Betroffene wenden sich an die Hanauer Hilfe.

Eine Facette sind Präventions- und Fortbildungsangebote für verschiedene Berufsgruppen sowie Präventionsprojekte etwa in Schulen.

2019 gab es bei Lawine 267 Beratungs- und Therapiefälle. 

Nun solle der Normalbetrieb wieder anlaufen, unter den derzeitigen Hygieneauflagen. Allerdings sei durch die Corona-Krise ein finanzieller Engpass entstanden, und im schlimmsten Fall müsse das Angebot gekürzt werden. Das wäre jedoch ein ungünstiger Antizyklus. Denn bei Lawine rechnet man damit, dass mit der Normalisierung des Alltags der Beratungsbedarf steigen wird, auch weil die soziale Kontrolle, etwa der Schulen und Kitas, wieder funktioniere.

Wichtige Säulen der Finanzierung wie Fort- und Weiterbildung für verschiedene Berufsgruppen oder Benefizveranstaltungen seien seit Mitte März auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. Laut Chaudhuri beträgt die perspektivische Deckungslücke für 2020 rund 70 000 Euro bei einem Jahresbudget in Höhe von 250 000 Euro. Die Rücklagen seien zudem weitgehend aufgezehrt. Das Geld sei benötigt worden, damit die hauptamtlichen Teilzeitkräfte und die Verwaltungsangestellte bis Mai bezahlt werden konnten. Stadt und Kreis hätten für 2020 ihren Zuschuss zugesichert, heißt es. Die 50:50-Regelung zeige jedoch in Krisenzeit ihre Schwäche, wenn keine eigene Einnahmen generiert werden können, so Lawine. Der Verein befürchtet zudem, dass in diesem Jahr die „Spendeneinnahmen in einem erheblichen und noch nicht absehbaren Ausmaß zurückgehen werden“. Lawine schließt sich daher der bundesweiten Forderung der Fachberatungsstellen an, die öffentliche Hand müsse die Kosten dauerhaft zu 100 Prozent finanzieren. Der Verein will hierzu das Gespräch mit den kommunalen Zuschussgebern suchen. Eine Vollalimentierung würde dem Verein auch erlauben, sich mehr auf die eigentlichen Aufgaben zu konzentrieren, statt Zeit und Kraft etwa für das Werben um Spenden zu verwenden, so Chaudhuri.

Auf Anfrage der FR machte die Stadt Hanau und Main-Kinzig-Kreis keine konkrete Aussagen. Zurzeit sei es noch zu früh, über einen Unterstützungsplan zu reden, heißt es aus dem Landratsamt. Anderen Beratungsstellen im Kreis gehe es ähnlich wie Lawine, daher müsse eine Gesamtlösung gefunden werden. Der Kreis versichert jedoch: „Wir lassen den Verein Lawine nicht im Regen stehen.“

Weitere Informationen unter www.lawine-ev.de oder www.hanauer-hilfe.de.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare