Hanau

Hanau: Überraschung im Mordprozess gegen Sektenchefin

  • vonThorsten Becker
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Das Gericht betont im Hanauer Sektenprozess, dass auch ein „Mord durch Unterlassung“ in Frage kommt.

Im Hanauer Sektenprozess hat die Schwurgerichtskammer unter ihrem Vorsitzenden Richter Peter Graßmück am Ende des 19. Verhandlungstags mit einem ersten „rechtlichen Hinweis“ für eine Überraschung gesorgt. Danach hält sie eine Verurteilung der angeklagten mutmaßlichen Sektenführerin Sylvia D. wegen „Mordes durch Unterlassung“ für möglich.

Es waren zwei Sätze: „In der Anklage ist ein Mord durch Begehung nach Paragraf 211 angeklagt. Es ergeht der rechtliche Hinweis, dass auch eine Verurteilung wegen Mordes durch Unterlassen oder versuchten Mordes durch Unterlassen in Betracht kommen kann.“ Diese Sätze haben es in sich. Denn ein Gericht ist verpflichtet, allen Beteiligten mitzuteilen, falls es die Auffassung vertritt, dass seit Verlesen der Anklageschrift im Oktober 2019 durch die Beweisaufnahme eine neue rechtliche Situation eingetreten sein könnte.

Einer der Auslöser könnte die jüngste Aussage von Martin D., dem ältesten Sohn der Angeklaten, gewesen sein. Der Sohn will gesehen haben, dass seine Mutter an jenem Tag, dem 17. August 1988, im Haus gewesen ist und offenbar nichts unternommen hat, um den schreienden, in einem Sack eingeschnürten Jan H. zu befreien. Als ihr Mann und Jans Mutter vom Wochenmarkt heimgekommen seien, hätten sie den leblosen Jan H. entdeckt. Die Angeklagte, eine ausgebildete Krankenschwester, habe sich nicht am Reanimationsversuch beteiligt.

Ein weiterer Grund für den rechtlichen Hinweis könnte ebenso die Aussage des ersten Gutachters gewesen sein: Marcel Verhoff, der Chef des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Frankfurt, hatte ausgesagt, dass der Sack, in dem das Kind gesteckt habe, „letztlich Ursache für den Tod“ gewesen sein könnte. Sein rechtsmedizinisches Gutachten kommt zu dem Schluss, dass „jeder vernünftige Mensch erkennen muss, dass es keine kindgerechte Behandlung ist, ein Kind in einem Sack zu verschnüren“. Daher habe er „keinen Zweifel“ an einem „Tod durch ein äußeres Ereignis“ und gehe von einem „nicht natürlichen Tod“ aus.

Urteile gegen Sohn verlesen

Der rechtliche Hinweis war das Ende eines sehr kurzen Verhandlungstags, den die Kammer vor allem anberaumt hatte, um auf Antrag der beiden Verteidiger von Sylvia D. Urteile aus den Jahren 1994 und 2000 zu verlesen. Beide waren gegen ihren Sohn, der sie im Mordprozess schwer belastet, vom Amts- sowie Landgericht Hanau verhängt worden.

Bereits bei seiner Vernehmung hatte der heute 46-Jährige eingeräumt, nach dem „Rausschmiss“ aus seinem Elternhaus eine „wilde Zeit“ gehabt zu haben. In den Jahren 1995 bis 1997 war er in 23 Fällen wegen Betrugs, Unterschlagungen und Vortäuschen einer Straftat zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren auf Bewährung verurteilt worden.

Klaus Demisch, der damalige Gutachter, hatte damals Martin D. eine verminderte Schuldfähigkeit attestiert, weil eine Persönlichkeitsstörung vorgelegen habe. Als Ursachen dafür hatte der damalige Chef der Hanauer Psychiatrie die „besonders getönte Religiosität der Eltern“ und den „besonderen Einfluss der Mutter“ genannt.

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